Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehören zu den belastendsten Diagnosen der Inneren Medizin. Sie verlaufen schubweise, verursachen Schmerzen, Durchfälle, Erschöpfung – und sie lassen sich bis heute nicht heilen. Viele Betroffene suchen deshalb nach Behandlungen, die Symptome lindern. Seit einigen Jahren rückt dabei auch medizinisches Cannabis in den Fokus. Doch was sagt die Wissenschaft dazu?
Das Endocannabinoid-System ist ein körpereigenes Regulationsnetzwerk, das eine wichtige Rolle im Verdauungstrakt spielt. Es besteht aus Cannabinoid-Rezeptoren (CB1 und CB2), Botenstoffen und den Enzymen, die sie auf- und abbauen. Diese Rezeptoren finden sich im Darm unter anderem in Nervenzellen, Immunzellen und der Schleimhaut. Also genau dort, wo bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zentrale Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten.[1]
Über dieses System steuert der Körper Funktionen wie Darmbewegung, Sekretion, Schmerzempfinden, Immunreaktionen und die Barrierefunktion der Darmschleimhaut. Cannabinoide wie THC und CBD können an die gleichen Rezeptoren binden wie die körpereigenen Stoffe. Dadurch könnten sie in Abläufe eingreifen, die bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gestört sind.[1]
Bertan Türemis, Diplom-Neurobiologe und Senior Medical Science Liaison Manager bei der Sanity Group, erklärt:
"Studien zeigen: Das Endocannabinoidsystem im Darm reguliert Schmerz, Entzündungen und Motilität. Aktiviert durch THC und CBD kann es Überreaktionen des Immunsystems bremsen und so Krämpfe, Übelkeit und Schmerzen lindern.“[2]
Doch bevor wir uns genauer ansehen, was die aktuelle Forschung zu Cannabis bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sagt, lohnt ein Schritt zurück.
Morbus Crohn ist eine chronische, entzündliche Erkrankung des Magen-Darm-Trakts. Typisch ist, dass sich die Entzündungen in jedem Abschnitt des Verdauungssystems bilden können – vom Mund bis zum After –, am häufigsten jedoch im Übergang zwischen Dünn- und Dickdarm. Die Krankheit verläuft in Schüben: Phasen mit starken Beschwerden wechseln sich mit ruhigeren Zeiten ab.
Zu den typischen Symptomen gehören Bauchschmerzen, Durchfall, Gewichtsverlust, Müdigkeit und häufig auch Appetitlosigkeit. Die Entzündung kann tief in die Darmwand eindringen, wodurch Komplikationen wie Fisteln, Abszesse oder Verengungen entstehen können. Warum die Krankheit entsteht, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, einem fehlgeleiteten Immunsystem und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
Morbus Crohn ist nicht heilbar, aber gut behandelbar. Moderne Therapien zielen darauf ab, die Entzündung im Magen-Darm-Trakt zu kontrollieren, Schübe zu verhindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Gleich mehrere Studien kommen zu demselben Ergebnis: Cannabis könnte Menschen mit aktivem Morbus Crohn deutlich entlasten. Cannabis-Patient:innen berichten von weniger Bauchschmerzen, besserem Schlaf, mehr Appetit und einem verbesserten allgemeinen Wohlbefinden.[1,3,4]
Mit anderen Worten: Cannabis könnte Betroffenen helfen, indem es Beschwerden lindert.
So deutlich Studien die mögliche Verbesserung von Symptomen zeigen, so klar zeigen sie auch die Grenzen: Keine der Studien zeigt, dass Cannabis die Entzündung im Darm reduziert.[1,3,4]
CRP (ein Entzündungsmarker im Blut), Calprotectin (ein Entzündungsmarker im Stuhl) und endoskopische Befunde (sichtbare Entzündungszeichen im Darm bei einer Spiegelung) blieben unverändert – auch wenn sich die Patient:innen deutlich besser fühlten. Genau das macht die Einschätzung so wichtig: Cannabis kann auf das Wohlbefinden wirken, nicht auf die Krankheitsaktivität im Gewebe.
Diese Trennung betont übrigens auch die medizinische Leitlinie in Deutschland.
In Deutschland fassen medizinische Fachgesellschaften den aktuellen Stand der Forschung in sogenannten S3-Leitlinien zusammen. Diese gelten als der „Goldstandard“ für ärztliche Entscheidungen, weil sie auf systematischen Literaturanalysen und dem Konsens vieler Expert:innen beruhen. Kurz gesagt: Hier steht drin, was nach aktuellem Wissen als gute medizinische Praxis gilt.
