Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: Cannabis als mögliche Therapie?

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehören zu den belastendsten Diagnosen der Inneren Medizin. Sie verlaufen schubweise, verursachen Schmerzen, Durchfälle, Erschöpfung – und sie lassen sich bis heute nicht heilen. Viele Betroffene suchen deshalb nach Behandlungen, die Symptome lindern. Seit einigen Jahren rückt dabei auch medizinisches Cannabis in den Fokus. Doch was sagt die Wissenschaft dazu?



Das Endocannabinoid-System und Cannabis bei Darmerkrankungen

Das Endocannabinoid-System ist ein körpereigenes Regulationsnetzwerk, das eine wichtige Rolle im Verdauungstrakt spielt. Es besteht aus Cannabinoid-Rezeptoren (CB1 und CB2), Botenstoffen und den Enzymen, die sie auf- und abbauen. Diese Rezeptoren finden sich im Darm unter anderem in Nervenzellen, Immunzellen und der Schleimhaut. Also genau dort, wo bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zentrale Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten.[1]

Über dieses System steuert der Körper Funktionen wie Darmbewegung, Sekretion, Schmerzempfinden, Immunreaktionen und die Barrierefunktion der Darmschleimhaut. Cannabinoide wie THC und CBD können an die gleichen Rezeptoren binden wie die körpereigenen Stoffe. Dadurch könnten sie in Abläufe eingreifen, die bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gestört sind.[1]

Bertan Türemis, Diplom-Neurobiologe und Senior Medical Science Liaison Manager bei der Sanity Group, erklärt:

"Studien zeigen: Das Endocannabinoidsystem im Darm reguliert Schmerz, Entzündungen und Motilität. Aktiviert durch THC und CBD kann es Überreaktionen des Immunsystems bremsen und so Krämpfe, Übelkeit und Schmerzen lindern.“[2]

Doch bevor wir uns genauer ansehen, was die aktuelle Forschung zu Cannabis bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sagt, lohnt ein Schritt zurück.

Was ist Morbus Crohn?

Morbus Crohn ist eine chronische, entzündliche Erkrankung des Magen-Darm-Trakts. Typisch ist, dass sich die Entzündungen in jedem Abschnitt des Verdauungssystems bilden können – vom Mund bis zum After –, am häufigsten jedoch im Übergang zwischen Dünn- und Dickdarm. Die Krankheit verläuft in Schüben: Phasen mit starken Beschwerden wechseln sich mit ruhigeren Zeiten ab.

Zu den typischen Symptomen gehören Bauchschmerzen, Durchfall, Gewichtsverlust, Müdigkeit und häufig auch Appetitlosigkeit. Die Entzündung kann tief in die Darmwand eindringen, wodurch Komplikationen wie Fisteln, Abszesse oder Verengungen entstehen können. Warum die Krankheit entsteht, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, einem fehlgeleiteten Immunsystem und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

Morbus Crohn ist nicht heilbar, aber gut behandelbar. Moderne Therapien zielen darauf ab, die Entzündung im Magen-Darm-Trakt zu kontrollieren, Schübe zu verhindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Infografik zur Wirkung von Cannabis bei Morbus Crohn. Links: Symptomlinderung wie weniger Bauchschmerzen, besserer Schlaf und gesteigerter Appetit. Rechts: Entzündungshemmung – Cannabis reduziert die Entzündung im Darm laut Studien nicht. In der Mitte ein „VS“-Symbol, das den Gegensatz zwischen Symptomlinderung und fehlender Entzündungsreduktion verdeutlicht.

Cannabis zur Behandlung von Morbus Crohn: Was sagen aktuelle Studien?

Cannabis könnte Morbus-Crohn-Symptome spürbar lindern

Gleich mehrere Studien kommen zu demselben Ergebnis: Cannabis könnte Menschen mit aktivem Morbus Crohn deutlich entlasten. Cannabis-Patient:innen berichten von weniger Bauchschmerzen, besserem Schlaf, mehr Appetit und einem verbesserten allgemeinen Wohlbefinden.[1,3,4]

Mit anderen Worten: Cannabis könnte Betroffenen helfen, indem es Beschwerden lindert.

Die Entzündung selbst geht jedoch nicht zurück

So deutlich Studien die mögliche Verbesserung von Symptomen zeigen, so klar zeigen sie auch die Grenzen: Keine der Studien zeigt, dass Cannabis die Entzündung im Darm reduziert.[1,3,4]

CRP (ein Entzündungsmarker im Blut), Calprotectin (ein Entzündungsmarker im Stuhl) und endoskopische Befunde (sichtbare Entzündungszeichen im Darm bei einer Spiegelung) blieben unverändert – auch wenn sich die Patient:innen deutlich besser fühlten. Genau das macht die Einschätzung so wichtig: Cannabis kann auf das Wohlbefinden wirken, nicht auf die Krankheitsaktivität im Gewebe.

Diese Trennung betont übrigens auch die medizinische Leitlinie in Deutschland.

Was sagen deutsche Fachgesellschaften dazu?

In Deutschland fassen medizinische Fachgesellschaften den aktuellen Stand der Forschung in sogenannten S3-Leitlinien zusammen. Diese gelten als der „Goldstandard“ für ärztliche Entscheidungen, weil sie auf systematischen Literaturanalysen und dem Konsens vieler Expert:innen beruhen. Kurz gesagt: Hier steht drin, was nach aktuellem Wissen als gute medizinische Praxis gilt.

Die 2024 aktualisierte S3-Leitlinie zu Morbus Crohn bewertet auch den Einsatz von Cannabis.[5] Und ihre Einschätzung fällt differenziert aus.

