avaay Medical
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August 29
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4 min

Cannabis-Wirkung: Sexualität im Rausch der Sinne

Sex unter Cannabis-Einfluss – das klingt nach einem Mix aus Klischee und Sehnsucht: ein bisschen weicher, ein bisschen wilder, vielleicht auch einfach nur freier. Während in manchen Schlafzimmern längst experimentiert wird, beginnt die Wissenschaft erst, hinter die Schleier aus Dunst und Verheißung zu blicken. Wie verändert Cannabis unsere Sexualität? Was sagen Studien – und was bleibt Gefühl? Klar ist: Wo Lust und Substanz aufeinandertreffen, wird es persönlich, politisch und faszinierend kompliziert.


  • Cannabis könnte Lust und Orgasmus intensivieren – besonders bei Frauen. Studien zeigen: Niedrige bis mittlere Dosen könnten sexuelle Erregung, Lust und Orgasmusfähigkeit steigern. Frauen profitieren tendenziell stärker.
  • Die Wirkung ist stark dosisabhängig. Während moderate Mengen entspannen und Sinnlichkeit fördern könnten, können hohe Dosen zu Leistungsproblemen, Lustlosigkeit oder innerem Rückzug führen.
  • Cannabis verstärkt emotionale Nähe – oder auch Unsicherheit. THC wirkt nicht nur körperlich, sondern auch emotional: Es könnte Scham und Leistungsdruck abbauen und Nähe fördern – oder bei falschem Setting Ängste und Unsicherheit verstärken.
  • Viele Nutzer:innen empfinden den Sex als länger und intensiver – was eher an veränderter Zeitwahrnehmung und intensiverer Sinnlichkeit liegt als an tatsächlicher körperlicher Leistungssteigerung.
  • Cannabis ist kein Aphrodisiakum – aber ein emotionaler Verstärker. Nicht die Substanz selbst macht den Sex besser, sondern die bewusste, achtsame Anwendung

Von außen wirkt alles entspannt. Die Schultern fallen weich ins Kissen, die Musik wiegt sich durch den Raum. Rauchschwaden hängen in der Luft. Und irgendwo zwischen Zärtlichkeit und Zeitlupe stellt sich ein Gefühl ein, das in immer mehr Erfahrungsberichten auftaucht: "Bekifft" Sex zu haben sei intensiver, intimer, lustvoller. Doch was steckt hinter diesem Ruf? Sind das nur moderne Mythen aus den Schlafzimmern von Cannabis-Konsumierenden – oder lässt sich dieses Gefühl auch wissenschaftlich greifen? Dieser Artikel handelt von einer alten Substanz, neuen Studien und der großen Frage nach besserem Sex.

Cannabis und Sex – ein Gefühl wird zur Forschungsfrage

Zwei aktuelle Studien zum Thema Cannabis und Sex liefern nun Hinweise, die sich nicht von der Hand weisen lassen. Die erste, eine systematische Übersichtsarbeit (2024), analysiert über Jahrzehnte verstreute Forschung zur Wirkung von Cannabis auf die menschliche Sexualität – und kommt zu einem differenzierten, aber klaren Befund: Der Konsum von Cannabis kann, in niedriger bis mittlerer Dosis, sexuelle Funktionen wie Lust, Erregung und Orgasmus verstärken – vor allem bei Frauen.[1]

Die zweite, eine groß angelegte Online-Studie mit über 800 Personen (2023), ergänzt dieses Bild mit praktischer Erfahrung: Über 70 % der Befragten gaben an, dass Cannabis ihre sexuelle Lust und Orgasmusintensität steigere. Viele berichteten zudem von intensiverem Geschmack, verstärktem Tastsinn und mehr Genuss beim Masturbieren – insbesondere dann, wenn Cannabis bewusst vor dem Sex konsumiert wurde.[2]

