Moritz Schmitz-Justen
|
Oktober 06
|
8 min

Schweizer Cannabis-Studie: Weniger Rauch, kein Mehrkonsum

In neun Schweizer Apotheken gibt es Cannabis ganz legal, allerdings nur für die Teilnehmenden einer großen Studie. Nach einem halben Jahr zeigt sich: Mehr von ihnen lassen den Joint weg und greifen zu Alternativen wie Verdampfern oder Tropfen. Dieser Artikel erklärt, was die Studie noch zeigt, warum Regulierungen Risiken senken können und wo ihre Grenzen liegen.



Key Facts

  • Kein Mehrkonsum: Wer Cannabis legal in der Apotheke kaufen konnte, konsumierte nach sechs Monaten nicht häufiger als vorher.
  • Weniger Rauch: In der Apothekengruppe sank der Anteil derer, die Cannabis ausschließlich rauchen, von 78 auf 58 Prozent. Mehr Menschen verdampfen es stattdessen oder nehmen es als Tropfen ein.
  • Geprüfte Qualität statt Rätselraten: Proben vom Schwarzmarkt waren teils mit synthetischen Cannabinoiden belastet. Nur eine von 69 Personen schätzte die Stärke ihres Cannabis richtig ein.
  • Aufklärung, die weitergegeben wird: 71 Prozent der Teilnehmenden geben das Wissen aus der Apothekenberatung in ihrem Umfeld weiter.

„Man weiss ja nie, was da an Streckmitteln drin ist oder an anderen Wirkstoffen.“ So beschreibt eine Person, die an der Schweizer SCRIPT-Studie teilnimmt, das Gefühl beim Kauf auf dem Schwarzmarkt. „Und diese Angst nicht zu haben, ist extrem viel wert.“ [1]

Für 1.177 Menschen in Bern, Biel und Luzern gibt es seit einiger Zeit eine Alternative zum Schwarzmarkt. Sie können Cannabis in neun ausgewählten Apotheken kaufen – legal, geprüft und mit Beratung [1, 2]. Möglich macht das ein wissenschaftlicher Pilotversuch der Universitäten Bern und Luzern. Anfang September 2026 haben die Städte und die Forschenden erste Ergebnisse vorgestellt [1, 2]. Wer Cannabis in der Apotheke kaufen kann, konsumiert demnach nicht häufiger als vorher. Aber öfter auf eine Weise, die potenziell weniger schadet [2].

Die Ergebnisse kommen zu einem politisch spannenden Zeitpunkt. Denn in der Schweiz beraten die eidgenössischen Räte gerade über ein Cannabisproduktegesetz, das den Umgang mit der Pflanze neu regeln soll [2]. In Deutschland dagegen wurden geplante Pilotprojekte in Städten wie Frankfurt am Main, Hannover und Berlin zuletzt abgelehnt. Aus Sicht der Sanity Group – zu der auch avaay gehört – ist das ein Fehler, weil so wichtige Erkenntnisse der Cannabis-Teillegalisierung in Deutschland fehlen [3].

Ein Experiment mit Wartezeit

Seit Mai 2021 erlaubt das Schweizer Betäubungsmittelgesetz zeitlich und örtlich begrenzte Pilotversuche, in denen Erwachsene Cannabis legal kaufen dürfen [1]. Mehrere Städte und Kantone testen seither unterschiedliche Modelle, von Apotheken über nicht gewinnorientierte Läden bis zu Cannabis Social Clubs [4].

Die SCRIPT-Studie ist dabei besonders sorgfältig angelegt: als randomisierte kontrollierte Studie, ein Design, das laut den Forschenden eine fundiertere Beurteilung erlaubt als bisherige Vorher-nachher-Vergleiche [1]. Alle Teilnehmenden sind volljährig und haben schon vor der Studie regelmäßig Cannabis konsumiert, rund die Hälfte täglich [1]. Dann entschied das Los. Die eine Hälfte durfte sofort in der Apotheke einkaufen. Die andere musste sechs Monate warten und blieb so lange beim illegalen Markt [1]. Dieser Vergleich macht die Studie aussagekräftig.

Im Angebot sind Blüten, Haschisch, Liquids zum Verdampfen und Tropfen zum Einnehmen, keines der Produkte enthält mehr als 20 Prozent THC. Pro Einkauf gibt es höchstens zwei Gramm reines THC, pro Monat höchstens zehn [1].