Bertan Türemis bringt es so auf den Punkt:

„Die deutsche S3-Leitlinie für Morbus Crohn von 2024 erkennt die Evidenzlage an. Wenn herkömmliche Medikamente nicht ausreichend wirksam oder verträglich sind, kann eine Therapie mit Cannabis-basierten Arzneimitteln erwogen werden – vor allem zur Linderung von abdominellen Schmerzen oder bei Appetitverlust. Zugleich warnt sie aber auch: Cannabis soll nicht zur Behandlung von akuten Entzündungen eingesetzt werden. Denn die Studienlage erlaubt bislang keine sichere Aussage über einen entzündungshemmenden Effekt.“[2]

Damit entspricht die Einschätzung der Leitlinie genau dem, was die Studien zeigen: Cannabis könnte dabei helfen, den Alltag mit Morbus Crohn leichter zu bewältigen, ersetzt aber keine entzündungshemmende Therapie.

Doch wie sieht die Studienlage bei Cannabis gegen Colitis ulcerosa aus? Und was ist das überhaupt für eine Erkrankung?

Was ist Colitis ulcerosa?

Colitis ulcerosa gehört wie Morbus Crohn zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Im Unterschied zu Morbus Crohn, der den gesamten Magen-Darm-Trakt betreffen kann, beschränkt sich Colitis ulcerosa ausschließlich auf den Dickdarm, meist beginnend im Enddarm und sich von dort kontinuierlich ausbreitend. Die Entzündung sitzt zudem nur in der obersten Schleimhautschicht, während sie bei Morbus Crohn oft tief in die Darmwand eindringt.

Typische Symptome sind blutiger Durchfall, krampfartige Bauchschmerzen, starker Stuhldrang, Gewichtsverlust und Erschöpfung. Viele Betroffene erleben die Erkrankung in Schüben – mit Phasen starker Beschwerden und Zeiten relativer Ruhe. Warum Colitis ulcerosa entsteht, ist ebenfalls nicht abschließend geklärt. Angenommen wird ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, einer Fehlregulation des Immunsystems und Umweltfaktoren.

Im Vergleich zu Morbus Crohn verläuft Colitis ulcerosa oft flächiger, aber weniger tief. Komplikationen betreffen vor allem die Schleimhaut, während Crohn häufiger Fisteln, Abszesse oder narbige Verengungen verursacht. Beide Erkrankungen sind nicht heilbar.

Infografik zur Frage, ob Cannabis zur Behandlung von Colitis ulcerosa geeignet ist. Vier Punkte werden dargestellt: 1) Symptomlinderung – Cannabis könnte Schmerzen und Stuhlfrequenz verbessern. 2) Keine Entzündungsreduktion – Entzündungsmarker und Schleimhautheilung verbessern sich nicht zuverlässig. 3) Nebenwirkungen – möglich sind Schwindel und Müdigkeit. 4) Unterstützende Therapie – Cannabis kann ergänzen, ersetzt aber keine entzündungshemmenden Medikamente.

Cannabis bei Colitis ulcerosa: Was sagen aktuelle Studien?

Die Forschung zu Cannabis bei Colitis ulcerosa ist deutlich dünner als bei Morbus Crohn – und die bisherigen Ergebnisse fallen gemischt aus. Die Studien zeigen übereinstimmend: Cannabis kann Symptome lindern, aber die Entzündung im Darm verändert sich meist nicht deutlich.

Symptome verbessern sich – besonders Schmerz, Wohlbefinden und Stuhlgang

Mehrere Studien zeigen, dass sich Patient:innen unter Cannabis oft spürbar besser fühlen: weniger Bauchschmerzen, weniger Durchfall, mehr Appetit und insgesamt mehr Wohlbefinden. Diese Verbesserungen lassen sich auch in Messwerten wiederfinden – zum Beispiel sank in einer Studie der sogenannte Disease Activity Index (ein Symptom-Score) nach acht Wochen deutlich.[6,7]

Auch eine Meta-Analyse aus 2023 bestätigt: Unter Cannabinoiden verbesserten sich sowohl die Beschwerden als auch die Lebensqualität der Patient:innen.[7]

Aber: Die Entzündung selbst geht nicht zurück

So deutlich die mögliche Linderung der Beschwerden ausfällt, so klar zeigt sich ein Ergebnis, das dem von Morbus Crohn gleicht: Cannabis senkt weder CRP (Entzündungsmarker im Blut) noch Calprotectin (Entzündungsmarker im Stuhl) zuverlässig – und auch endoskopische Befunde (sichtbare Entzündungen bei einer Darmspiegelung) verbessern sich kaum oder gar nicht.[6,7]

Kurz gesagt: kein signifikanter Effekt auf Entzündungsmarker oder Schleimhautheilung.

Sicherheit: eher milde Nebenwirkungen, aber nicht harmlos

Studien-Teilnehmer:innen berichteten häufiger Nebenwirkungen als die Placebo-Gruppe – vor allem Schwindel, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Übelkeit. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten in keiner Studie im Zusammenhang mit Cannabis auf.[6]

Was bedeutet das für Betroffene?

Die aktuelle Evidenz zeigt ein klares Muster:

Einfach gesagt: Medizinisches Cannabis könnte Colitis-ulcerosa-Patient:innen helfen, sich besser zu fühlen, aber es heilt die Entzündung im Darm nicht.

Fazit: Hilft Cannabis gegen Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa?

Die Studienlage zeigt ein eindeutiges Muster: Cannabis könnte zentrale Symptome chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen lindern, darunter Bauchschmerzen, Appetitverlust, Schlafprobleme und allgemeines Unwohlsein. Patient:innen fühlen sich oft besser, obwohl die Entzündungsmarker im Darm unverändert bleiben. Ein Befund, der sich sowohl in Studien zu Morbus Crohn als auch zu Colitis ulcerosa wiederholt. Cannabis könnte also vor allem symptomatisch wirken, nicht entzündungshemmend.

Für die Zukunft stellt sich eine entscheidende Frage: Lässt sich das Potenzial der Cannabinoide gezielter nutzen? Forschende prüfen derzeit, ob unterschiedliche Wirkstoffverhältnisse, neue Formulierungen oder langfristige Therapieschemata mehr bewirken können – etwa eine Kombination aus Symptomlinderung und Einfluss auf die Entzündung. Bis solche Daten vorliegen, gilt Cannabis als vielversprechende ergänzende Option, nicht als Ersatz für bewährte Therapien.