Wirkung von Cannabis auf die Sexualität: Zwischen Rausch und Realität

Was genau verändert sich? Studien zeigen: Cannabis beeinflusst das sogenannte endogene Cannabinoid-System, das im Gehirn unter anderem für Lustempfinden, Motivation, Schmerzverarbeitung und emotionale Reaktionen zuständig ist. In bestimmten Hirnarealen – etwa im limbischen System – sitzen Rezeptoren, die auf THC ansprechen wie ein Schloss auf seinen Schlüssel. Die Folge: Entspannung. Erhöhte Sinneswahrnehmung. Zeitdehnung. Und mitunter ein Körpergefühl, das so fein wird, dass selbst eine kleine Berührung zum Ereignis wird.[1]

Frauen profitieren potenziell stärker als Männer: Sie berichten häufiger von gesteigerter Lust, besserer Orgasmusfähigkeit und einem entspannteren Zugang zur eigenen Sexualität.[2] Auch Schmerzstörungen wie Dyspareunie oder Vulvodynie könnten durch die muskelentspannende Wirkung gelindert werden – ein medizinischer Aspekt, der in der Wissenschaft und der Cannabis-Therapie bisher kaum beachtet wird.[1]

Bei Männern zeigt sich ein ambivalenteres Bild. Während viele keine negativen Effekte auf die Erektion bemerkten [2], weisen andere Studien auf eine höhere Wahrscheinlichkeit von Erektionsstörungen bei langfristigem oder hochdosiertem Cannabis-Konsum hin [2]. Der Einfluss scheint also dosisabhängig – und individuell.

Jennifer Plankenbühler, Lead Medical PR bei avaay, ergänzt:

“Die bisherigen Erkenntnisse sind medizinisch wie gesellschaftlich hochspannend – gerade mit Blick auf Schmerzstörungen bei Frauen. Aber wir stehen noch ganz am Anfang. Wir brauchen dringend mehr Forschung, um das Potenzial von Cannabis in diesem sensiblen Bereich wirklich zu verstehen.”

Cannabis-Konsum: Die Dosis macht den Unterschied

Beide genannten Studien betonen eine zentrale Erkenntnis:

  • Niedrige bis moderate Dosen fördern Lust, Entspannung und Sinnlichkeit.
  • Hohe Dosen könnten diese Effekte ins Gegenteil verkehren – mit Lustlosigkeit, Leistungsproblemen oder innerer Distanz als Folge.[1]

Auch das gewählte Cannabisprodukt spielt eine Rolle: Besonders Produkte mit THC-reichen Cannabisblüten oder Wachs wurden in der Online-Studie als förderlich empfunden.[2]

Mehr Lust, weniger Scham – für alle Cannabis-Konsumenten?

Cannabis könnte – und das ist vielleicht die überraschendste Erkenntnis – einen Beitrag zur Gleichberechtigung im Bett leisten. Während Männer bei heterosexuellem Sex routinemäßig zum Orgasmus kommen, gilt das für Frauen deutlich seltener. Diese sogenannte „Orgasm Gap“ könnte durch bewussten, verantwortungsvollen Cannabiskonsum zumindest teilweise geschlossen werden – so das Fazit der Autor:innen der Studie “The influence of cannabis on sexual functioning and satisfaction”.[2]

Cannabis könnte offenbar dabei helfen, mentale Barrieren abzubauen – Scham, Leistungsdruck, Unsicherheiten. Es könnte einen Raum schaffen, in dem sich neue Erfahrungen entwickeln können. Vorausgesetzt, es wird mit Absicht und Achtsamkeit konsumiert – nicht aus Gewohnheit oder Kompensation.[2]

Kein Aphrodisiakum – aber ein Verstärker

Cannabis ist kein Zaubermittel für besseren Sex. Es ist auch kein Aphrodisiakum im klassischen Sinn. Es ist vielmehr ein Verstärker: von Stimmungen, Sinneseindrücken, Begehren – aber auch von Unsicherheit, Nervosität oder Distanz.