Cannabis: Konsum seit "Legalisierung" nicht mehr, aber anders

Die größte Sorge vieler Skeptiker:innen lautet: Wer leichter an Cannabis kommt, konsumiert mehr. Die Studie bestätigt das nicht. In der Apothekengruppe konsumierten zu Beginn 49 Prozent täglich, nach sechs Monaten 47 Prozent. In der Wartegruppe sank der Anteil von 55 auf 51 Prozent [1]. Einen Einfluss der Apotheke auf die Konsumhäufigkeit sehen die Forschenden nicht [1].

Wer schon länger Cannabis konsumiert, konsumiert jetzt nicht automatisch mehr

Verändert hat sich etwas anderes: die Art des Konsums. Zu Beginn rauchten 78 Prozent der Apothekengruppe Cannabis ausschließlich, meist als Joint mit Tabak. Ein halbes Jahr später waren es nur noch 58 Prozent. Mehr Menschen verdampften Cannabis stattdessen, nahmen es oral ein oder wechselten zwischen verschiedenen Formen. In der Wartegruppe blieb dagegen fast alles beim Alten [1]. „Im Rahmen der Studie konnten Hinweise gewonnen werden, dass eine regulierte Abgabe über die Apotheken den Umstieg auf potenziell risikoärmere Konsumformen begünstigen kann“, sagte Studienleiter Reto Auer von der Universität Bern vor den Medien [2].

Kernargumente: Warum Regulierung Risiken senken kann

Qualitätskontrolle und Reinheit

Was auf dem Schwarzmarkt verkauft wird, zeigen Proben, die Teilnehmende aus Bern abgaben. Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern untersuchte 127 davon. Neun waren auffällig wegen synthetischer Cannabinoide, einige Haschischproben enthielten bis zu 46 Prozent THC [1]. Die Studienprodukte dagegen werden entlang der gesamten Lieferkette kontrolliert, jede Packung wird beim Verkauf gescannt und ist damit rückverfolgbar [1]. Die gleichbleibende Qualität gehört zu dem, was die Teilnehmenden an der Apotheke am meisten schätzen [1, 2].

Transparenz durch Kennzeichnung von THC- und CBD-Gehalten

Wie stark ist das eigentlich? Auf dem Schwarzmarkt bleibt diese Frage eine Sache des Bauchgefühls, und das täuscht gewaltig. Von 69 Teilnehmenden schätzte nur eine einzige Person den THC-Gehalt ihrer Probe richtig ein. Die übrigen lagen teils um bis zu 24 Prozentpunkte daneben, nach oben wie nach unten [1]. Auf den schlichten Einheitspackungen der Studie stehen dagegen der THC-Gehalt und Warnhinweise, im Sortiment finden sich auch Sorten mit mehr CBD als THC [1]. Rund neun von zehn Teilnehmenden halten die Angaben zu THC- und CBD-Gehalt, Sorte und Menge für nützlich [1].

Verbesserter Jugendschutz

Hier ist Ehrlichkeit wichtig: Jugendliche nehmen an der Studie nicht teil, über sie kann SCRIPT deshalb nichts sagen [1]. Getestet werden aber Regeln, die sie in Zukunft schützen sollen: Altersgrenze, Werbeverbot, neutrale Verpackungen – und eine simulierte Steuer, die mit dem THC-Gehalt steigt. Beim stärksten Haschisch macht sie rund die Hälfte des Preises aus [1]. Junge Erwachsene reagieren darauf empfindlich: Unter den 18- bis 25-Jährigen war beim Haschisch jede vierte Person mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis unzufrieden, bei den Älteren waren es 9 Prozent [1]. Das deckt sich laut Auer mit internationalen Erfahrungen, nach denen Steuern als wirksamer Jugendschutz dienen [2].

Entkriminalisierung und Entstigmatisierung

Legal einkaufen, ohne Kontakt zum illegalen Markt: Das allein nehmen viele Teilnehmende als positiv wahr [2]. Und es verändert den Blick von außen. In Interviews berichteten Apothekenmitarbeitende, dass sich ihre Vorurteile gegenüber Cannabiskonsumierenden im persönlichen Kontakt aufgelöst oder zum Positiven verändert hätten. Eine Person nannte die neue Kundschaft sogar „Lieblingskundschaft“ [1]. Natasha Pittet, Direktorin für Soziales und Sicherheit in Biel, sieht in der Regulierung mehr gesundheitliche Sicherheit und einen Beitrag zur Entstigmatisierung [2]. Auch die Sicherheitsbilanz ist unaufgeregt: In der gesamten Studie ist bislang nur ein sicherheitsrelevanter Vorfall bekannt: der unerlaubte Weiterverkauf von Studienware durch eine Person [1].