FAQ

Welches Cannabis bei Darmentzündung?

Es gibt keine Sorte oder spezielle Cannabis-Darreichungsform, die die Entzündung zuverlässig reduziert. Cannabis konnte in Studien zu entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa weder CRP (Entzündungsmarker im Blut) noch Calprotectin (Entzündungsmarker im Stuhl) zuverlässig senken. Endoskopische Befunde (sichtbare Entzündungen bei einer Darmspiegelung) verbesserten sich kaum oder gar nicht. Weitere Forschungsarbeit ist hier dringend notwendig.

Ist Cannabis gut für den Darm – im Hinblick auf Morbus Crohn und Colitis ulcerosa?

Das lässt sich so nicht sagen. Studien zeigen, dass Cannabis Symptome wie Bauchschmerzen, Krämpfe, Übelkeit und Appetitverlust lindern kann. Viele Betroffene fühlen sich dadurch besser. Die Entzündung selbst wird jedoch nicht reduziert – weder bei Morbus Crohn noch bei Colitis ulcerosa. Deshalb könnte Cannabis die Behandlung ergänzen, ersetzt aber keine entzündungshemmende Therapie.


Quellen

[1] Vaid, R., Fareed, A., Qader, R., Hussain, A., Shaikh, W., Zameer, U., & Ochani, S. (2025). Cannabis use in Crohn's disease: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials (RCTs). Irish Journal of Medical Science, 194.

[2] Bertan Türemis. (2025, November). Ein Basketballprofi. 100 Cannabis-Gummibärchen. Und die Aussicht auf die Todesstrafe. (LinkedIn-Beitrag). LinkedIn: https://www.linkedin.com/posts/tueremis_ein-basketballprofi-100-cannabis-gummib%C3%A4rchen-activity-7381342567868833792-CkdE?utm_source=social_share_send&utm_medium=member_desktop_web&rcm=ACoAAC6Nv-kB3haiExlh8YI3GC34SIIQqKRjYVs

[3] Kang, H., Schmoyer, C. J., Weiss, A., & Lewis, J. D. (2025). Meta-analysis of the therapeutic impact of cannabinoids in inflammatory bowel disease. Inflammatory Bowel Diseases, 31(2), 450–460.

[4] Naftali, T., Bar-Lev Schleider, L., Almog, S., Meiri, D., & Konikoff, F. M. (2021). Oral CBD-rich cannabis induces clinical but not endoscopic response in patients with Crohn’s disease: A randomised controlled trial. Journal of Crohn’s and Colitis, 15(11), 1799–1806.

[5] Sturm, A., Atreya, R., Bettenworth, D., Bokemeyer, B., Dignass, A., Ehehalt, R., Germer, C.-T., Grunert, P. C., Helwig, U., Horisberger, K., Herrlinger, K., Kienle, P., Kucharzik, T., Langhorst, J., Maaser, C., Ockenga, J., Ott, C., Siegmund, B., Zeißig, S., & Stallmach, A. (2024). S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Morbus Crohn (Version 4.1). AWMF-Register-Nr. 021-004.

[6] Kafil, T. S., Nguyen, T. M., MacDonald, J. K., & Chande, N. (2018). Cannabis for the treatment of ulcerative colitis. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2018(11), CD012954

[7] Kumar, R., Singh, S., & Maharshi, V. (2024). Therapeutic effects of cannabinoids on ulcerative colitis: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Health Science and Medical Research.

Cannabis gegen Angst und Panikattacken

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Viele Betroffene erhalten zwar Psychotherapie oder Antidepressiva – doch nicht alle sprechen darauf an und manche kämpfen mit Nebenwirkungen. Gleichzeitig wächst das Interesse an medizinischem Cannabis als mögliche Alternative oder Ergänzung. Doch wie gut wirkt es wirklich gegen Angst? Aktuelle Studien geben erste Antworten.



Angststörungen: Cannabis-Therapie als Option im Fokus

In einer Welt, in der Stress und Überforderung für viele zum Alltag gehören, scheint die Idee verlockend: Ein pflanzliches Arzneimittel, das beruhigt, den Körper entspannt und das Gedankenkarussell stoppt. Genau das erhoffen sich viele Menschen mit Angststörungen von medizinischem Cannabis.

Die Forschung beginnt, diese Hoffnung wissenschaftlich zu untermauern. Erste Studien zeigen: Für einen Teil der Patient:innen kann medizinisches Cannabis die Angst spürbar lindern. Gleichzeitig arbeiten Forschende daran, besser zu verstehen, wann es besonders hilft und für wen medizinisches Cannabis geeignet ist.

Was genau ist mit Angststörung eigentlich gemeint?

Angst gehört zum Leben. Sie warnt uns vor Gefahr und hilft, Situationen einzuschätzen. Problematisch wird sie erst, wenn sie nicht mehr zur Lage passt, dauerhaft anhält oder den Alltag einschränkt. Dann sprechen Fachleute von einer Angststörung. Dazu zählen verschiedene Erkrankungen, etwa die generalisierte Angststörung, bei der sich Betroffene ständig sorgen und kaum zur Ruhe kommen, oder soziale Angststörungen, bei denen schon alltägliche Begegnungen großen Stress auslösen können. Manche Menschen erleben Panikattacken, also plötzliche körperliche Alarmreaktionen, die sich anfühlen, als würde der Körper aus dem Nichts in höchste Gefahr geraten.

Die Studienlage zu medizinischem Cannabis bezieht sich bisher vor allem auf allgemeine Angstsymptome und auf die generalisierte Angststörung. Ob und in welchem Ausmaß Cannabis auch bei anderen Formen von Angst hilft – etwa bei Panikattacken oder sozialer Phobie – ist derzeit wissenschaftlich noch kaum untersucht.