Die 2024 aktualisierte S3-Leitlinie zu Morbus Crohn bewertet auch den Einsatz von Cannabis.[5] Und ihre Einschätzung fällt differenziert aus.
Bertan Türemis bringt es so auf den Punkt:
„Die deutsche S3-Leitlinie für Morbus Crohn von 2024 erkennt die Evidenzlage an. Wenn herkömmliche Medikamente nicht ausreichend wirksam oder verträglich sind, kann eine Therapie mit Cannabis-basierten Arzneimitteln erwogen werden – vor allem zur Linderung von abdominellen Schmerzen oder bei Appetitverlust. Zugleich warnt sie aber auch: Cannabis soll nicht zur Behandlung von akuten Entzündungen eingesetzt werden. Denn die Studienlage erlaubt bislang keine sichere Aussage über einen entzündungshemmenden Effekt.“[2]
Damit entspricht die Einschätzung der Leitlinie genau dem, was die Studien zeigen: Cannabis könnte dabei helfen, den Alltag mit Morbus Crohn leichter zu bewältigen, ersetzt aber keine entzündungshemmende Therapie.
Doch wie sieht die Studienlage bei Cannabis gegen Colitis ulcerosa aus? Und was ist das überhaupt für eine Erkrankung?
Colitis ulcerosa gehört wie Morbus Crohn zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Im Unterschied zu Morbus Crohn, der den gesamten Magen-Darm-Trakt betreffen kann, beschränkt sich Colitis ulcerosa ausschließlich auf den Dickdarm, meist beginnend im Enddarm und sich von dort kontinuierlich ausbreitend. Die Entzündung sitzt zudem nur in der obersten Schleimhautschicht, während sie bei Morbus Crohn oft tief in die Darmwand eindringt.
Typische Symptome sind blutiger Durchfall, krampfartige Bauchschmerzen, starker Stuhldrang, Gewichtsverlust und Erschöpfung. Viele Betroffene erleben die Erkrankung in Schüben – mit Phasen starker Beschwerden und Zeiten relativer Ruhe. Warum Colitis ulcerosa entsteht, ist ebenfalls nicht abschließend geklärt. Angenommen wird ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, einer Fehlregulation des Immunsystems und Umweltfaktoren.
Im Vergleich zu Morbus Crohn verläuft Colitis ulcerosa oft flächiger, aber weniger tief. Komplikationen betreffen vor allem die Schleimhaut, während Crohn häufiger Fisteln, Abszesse oder narbige Verengungen verursacht. Beide Erkrankungen sind nicht heilbar.

Die Forschung zu Cannabis bei Colitis ulcerosa ist deutlich dünner als bei Morbus Crohn – und die bisherigen Ergebnisse fallen gemischt aus. Die Studien zeigen übereinstimmend: Cannabis kann Symptome lindern, aber die Entzündung im Darm verändert sich meist nicht deutlich.
Mehrere Studien zeigen, dass sich Patient:innen unter Cannabis oft spürbar besser fühlen: weniger Bauchschmerzen, weniger Durchfall, mehr Appetit und insgesamt mehr Wohlbefinden. Diese Verbesserungen lassen sich auch in Messwerten wiederfinden – zum Beispiel sank in einer Studie der sogenannte Disease Activity Index (ein Symptom-Score) nach acht Wochen deutlich.[6,7]
Auch eine Meta-Analyse aus 2023 bestätigt: Unter Cannabinoiden verbesserten sich sowohl die Beschwerden als auch die Lebensqualität der Patient:innen.[7]
So deutlich die mögliche Linderung der Beschwerden ausfällt, so klar zeigt sich ein Ergebnis, das dem von Morbus Crohn gleicht: Cannabis senkt weder CRP (Entzündungsmarker im Blut) noch Calprotectin (Entzündungsmarker im Stuhl) zuverlässig – und auch endoskopische Befunde (sichtbare Entzündungen bei einer Darmspiegelung) verbessern sich kaum oder gar nicht.[6,7]
Kurz gesagt: kein signifikanter Effekt auf Entzündungsmarker oder Schleimhautheilung.
Studien-Teilnehmer:innen berichteten häufiger Nebenwirkungen als die Placebo-Gruppe – vor allem Schwindel, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Übelkeit. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten in keiner Studie im Zusammenhang mit Cannabis auf.[6]
Die aktuelle Evidenz zeigt ein klares Muster:
Einfach gesagt: Medizinisches Cannabis könnte Colitis-ulcerosa-Patient:innen helfen, sich besser zu fühlen, aber es heilt die Entzündung im Darm nicht.