Trennung vom Schwarzmarkt

SCRIPT ist nicht darauf ausgelegt, den illegalen Markt zu verdrängen, dafür ist die Studie zu klein [1]. Genauer hinschauen lässt sich im Kanton Basel-Landschaft. Dort betreibt die Sanity Group den Pilotversuch Grashaus Projects mit eigenen Fachgeschäften, wissenschaftlich geleitet vom Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) und nicht Teil von SCRIPT [3, 4]. Vor dem Start kauften die inzwischen über 1.600 Teilnehmenden an durchschnittlich rund 20 Tagen im Monat auf dem illegalen Markt ein. Dieser Wert hat sich etwa halbiert [3]. Bei Blüten sank der Anteil derer, die noch andere Quellen nutzten, innerhalb eines Jahres von 93 auf 40 Prozent. Manche nehmen für den legalen Einkauf sogar längere Wege in Kauf [3]. Das lege die Vermutung nahe, dass Konsumierende bereit sind, den illegalen Markt zu verlassen, wenn sie Zugang zu geprüften Produkten und verlässlichen Informationen haben, sagt der wissenschaftliche Leiter Michael Schaub [3].

Konsum von Cannabis: Suchtprävention durch Aufklärung

Was die Apotheke vom Dealer unterscheidet, ist nicht nur das Produkt, sondern das Gespräch. Jede Beratung wird bei SCRIPT mit 30 Franken vergütet, bezahlt unter anderem aus der simulierten Steuer [1, 2]. Es geht um die Produkte, um den eigenen Cannabiskonsum und häufig auch um Tabak und Rauchstopp. Die Mehrheit der befragten Verkaufspersonen weist aktiv auf Alternativen zum Rauchen hin [1]. Die Aufklärung zieht Kreise: 71 Prozent der Teilnehmenden geben das Gelernte in ihrem Umfeld weiter [1].

Eine grüne Cannabisblüte liegt seitlich auf einem weißen Hintergrund und von links liegt ein roter Farverlauf über dem Bild, der zur Mitte ausfadet.

Bei Grashaus Projects zeigt sich Ähnliches. Zu Beginn nannte gut die Hälfte der Teilnehmenden das Verkaufspersonal als sinnvolle Informationsquelle für risikoärmeren Konsum, nach einem Jahr waren es fast 80 Prozent [3]. Viele passten danach Dosierung, THC-Gehalt oder Konsumform an, griffen häufiger zu Aktivkohlefiltern und zeigten sich offener für Tropfen, Edibles oder Vaporisatoren [3]. „Dieses zentrale Element fehlt im illegalen Markt natürlich vollständig“, sagt Schaub [3].

Voraussetzungen für den Erfolg einer regulierten Cannabisabgabe

Dass eine neue Cannabispolitik kein Selbstläufer ist, zeigt ein Blick in die Niederlande. Dort verkaufen Coffeeshops in zehn Gemeinden seit April 2025 nur noch Cannabis von regulierten Anbaubetrieben [5]. Die ersten, noch vorläufigen Ergebnisse: Die Auswahl ist größer geworden, konsumiert wird nicht häufiger. Doch am Anfang war das legale Angebot knapp, Regeln zu Verpackung, Edibles und Werbung waren unklar, und der Schwarzmarkt bleibt attraktiv, vor allem weil er billiger ist [5].

Aus beiden Ländern lässt sich ablesen, worauf es ankommt. Es braucht geschultes Personal, das berät und nicht nur verkauft [1, 3]. Die Preise müssen stimmen: Bei SCRIPT orientieren sie sich am Schwarzmarkt, liegen wegen der Steuer leicht darüber und werden dennoch akzeptiert [2]. Das Angebot muss groß genug sein, sonst droht die Kundschaft abzuwandern [5]. Nötig sind außerdem klare, einheitliche Regeln, etwa zur maximalen Wirkstärke und zu den Angaben auf der Packung [5]. Und schließlich Planungssicherheit: Das neue Schweizer Gesetz für Cannabisprodukte wird frühestens 2031 erwartet, der Verkauf in den SCRIPT-Apotheken endet im Oktober 2028. Ohne Übergangslösung könnten die Teilnehmenden vorübergehend wieder auf den illegalen Markt angewiesen sein, geben die Forschenden zu bedenken [1].