Illustration einer Waage zum Thema medizinisches Cannabis gegen Angst: Auf der linken Seite stehen Vorteile wie schnelle Symptomlinderung und alternative Behandlungsmöglichkeiten. Auf der rechten Seite Nachteile wie keine Heilung und fehlende Datenlage. Überschrift: „Cannabis bietet Hoffnung, aber Forschung ist begrenzt.“

Cannabis gegen Angststörungen: Was sagt die Forschung?

Medizinisches Cannabis umfasst unterschiedliche Wirkstoffe, vor allem die Cannabinoide THC und CBD. Beide beeinflussen das körpereigene Endocannabinoid-System, das eine Rolle bei Stressregulation und Angst spielt. THC wirkt psychoaktiv und kann beruhigen – in höheren Dosen aber auch Unruhe, Herzrasen oder Angst verstärken. CBD gilt als nicht berauschend und wird häufiger mit angstlösenden Effekten in Verbindung gebracht.

Eine der bisher umfangreichsten Übersichtsarbeiten, die mehrere Studien zu Cannabis-basierten Medikamenten bei psychischen Erkrankungen ausgewertet hat, stammt aus 2019. Der Befund: Es gab Hinweise auf Verbesserungen einzelner Symptome, aber keine Belege dafür, dass medizinisches Cannabis eine psychische Erkrankung heilen kann. Dazu kommt, dass viele Studien eher klein waren, nur wenige Wochen dauerten und unterschiedliche Messmethoden nutzten. Ein wirklicher Vergleich war kaum möglich.[1]

England: Ein Jahr Behandlung – mehr Lebensqualität, weniger Angst

Neue Daten liefern allerdings vorsichtige Hoffnung. Eine britische Beobachtungsstudie aus dem Jahr 2024 untersuchte rund 180 Patient:innen mit generalisierter Angststörung, die medizinisches Cannabis erhielten. Die Teilnehmenden berichteten über klinisch relevante Verbesserungen ihrer Angstsymptome, oft schon nach wenigen Monaten. Viele fühlten sich ausgeglichener und im Alltag leistungsfähiger.[2]

Interessant war der Unterschied zwischen Darreichungsformen: Cannabis-Öle schnitten besser ab als Cannabis-Blüten. Der vermutete Grund: Öle lassen sich konstanter dosieren, rauchbare Produkte wirken dagegen schneller, aber weniger kontrolliert. Trotz überwiegend milder Nebenwirkungen betonten die Forschenden, dass es sich um eine unkontrollierte Beobachtungsstudie handelt – also ohne Placebo-Vergleich. Ein Ursache-Wirkungs-Nachweis ist damit nicht möglich.[2]

USA: Spürbare Entlastung – aber nicht ohne Rausch

Noch näher am Alltag ist eine US-amerikanische Studie von 2025, die erstmals den Alltagseffekt medizinischen Cannabis über Monate hinweg begleitete. 33 Menschen mit klinisch relevanter Angst und Depression begannen eine Behandlung mit medizinischem Cannabis. Sie protokollierten ihre Stimmung mehrmals täglich, vor und nach der Einnahme.[3]

Das Ergebnis: Die Angst sank oft innerhalb von Minuten, die Teilnehmenden fühlten sich ruhiger und emotional stabiler. Dieser Effekt hielt in vielen Fällen über sechs Monate an. Die Mehrheit nutzte THC-dominierte Produkte. Mit höherer Dosis stieg allerdings auch das Gefühl des „High-Seins“, und manche berichteten von eingeschränkter Fahrtüchtigkeit. Die meisten verwendeten Cannabis nicht täglich – möglicherweise ein Grund, warum die Effekte insgesamt stabil blieben und keine deutliche Verschlechterung eintrat.[3]

Doch auch hier gilt: Die Studie arbeitete ohne Kontrollgruppe, und die Teilnehmenden kauften unterschiedliche Produkte. Was genau wirkte – THC, CBD, das Verhältnis oder die Erwartungshaltung – bleibt offen. Die Forschenden selbst fordern dringend kontrollierte Studien.

Eines eint die meisten Studien: Hoffnung, aber zu wenig Beweise

Nimmt man die Studien zusammen, ergibt sich ein vorsichtig optimistisches Bild: Medizinisches Cannabis kann Angstsymptome lindern, zum Teil schnell und spürbar – besonders dort, wo klassische Behandlungen nicht ausreichend helfen oder schlecht vertragen werden.

Gleichzeitig fehlt bislang eine solide wissenschaftliche Basis für breite Empfehlungen. Zentral bleibt das Ergebnis der großen Übersichtsarbeit von 2019: Verbesserungen ja – aber keine Heilung.[1] Und zu vielen Fragen fehlen Daten:

Zwischen Chance und Vorsicht

„Wer heute medizinisches Cannabis gegen Angst erhält, bewegt sich häufig in einem Bereich, in dem die klinische Anwendung schneller voranschreitet als die Forschung und Evidenz“, so Bertan Türemis, Medical Science Liaison Manager bei avaay Medical. „Gerade deshalb braucht dieses Thema mehr wissenschaftliche Sorgfalt und klare Daten, bevor sich daraus eine Routine ableiten lässt.“

Es wäre voreilig, Cannabis-Medikamente als „neue Angstlösung“ zu feiern. Doch ebenso verfrüht wäre es, ihr Potenzial zu unterschätzen. Die bisherigen Daten zeigen: Es gibt einen therapeutischen Effekt – zumindest für einen Teil der Betroffenen. Um zu wissen, wie groß er wirklich ist, braucht es nun robuste, placebokontrollierte Studien mit klaren Kriterien, Dosierungen und Langzeitbeobachtung.

Cannabis-Panikattacke: Kann es auch den gegenteiligen Effekt haben?