Die Studienlage zeigt ein eindeutiges Muster: Cannabis könnte zentrale Symptome chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen lindern, darunter Bauchschmerzen, Appetitverlust, Schlafprobleme und allgemeines Unwohlsein. Patient:innen fühlen sich oft besser, obwohl die Entzündungsmarker im Darm unverändert bleiben. Ein Befund, der sich sowohl in Studien zu Morbus Crohn als auch zu Colitis ulcerosa wiederholt. Cannabis könnte also vor allem symptomatisch wirken, nicht entzündungshemmend.
Für die Zukunft stellt sich eine entscheidende Frage: Lässt sich das Potenzial der Cannabinoide gezielter nutzen? Forschende prüfen derzeit, ob unterschiedliche Wirkstoffverhältnisse, neue Formulierungen oder langfristige Therapieschemata mehr bewirken können – etwa eine Kombination aus Symptomlinderung und Einfluss auf die Entzündung. Bis solche Daten vorliegen, gilt Cannabis als vielversprechende ergänzende Option, nicht als Ersatz für bewährte Therapien.
Es gibt keine Sorte oder spezielle Cannabis-Darreichungsform, die die Entzündung zuverlässig reduziert. Cannabis konnte in Studien zu entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa weder CRP (Entzündungsmarker im Blut) noch Calprotectin (Entzündungsmarker im Stuhl) zuverlässig senken. Endoskopische Befunde (sichtbare Entzündungen bei einer Darmspiegelung) verbesserten sich kaum oder gar nicht. Weitere Forschungsarbeit ist hier dringend notwendig.
Das lässt sich so nicht sagen. Studien zeigen, dass Cannabis Symptome wie Bauchschmerzen, Krämpfe, Übelkeit und Appetitverlust lindern kann. Viele Betroffene fühlen sich dadurch besser. Die Entzündung selbst wird jedoch nicht reduziert – weder bei Morbus Crohn noch bei Colitis ulcerosa. Deshalb könnte Cannabis die Behandlung ergänzen, ersetzt aber keine entzündungshemmende Therapie.
[1] Vaid, R., Fareed, A., Qader, R., Hussain, A., Shaikh, W., Zameer, U., & Ochani, S. (2025). Cannabis use in Crohn's disease: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials (RCTs). Irish Journal of Medical Science, 194.
[2] Bertan Türemis. (2025, November). Ein Basketballprofi. 100 Cannabis-Gummibärchen. Und die Aussicht auf die Todesstrafe. (LinkedIn-Beitrag). LinkedIn: https://www.linkedin.com/posts/tueremis_ein-basketballprofi-100-cannabis-gummib%C3%A4rchen-activity-7381342567868833792-CkdE?utm_source=social_share_send&utm_medium=member_desktop_web&rcm=ACoAAC6Nv-kB3haiExlh8YI3GC34SIIQqKRjYVs
[3] Kang, H., Schmoyer, C. J., Weiss, A., & Lewis, J. D. (2025). Meta-analysis of the therapeutic impact of cannabinoids in inflammatory bowel disease. Inflammatory Bowel Diseases, 31(2), 450–460.
[4] Naftali, T., Bar-Lev Schleider, L., Almog, S., Meiri, D., & Konikoff, F. M. (2021). Oral CBD-rich cannabis induces clinical but not endoscopic response in patients with Crohn’s disease: A randomised controlled trial. Journal of Crohn’s and Colitis, 15(11), 1799–1806.
[5] Sturm, A., Atreya, R., Bettenworth, D., Bokemeyer, B., Dignass, A., Ehehalt, R., Germer, C.-T., Grunert, P. C., Helwig, U., Horisberger, K., Herrlinger, K., Kienle, P., Kucharzik, T., Langhorst, J., Maaser, C., Ockenga, J., Ott, C., Siegmund, B., Zeißig, S., & Stallmach, A. (2024). S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Morbus Crohn (Version 4.1). AWMF-Register-Nr. 021-004.
[6] Kafil, T. S., Nguyen, T. M., MacDonald, J. K., & Chande, N. (2018). Cannabis for the treatment of ulcerative colitis. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2018(11), CD012954
[7] Kumar, R., Singh, S., & Maharshi, V. (2024). Therapeutic effects of cannabinoids on ulcerative colitis: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Health Science and Medical Research.