Sex unter Cannabis-Einfluss – das klingt nach einem Mix aus Klischee und Sehnsucht: ein bisschen weicher, ein bisschen wilder, vielleicht auch einfach nur freier. Während in manchen Schlafzimmern längst experimentiert wird, beginnt die Wissenschaft erst, hinter die Schleier aus Dunst und Verheißung zu blicken. Wie verändert Cannabis unsere Sexualität? Was sagen Studien – und was bleibt Gefühl? Klar ist: Wo Lust und Substanz aufeinandertreffen, wird es persönlich, politisch und faszinierend kompliziert.
Von außen wirkt alles entspannt. Die Schultern fallen weich ins Kissen, die Musik wiegt sich durch den Raum. Rauchschwaden hängen in der Luft. Und irgendwo zwischen Zärtlichkeit und Zeitlupe stellt sich ein Gefühl ein, das in immer mehr Erfahrungsberichten auftaucht: "Bekifft" Sex zu haben sei intensiver, intimer, lustvoller. Doch was steckt hinter diesem Ruf? Sind das nur moderne Mythen aus den Schlafzimmern von Cannabis-Konsumierenden – oder lässt sich dieses Gefühl auch wissenschaftlich greifen? Dieser Artikel handelt von einer alten Substanz, neuen Studien und der großen Frage nach besserem Sex.
Zwei aktuelle Studien zum Thema Cannabis und Sex liefern nun Hinweise, die sich nicht von der Hand weisen lassen. Die erste, eine systematische Übersichtsarbeit (2024), analysiert über Jahrzehnte verstreute Forschung zur Wirkung von Cannabis auf die menschliche Sexualität – und kommt zu einem differenzierten, aber klaren Befund: Der Konsum von Cannabis kann, in niedriger bis mittlerer Dosis, sexuelle Funktionen wie Lust, Erregung und Orgasmus verstärken – vor allem bei Frauen.[1]
Die zweite, eine groß angelegte Online-Studie mit über 800 Personen (2023), ergänzt dieses Bild mit praktischer Erfahrung: Über 70 % der Befragten gaben an, dass Cannabis ihre sexuelle Lust und Orgasmusintensität steigere. Viele berichteten zudem von intensiverem Geschmack, verstärktem Tastsinn und mehr Genuss beim Masturbieren – insbesondere dann, wenn Cannabis bewusst vor dem Sex konsumiert wurde.[2]
Was genau verändert sich? Studien zeigen: Cannabis beeinflusst das sogenannte endogene Cannabinoid-System, das im Gehirn unter anderem für Lustempfinden, Motivation, Schmerzverarbeitung und emotionale Reaktionen zuständig ist. In bestimmten Hirnarealen – etwa im limbischen System – sitzen Rezeptoren, die auf THC ansprechen wie ein Schloss auf seinen Schlüssel. Die Folge: Entspannung. Erhöhte Sinneswahrnehmung. Zeitdehnung. Und mitunter ein Körpergefühl, das so fein wird, dass selbst eine kleine Berührung zum Ereignis wird.[1]
Frauen profitieren potenziell stärker als Männer: Sie berichten häufiger von gesteigerter Lust, besserer Orgasmusfähigkeit und einem entspannteren Zugang zur eigenen Sexualität.[2] Auch Schmerzstörungen wie Dyspareunie oder Vulvodynie könnten durch die muskelentspannende Wirkung gelindert werden – ein medizinischer Aspekt, der in der Wissenschaft und der Cannabis-Therapie bisher kaum beachtet wird.[1]
Bei Männern zeigt sich ein ambivalenteres Bild. Während viele keine negativen Effekte auf die Erektion bemerkten [2], weisen andere Studien auf eine höhere Wahrscheinlichkeit von Erektionsstörungen bei langfristigem oder hochdosiertem Cannabis-Konsum hin [2]. Der Einfluss scheint also dosisabhängig – und individuell.
Jennifer Plankenbühler, Lead Medical PR bei avaay, ergänzt:
“Die bisherigen Erkenntnisse sind medizinisch wie gesellschaftlich hochspannend – gerade mit Blick auf Schmerzstörungen bei Frauen. Aber wir stehen noch ganz am Anfang. Wir brauchen dringend mehr Forschung, um das Potenzial von Cannabis in diesem sensiblen Bereich wirklich zu verstehen.”
Beide genannten Studien betonen eine zentrale Erkenntnis:
Auch das gewählte Cannabisprodukt spielt eine Rolle: Besonders Produkte mit THC-reichen Cannabisblüten oder Wachs wurden in der Online-Studie als förderlich empfunden.[2]
Cannabis könnte – und das ist vielleicht die überraschendste Erkenntnis – einen Beitrag zur Gleichberechtigung im Bett leisten. Während Männer bei heterosexuellem Sex routinemäßig zum Orgasmus kommen, gilt das für Frauen deutlich seltener. Diese sogenannte „Orgasm Gap“ könnte durch bewussten, verantwortungsvollen Cannabiskonsum zumindest teilweise geschlossen werden – so das Fazit der Autor:innen der Studie “The influence of cannabis on sexual functioning and satisfaction”.[2]
Cannabis könnte offenbar dabei helfen, mentale Barrieren abzubauen – Scham, Leistungsdruck, Unsicherheiten. Es könnte einen Raum schaffen, in dem sich neue Erfahrungen entwickeln können. Vorausgesetzt, es wird mit Absicht und Achtsamkeit konsumiert – nicht aus Gewohnheit oder Kompensation.[2]
Cannabis ist kein Zaubermittel für besseren Sex. Es ist auch kein Aphrodisiakum im klassischen Sinn. Es ist vielmehr ein Verstärker: von Stimmungen, Sinneseindrücken, Begehren – aber auch von Unsicherheit, Nervosität oder Distanz.
Wie in der Sexualität selbst, geht es auch hier um das Zusammenspiel: von Körper, Psyche und Kontext. Wer Cannabis als bewussten Teil seiner Sexualität einsetzt, könnte intensivere, freiere und lustvollere Erfahrungen machen. Wer hingegen zu viel oder aus den falschen Gründen konsumiert, riskiert genau das Gegenteil. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wirkt Cannabis aphrodisierend?“ Sondern: "Wie bewusst gestalten wir unseren Konsum - und mit welcher Intention?"
[1] Lissitsa, D., Hovers, M., Shamuilova, M., Ezrapour, T., & Peled-Avron, L. (2024). Update on cannabis in human sexuality. Psychopharmacology, 241, 1721–1730.
[2] Moser, A., Ballard, S. M., Jensen, J., & et al. (2023). The influence of cannabis on sexual functioning and satisfaction. Journal of Cannabis Research, 5, 2.