So vielversprechend die Hinweise auf eine angstlindernde Wirkung von medizinischem Cannabis sind – der Effekt ist nicht bei allen gleich. Vor allem THC, der psychoaktive Bestandteil der Pflanze, kann unter bestimmten Umständen Angst verstärken oder sogar Panik auslösen. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 zeigt, dass THC bei niedrigen Dosen zwar beruhigend wirken kann, bei höheren Mengen jedoch auch eine gegenteilige Reaktion hervorrufen kann – mit Unruhe, Anspannung oder Angstsymptomen. CBD hingegen wirkte in den untersuchten Tier- und Humanstudien überwiegend angstlindernd, und auch in höheren Dosen wurde kein Angst auslösender Effekt beobachtet.[4]

Angstzustände nach Cannabiskonsum: Aktuelle Studie aus Kanada

Wie sich dieser Unterschied im Alltag auswirken kann, lässt sich an einer großen kanadischen Bevölkerungsstudie ablesen. Sie untersuchte, was mit Menschen passiert, die wegen Cannabis in der Notaufnahme behandelt wurden. Das Ergebnis: Wer mit einem cannabisbedingten Notfall in der Klinik landete, hatte in den folgenden drei Jahren ein deutlich erhöhtes Risiko, wegen einer Angststörung erneut medizinische Hilfe zu benötigen – rund viermal so häufig wie die Allgemeinbevölkerung. Besonders stark war der Effekt bei jungen Männern.[5]

Die Studien belegen nicht, dass Cannabis zwangsläufig Angst „verursacht“. Möglich ist auch, dass einige Betroffene bereits unter Angst litten und Cannabis als Selbstmedikation nutzten, bevor es zu einer Überforderung des Körpers kam. Dennoch lässt sich festhalten: Zu viel THC, insbesondere ohne medizinische Begleitung, kann für manche Menschen die Symptome verschlimmern statt lindern – während CBD-reiche Präparate bislang ein deutlich verträglicheres Profil zeigen.[5]

Ausblick: Wie geht es weiter mit Cannabis in der Behandlung von Angststörungen

Mit der wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Cannabis verändert sich auch der Blick auf seinen möglichen medizinischen Nutzen. In der öffentlichen Wahrnehmung rückt die Substanz zunehmend von der reinen Rauschmittel-Debatte in Richtung Therapieoption – gerade bei psychischen Belastungen, für die viele Betroffene händeringend nach Alternativen suchen. Diese Entwicklung eröffnet Chancen, birgt aber auch Risiken.

Denn so nachvollziehbar der Wunsch nach schneller Entlastung ist: Selbstmedikation mit Cannabis ist gerade bei Angststörungen keine gute Idee. Ohne ärztliche Begleitung fehlt die Kontrolle über Wirkstoffgehalt, Dosis und mögliche Wechselwirkungen – und damit steigt das Risiko, dass sich Symptome verstärken statt lindern. Wer eine Behandlung mit medizinischem Cannabis in Erwägung zieht, sollte dies daher immer mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen, idealerweise eingebettet in ein therapeutisches Konzept und mit klarer Wirkungskontrolle.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Cannabis-Arzneimittel in der Angsttherapie einen festen Platz einnehmen. Entscheidend wird sein, Forschung, Versorgung und Aufklärung miteinander zu verzahnen: belastbare Studien, fachliche Beratung und ein verantwortungsvoller Umgang – sowohl im Gesundheitswesen als auch gesellschaftlich. Gelingt das, könnte medizinisches Cannabis künftig zu einer sinnvollen Ergänzung werden: nicht als Wundermittel, aber als eine ernstzunehmende Option für Menschen, die mit klassischen Behandlungen bisher kaum Erleichterung finden.


FAQ

Kann mir Cannabis verschrieben werden, wenn ich eine Angststörung habe?

Grundsätzlich ja – aber nicht automatisch. In Deutschland kann medizinisches Cannabis bei verschiedenen Erkrankungen verordnet werden, wenn andere anerkannte Behandlungen nicht ausreichend geholfen haben oder nicht vertragen wurden. Eine diagnostizierte Angststörung kann darunter fallen, vor allem wenn klassische Therapien wie Psychotherapie und Antidepressiva nicht den gewünschten Erfolg bringen. Wichtig ist: Cannabis ist keine Standardbehandlung bei Angststörungen. Ärzt:innen entscheiden im Einzelfall, ob eine Therapie sinnvoll erscheint. Dabei spielen unter anderem die Art der Angststörung, bisherige Behandlungen, mögliche Wechselwirkungen, Abhängigkeitsrisiken und die psychische Stabilität der Patient:innen eine Rolle.

Ist Cannabis ein Beruhigungsmittel?

Nicht im eigentlichen Sinne. Cannabis kann beruhigend wirken, ist aber kein klassisches Beruhigungsmittel.

Hilft Cannabis gegen eine Panikattacke?

Cannabiskonsum kann während einer Panikattacke eher nachteilige Wirkungen haben. Ob Cannabis bei Panikattacken auch helfen kann, ist derzeit wissenschaftlich kaum belegt. Dazu fehlen noch aussagekräftige Studien.

Kann Cannabiskonsum Angstzustände auslösen?

Ja, das ist möglich. Vor allem bei THC-haltigem Cannabis und bei Menschen, die dafür anfällig sind. Die Forschung zeigt, dass Cannabis nicht nur beruhigen, sondern in bestimmten Situationen auch Angst, Panik oder paranoide Gedanken verstärken kann. Das gilt insbesondere bei hohen THC-Dosen.

Wie äußert sich eine Psychose durch Cannabis?

Eine cannabisbedingte Psychose zeigt sich meist kurz nach dem Konsum und kann folgende Symptome umfassen:

Bei anhaltenden Symptomen ist sofort medizinische Hilfe nötig.

Wie lange dauert eine Psychose durch Cannabiskonsum?

Die Dauer kann stark variieren. Häufig klingen die akuten Symptome innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen ab – besonders, wenn es sich um eine einmalige Überreaktion auf hohe THC-Mengen handelt. In einigen Fällen können die Beschwerden jedoch länger anhalten, etwa Tage bis Wochen, und eine ärztliche Behandlung nötig machen. Bei Personen mit einer Vulnerabilität für psychische Erkrankungen (z. B. familiäre Vorbelastung) kann ein Cannabiskonsum auch eine länger anhaltende psychotische Episode auslösen. Wichtig: Anhaltende Verwirrtheit, Halluzinationen oder Wahnideen sollten immer medizinisch abgeklärt werden.