Was Deutschland von der Schweiz lernen kann

Die Ergebnisse von Grashaus Projects sind aus Sicht der Sanity Group nicht nur für das Schweizer Gesetzgebungsverfahren relevant, sondern auch für Deutschland [3]. Der entscheidende Unterschied liegt im Vorgehen. Die Schweiz hat mit den Pilotversuchen einen Rahmen geschaffen, um neue Regeln unter realen Bedingungen zu testen, bevor ein Gesetz in Kraft tritt [1]. In Deutschland wurden Pilotprojekte in Frankfurt am Main, Hannover und Berlin zuletzt abgelehnt [3]. „Wer Legalisierungsziele wie flächendeckenden Gesundheitsschutz und nachhaltige Schwarzmarktbekämpfung tatsächlich erreichen will, muss bereit sein, sie wissenschaftlich zu überprüfen“, sagt Sanity-Group-Gründer Finn Hänsel [3].

Was sich übertragen ließe, deuten die Schweizer Daten trotzdem an: Den Unterschied macht nicht der legale Zugang allein, sondern das Zusammenspiel aus geprüfter Qualität, klarer Kennzeichnung, fairen Preisen und Beratung. ISGF-Studienleiter Michael Schaub sieht einen „klaren Zusammenhang zwischen reguliertem Setting, Beratung und verantwortungsvollem Konsum“ [3]. Eins zu eins übertragen lassen sich die Ergebnisse allerdings nicht. Sie stammen aus Studien mit ausgewählten Teilnehmenden unter besonderen Bedingungen, und ihre Aussagekraft für eine ganze Gesellschaft ist begrenzt, wie die SCRIPT-Forschenden selbst betonen [1].

Was die Studie zeigt – und was nicht

Die Ergebnisse sind vorläufig und noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet [1]. Sie gelten für Erwachsene, die ohnehin regelmäßig konsumieren. Was eine Legalisierung für Jugendliche oder die Gesellschaft insgesamt bedeutet, kann eine einzelne Studie nicht beantworten [1]. Ob und wie die Erkenntnisse in ein künftiges Cannabisgesetz einfließen, entscheiden am Ende Politik und Parlament [1].

Doch die Richtung ist deutlich: Ein regulierter Zugang führt nicht zu mehr Konsum, aber zu weniger Rauch, mehr Wissen und weniger Kontakt zum Schwarzmarkt [1, 3]. Für die Schweizer Cannabispolitik sind solche Daten wertvoll, denn genau dafür wurden die Pilotversuche geschaffen: als wissenschaftliche Grundlage für mögliche künftige Regeln [1]. Und für die Menschen in der Studie hat sich schon jetzt etwas Grundlegendes geändert: Sie wissen, was sie kaufen.


Quellen

[1] Tomaschek, R., Aellen, C., Metry, B., Bieri, K., Kaufmann, N., Jakob, J., Zwicker, L., & Auer, R. (2026). The Safer Cannabis Research In Pharmacies Trial (SCRIPT): Zwischenbericht 2026 (Version 8, 06.09.2026). Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM), Universität Bern; Zentrum für Hausarztmedizin und Community Care, Universität Luzern.

[2] Sozialdirektionen der Städte Bern, Biel und Luzern. (2026). Cannabis-Studie: Regulierte Abgabe begünstigt risikoärmeren Konsum [Medienmitteilung]. Universität Bern, Media Relations.

[3] Sanity Group. (2026, 5. Februar). Zwei Jahre legales Cannabis aus dem Fachgeschäft: Schweizer Pilotprojekt zeigt positive Effekte auf Gesundheitsschutz, Konsumkompetenz und Bekämpfung des illegalen Marktes [Pressemitteilung].

[4] Bundesamt für Gesundheit BAG. (o. J.). Übersicht über die bewilligten Pilotversuche mit Cannabis.

[5] Mennes, R., Hoorens, S., van Laar, M., van der Lee, E., Dam, I., Senator, B., Andree, R., Monshouwer, K., Oomen, P., & Rigter, S. (2026). Study in support of the Controlled Cannabis Supply Chain Experiment: Report on the first follow-up measurement 2025 – Executive Summary. Breuer&Intraval, RAND Europe & Trimbos-instituut.

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