Wie in der Sexualität selbst, geht es auch hier um das Zusammenspiel: von Körper, Psyche und Kontext. Wer Cannabis als bewussten Teil seiner Sexualität einsetzt, könnte intensivere, freiere und lustvollere Erfahrungen machen. Wer hingegen zu viel oder aus den falschen Gründen konsumiert, riskiert genau das Gegenteil. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wirkt Cannabis aphrodisierend?“ Sondern: "Wie bewusst gestalten wir unseren Konsum - und mit welcher Intention?"


FAQ

Cannabis könnte die Libido steigern, insbesondere bei bewusster Anwendung und niedriger Dosis. Bei zu viel THC oder ungünstigem Setting kann der gegenteilige Effekt eintreten. In einer Übersichtsarbeit aus 2024 wird berichtet, dass niedrige Dosen mit gesteigerter sexueller Lust und häufigerer sexueller Aktivität einhergehen. Bei hohen Dosen hingegen kann es zu einem Rückgang der Libido und sexuellen Leistungsfähigkeit kommen.[1] Eine andere Studie aus 2023 zeigt ebenfalls: Über 70 % der Befragten gaben an, dass Cannabis ihre sexuelle Lust (Libido) gesteigert hat – insbesondere Frauen. Außerdem war bewusster Konsum vor dem Sex mit einem noch stärkeren Anstieg der Lust verbunden.[2]

Cannabis kann den Sex subjektiv länger erscheinen lassen – nicht unbedingt, weil die körperliche Ausdauer steigt, sondern weil sich unter THC die Zeitwahrnehmung verändern kann. Studien zeigen: Viele Nutzer:innen berichten von verlängerten sexuellen Begegnungen, insbesondere Männer.[2] Vermutlich spielt dabei auch eine intensivere Wahrnehmung von Berührung und eine entspanntere Stimmung eine Rolle. Zudem könnte Cannabis zu einem zärtlicheren, langsameren Tempo führen, was den Eindruck einer längeren Dauer verstärken könnte. Objektive Belege für eine tatsächliche Steigerung der körperlichen Ausdauer gibt es bislang jedoch nicht. Tierstudien konnten diesen Effekt ebenfalls nicht nachweisen.[1] Entscheidend scheint also nicht der Körper, sondern der Kopf zu sein – und wie sehr man sich im Moment verliert.

Cannabis ist kein klassisches Potenzmittel – also kein Wirkstoff, der gezielt die Erektion fördert wie Viagra. Die Wirkung auf die Potenz ist vielmehr ambivalent und stark dosisabhängig. Einige Männer berichten unter moderaten Mengen Cannabis von verbesserter Erregbarkeit, gesteigerter Lust und intensiveren Orgasmen.[2] Andere Studien zeigen jedoch, dass regelmäßiger oder hochdosierter Konsum mit einem erhöhten Risiko für Erektionsstörungen einhergeht.[2] Auch die entspannende Wirkung könnte in manchen Fällen die Erektionsfähigkeit dämpfen, statt sie zu steigern. Kurz gesagt: Cannabis kann die Potenz fördern – oder auch hemmen, je nach Dosis, individueller Veranlagung und Kontext. Wer gezielt ein Mittel gegen Erektionsprobleme sucht, sollte Cannabis also nicht als verlässliches Potenzmittel betrachten.
Cannabis kann emotionale Nähe beim Sex intensivieren – viele Menschen berichten unter Einfluss von THC von mehr Entspannung, Zärtlichkeit, Offenheit und Verbundenheit mit dem Partner.[2] Es kann helfen, Scham oder sexuelle Hemmungen abzubauen und dadurch die emotionale Qualität des Erlebens steigern. Besonders bei Frauen wurden verstärkte Lustgefühle und ein größerer Zugang zu emotionaler Intimität beobachtet.[1]



Quellen

[1] Lissitsa, D., Hovers, M., Shamuilova, M., Ezrapour, T., & Peled-Avron, L. (2024). Update on cannabis in human sexuality. Psychopharmacology, 241, 1721–1730.

[2] Moser, A., Ballard, S. M., Jensen, J., & et al. (2023). The influence of cannabis on sexual functioning and satisfaction. Journal of Cannabis Research, 5, 2.

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