Was mach ich bei einer Panikattacke nach Cannabiskonsum?

Bleib nicht allein damit. Panik nach Cannabis ist unangenehm, aber meist vorübergehend. Das kann helfen:

Wann sollte ich Hilfe holen? Wenn starke Verwirrtheit, Kreislaufprobleme, Brustschmerzen, Halluzinationen oder anhaltende Panik über mehrere Stunden auftreten – oder du dich nicht sicher fühlst: ärztliche Hilfe rufen. Lieber einmal zu viel als zu wenig.


Quellen

[1] Hoch, E., Niemann, D., von Keller, R. et al. How effective and safe is medical cannabis as a treatment of mental disorders? A systematic review. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 269, 87–105 (2019).

[2] Warner-Levy, J., Erridge, S., Clarke, E., McLachlan, K., Coomber, R., Asghar, M., … Sodergren, M. H. (2024). UK Medical Cannabis Registry: a cohort study of patients prescribed cannabis-based oils and dried flower for generalised anxiety disorder. Expert Review of Neurotherapeutics, 24(12), 1193–1202.

[3] Wolinsky, D., Mayhugh, R. E., Surujnarain, R., Thrul, J., Vandrey, R., & Strickland, J. C. (2025). Acute and chronic effects of medicinal cannabis use on anxiety and depression in a prospective cohort of patients new to cannabis. Journal of Affective Disorders, 390, 119829.

[4] Sharpe, L., Sinclair, J., Kramer, A. et al. Cannabis, a cause for anxiety? A critical appraisal of the anxiogenic and anxiolytic properties. J Transl Med 18, 374 (2020).

[5] Myran, D. T., et al. (2025). Development of an anxiety disorder following an emergency department visit due to cannabis use: A population-based cohort study. eClinicalMedicine, 69, 102455.

Medizinisches Cannabis vaporisieren

Wenn es um die Anwendung von medizinischem Cannabis geht, taucht schnell die Frage auf: Ist Verdampfen oder Rauchen besser? Aus therapeutischer Sicht spricht vieles dafür, Cannabis – insbesondere Cannabisblüten, aber auch bestimmte Cannabisextrakte – zu vaporisieren. Beim Verdampfen werden die Wirkstoffe erhitzt, ohne sie zu verbrennen. Das kann schonender für die Atemwege sein und eine besser steuerbare Dosierung ermöglichen.



Warum Vaporisieren statt Rauchen von Cannabis?

Viele kennen Cannabis vor allem aus dem Freizeitkonsum. Sprich: vom "Kiffen". Cannabisblüten oder Haschisch werden mit Tabak gemischt und als "Joint" geraucht. Für die medizinische Anwendung ist das allerdings unvorteilhaft.

Denn beim Verbrennen entstehen Schadstoffe, die die Atemwege reizen und langfristig die Lunge belasten können. Auch die Dosierung ist schwerer kontrollierbar, weil Temperatur und Verbrennungsprozesse stark schwanken.

Deshalb empfehlen Ärzt:innen in der Regel:

So lassen sich die gewünschten Wirkstoffe einatmen, ohne die gesundheitlichen Nachteile des Rauchens in Kauf zu nehmen.[1]

Wichtig zu wissen ist aber: Das Vaporisieren von Cannabis ist laut Studien zwar deutlich weniger belastend für die Atemwege als Rauchen, es bleibt aber eine Belastung.[1]

Vergleichsgrafik „Rauchen vs. Vaporisieren von Cannabis“. Links wird das Rauchen dargestellt: eine durchgestrichene Zigarette mit dem Hinweis „Erzeugt Schadstoffe und belastet Atemwege. Erschwert die Dosierung“. Rechts steht das Vaporisieren: ein Verdampfer-Symbol mit dem Hinweis „Erzeugt weniger Schadstoffe und belastet Atemwege weniger. Effizienter – weniger Cannabis kann benötigt werden“. In der Mitte befindet sich ein Kreis mit dem Schriftzug „VS“.

Wie funktioniert ein Cannabis-Vaporizer?

Das Verdampfen ist in der Medizin nichts Neues: Inhalative Therapien werden seit Jahrzehnten genutzt, etwa bei Atemwegserkrankungen oder in der Schmerztherapie. Entscheidend ist die richtige Temperatur, bei der der Wirkstoff vom festen oder flüssigen Zustand in Dampf übergeht.

Einfach erklärt: Bei Cannabis funktioniert ein Vaporizer so:

  1. Die zerkleinerten Cannabisblüten – oder bei speziellen Geräten passende Cannabisextrakte – kommen in die Heizkammer.
  2. Der Cannabis-Vaporizer (also ein Cannabis-Verdampfer) erhitzt sie auf eine kontrollierte Temperatur, meist zwischen 160 und 210 °C.
  3. Die Cannabinoide und Terpene werden als Dampf freigesetzt und können direkt eingeatmet werden.

Verschiedene Gerätetypen

Tisch-Vaporizer (stationär): Stationäre Vaporizer für Blüten oder Extrakte sind für den Gebrauch zu Hause konzipiert und bieten potenziell viel Leistung sowie eine präzise Temperatursteuerung. Sie benötigen in der Regel eine Steckdose und sind durch ihre Größe und Bauweise häufig eher unhandlich, sodass sie nicht für den mobilen Einsatz gedacht sind. Je nach Modell wird der Dampf in einen Ballon geleitet, über einen Schlauch inhaliert oder durch eine integrierte Wasserfiltration geführt.

Mobile Vaporizer (tragbar): Handliche Geräte mit Mundstück für den Alltag oder unterwegs. Dank ihrer leichten, akkubetriebenen und platzsparenden Bauweise können sie einfach transportiert und nahezu überall diskret verstaut werden.

Vaporizer für Extrakte: Einige Modelle sind dafür ausgelegt, Cannabis-Extrakte, Öle oder Konzentrate zu verdampfen. Eine Option für Patient:innen, deren Therapie nicht auf Blüten basiert oder die eine geruchsärmere Anwendung bevorzugen.

Verdampfung von Cannabis: Warum das Vorteile hat

Hier ein paar Vorteile des Cannabis-Verdampfens – abgesehen davon, dass es weniger belastend für die Atemwege sein kann:

Vaporisieren ist effizienter und kann Cannabis sparen

Beim Rauchen entsteht eine sehr hohe Hitze: 500–600 Grad Celsius. Ein großer Teil der empfindlichen Cannabinoide wird dabei schlicht zerstört. Weitere Wirkstoffe verschwinden ungenutzt im Nebenstrom-Rauch. Am Ende kommt nur ein kleiner Bruchteil dessen im Körper an, was ursprünglich in der Blüte steckte.

Beim Vaporisieren läuft das völlig anders: Es werden nur so viel Grad erzeugt, wie nötig ist, um Cannabinoide und Terpene zu lösen.

Das Ergebnis: Du brauchst weniger Cannabisblüten, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Das schont nicht nur die Lunge, sondern auch den Geldbeutel.[2]

Mehr Wirkstoff im Dampf: Was Studien zeigen

Für die medizinische Anwendung ist entscheidend, wie zuverlässig die Wirkstoffe aufgenommen werden. Das hat ein Forschungsteam der Johns Hopkins University School of Medicine untersucht:
Teilnehmende vaporisierten eine bestimmte Menge Cannabis – oder rauchten dieselbe Menge im Joint.

Das Ergebnis war eindeutig:

Für Patient:innen bedeutet das: Mit einem Vaporizer könnte die gewünschte Wirkung gezielter erreicht werden, bei geringeren Belastungen für den Körper.[2]

Patienten und ihre Erfahrungen mit Cannabis-Vaporizern

Viele Menschen, die Cannabis aus medizinischen Gründen nutzen, greifen inzwischen bewusst zum Vaporizer anstatt zum Joint. Eine US-Studie zeigt, dass dahinter vor allem praktische und gesundheitliche Überlegungen stehen. Besonders geschätzt wird, dass sich die Dosis beim “Vapen” sehr fein steuern lässt: Ein bis zwei Züge reichen manchen Patient:innen bereits, um akute Beschwerden wie Schmerzen, Übelkeit oder Verspannungen zu dämpfen.[3]

Auch die Handhabung spielt eine große Rolle. Tragbare Geräte sind unauffällig, erzeugen nur wenig Geruch und können problemlos unterwegs genutzt werden. Ein Vorteil, den viele im Alltag als entlastend beschreiben. Hinzu kommt, dass der Dampf von vielen Betroffenen als milder empfunden wird als Rauch; einige berichten sogar von weniger Husten oder gereizten Atemwegen, seit sie vom Rauchen auf das Verdampfen umgestiegen sind.[3]

Natürlich hat auch das Vapen Grenzen: Manche empfinden die Wirkung kleiner Vape Pens als weniger intensiv, andere finden bestimmte Geräte zu teuer oder technisch kompliziert. Insgesamt zeigt sich aber ein klares Bild: Für viele Patient:innen ist der Vaporizer eine schonendere, flexiblere und alltagstaugliche Methode, medizinisches Cannabis zu nutzen.[3]

Oder doch lieber orale Darreichungsformen?

Cannabis verdampfen ist nicht die einzige Möglichkeit der medizinischen Einnahme von Cannabis. Jede Inhalationsform hat gemeinsam, dass die Wirkung stark davon abhängt, wie tief und gleichmäßig jemand einatmet.

Viele fragen sich deshalb, ob man Cannabisblüten nicht auch einfach essen oder als Tee zubereiten kann. Beides ist zwar grundsätzlich möglich, medizinisch aber kaum empfehlenswert.

Cannabis-Tee ist aufwendig in der Zubereitung: Die Blüten müssen lange in kochendem Wasser ziehen, liefern aber trotzdem nur einen sehr kleinen Teil des enthaltenen THC. Edibles wie Cannabis-Kekse oder Brownies haben ein weiteres Problem: Die Dosis ist extrem schwer vorhersehbar. Selbst bei gleicher Menge können Wirkung und Dauer stark schwanken.

Deutlich kontrollierbarer sind standardisierte Cannabisprodukte für die orale Einnahme, zum Beispiel:

Diese Präparate wurden in Studien untersucht, lassen sich exakt dosieren und sind im medizinischen Alltag leichter anzuwenden.

Der Unterschied zur Inhalation ist vor allem der Zeitverlauf der Wirkung:

Fazit: Vaporisieren als schonendere und präzisere Option

Für viele Patient:innen bietet das Verdampfen von medizinischem Cannabis einen klaren therapeutischen Vorteil: Die Wirkstoffe können gezielt und effizient aufgenommen werden, ohne die gesundheitlichen Belastungen des Rauchens in Kauf zu nehmen. Dennoch gilt: Welche Darreichungsform am besten passt, sollte immer gemeinsam mit Ärzt:innen entschieden werden.


FAQ

Ein THC-Verdampfer – also ein Vaporizer für Cannabis – ist ein Gerät, das Cannabisblüten oder geeignete Extrakte erhitzt, ohne sie zu verbrennen. Dabei entstehen Dämpfe mit THC und anderen Wirkstoffen, die eingeatmet werden können.
Jeder handelsübliche Cannabis-Vaporizer kann grundsätzlich alle medizinischen Cannabisblüten verdampfen – egal welche Sorte. Für Cannabis-Extrakte oder Konzentrate braucht man allerdings ein Modell, das ausdrücklich dafür geeignet ist.
Ein Vaporizer erhitzt Cannabis so, dass die Wirkstoffe verdampfen, ohne dass etwas verbrannt wird. Dadurch können Cannabinoide und Terpene gleichmäßiger und kontrollierter freigesetzt werden. Einige Patient:innen berichten, dass die Wirkung beim Vaporisieren schneller einsetzt und sich präziser dosieren lässt als beim Rauchen.[3]
Für die meisten medizinischen Anwendungen liegt eine geeignete Temperatur zwischen etwa 160 und 210 °C. In diesem Bereich können Cannabinoide und Terpene verdampfen, ohne dass das Pflanzenmaterial verbrennt. Welche Temperatur am besten passt, hängt allerdings von Gerät, Sorte und persönlicher Verträglichkeit ab.
Ja, das Verdampfen von Cannabis gilt als schonendere Alternative zum Rauchen, weil dabei keine Verbrennung stattfindet und deutlich weniger Schadstoffe entstehen. Die Wirkstoffe lassen sich besser dosieren, und viele Patient:innen empfinden den Dampf als milder für Hals und Atemwege. Wichtig ist aber: Auch das Vaporisieren ist nicht völlig frei von Risiko. Auch hier können die Atemwege belastet werden.[1,3]
Eine pauschale Antwort gibt es hier nicht. Beide Wege haben mögliche Vorteile und passen je nach Person, Beschwerden und Alltag unterschiedlich gut. Vaporisieren kann den Wirkstoff schneller freisetzen, weil die Cannabinoide über die Lunge aufgenommen werden. Die Wirkung setzt dadurch oft rascher ein. Gleichzeitig bleibt auch das Verdampfen eine Form der Inhalation, was die Atemwege belasten könnte. Cannabisextrakte zur oralen Einnahme können langsamer, dafür potenziell gleichmäßiger und länger wirken. Die Dosierung ist meist besser kontrollierbar, weil standardisierte Präparate genutzt werden. Für einige Patient:innen kann das im Alltag stabiler sein. Für andere Patient:innen könnte der Wirkungseintritt zu lange dauern. Welche Form besser geeignet ist, hängt also vom individuellen Beschwerdebild, der gewünschten Wirkgeschwindigkeit, der Verträglichkeit und der ärztlichen Empfehlung ab. Eine allgemeingültige „beste“ Methode gibt es nicht. Entscheidend ist, was medizinisch sinnvoll und für die einzelne Person gut handhabbar ist.
Ja, das ist möglich. Aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Ein Vaporizer kann von der Krankenkasse erstattet werden, wenn deine Cannabistherapie grundsätzlich genehmigt ist und die Kasse die Kostenübernahme bestätigt hat. Dann kommt auch die Finanzierung eines medizinischen Vaporizers infrage.

Tipp: Frag am besten direkt bei deiner Krankenkasse nach. Die Bedingungen und Abläufe unterscheiden sich je nach Anbieter, und eine individuelle Rückfrage bringt am schnellsten Klarheit.


Quellen

[1] Rojas, D.E., McCartney, M.M., Borras, E. et al. Impacts of vaping and marijuana use on airway health as determined by exhaled breath condensate (EBC). Respir Res 26, 63 (2025).

[2] Johns Hopkins Medicine. (2018, December 4).Vaping cannabis produces stronger effects than smoking cannabis for infrequent users.

[3] Aston ER, Scott B, Farris SG. A qualitative analysis of cannabis vaporization among medical users. Exp Clin Psychopharmacol. 2019 Aug;27(4):301-308. doi: 10.1037/pha0000279. Epub 2019 May 23. PMID: 31120278; PMCID: PMC6737940.

Cannabis bei Rückenschmerzen: Was neue Studien zur Wirkung zeigen

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen überhaupt. Viele Betroffene kämpfen jahrelang damit. Schmerzmittel wie Ibuprofen oder stärkere Opioide helfen manchmal nur begrenzt und bringen teils erhebliche Nebenwirkungen mit sich. Neue Studien aus dem Herbst 2025 nähren nun die Hoffnung, dass medizinisches Cannabis eine Alternative sein könnte. Sie zeigen: Die Wirkung ist da, aber nicht für alle gleich, und sie hat Bedingungen.



Was sind chronische Rückenschmerzen?

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen überhaupt. Viele Beschwerden verschwinden nach einigen Tagen oder Wochen von selbst wieder – etwa nach einseitiger Belastung, Stress oder muskulären Verspannungen. Von chronischen Rückenschmerzen spricht man jedoch erst, wenn die Beschwerden länger als drei Monate anhalten oder immer wiederkehren. Dann verlieren sie oft ihren akuten Charakter und werden zu einer eigenen Erkrankung mit körperlichen, psychischen und sozialen Folgen.

In Deutschland sind nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts rund 16 Prozent der Erwachsenen betroffen. Das entspricht mehr als 12 Millionen Menschen. Frauen berichten etwas häufiger von chronischen Rückenschmerzen als Männer.[1]

Chronische Rückenschmerzen haben selten nur eine einzige Ursache. Häufig wirken mehrere Faktoren zusammen: Abnutzung an den Bandscheiben, muskuläre Verspannungen, Fehlhaltungen am Arbeitsplatz, Bewegungsmangel, Übergewicht, dauerhafte Belastung oder Stress. Auch die Psyche kann eine Rolle spielen: Wer sich wegen der Schmerzen weniger bewegt oder Angst vor weiteren Schmerzattacken hat, gerät leicht in einen Kreislauf aus Schonhaltung, Muskelabbau und verstärkten Beschwerden.

Die Schmerzbehandlung gilt daher als vielseitig. Neben Bewegung und Physiotherapie kommen je nach Ursache auch Entspannungsverfahren, psychologische Unterstützung und Medikamente zum Einsatz. Genau hier setzen aktuellen Studien an: Sie prüfen, ob Cannabinoide, wie THC und CBD eine sinnvolle Ergänzung in der Behandlung von chronischen Rückenschmerzen sein können, besonders dann, wenn herkömmliche Schmerzmittel nur eine begrenzte Wirksamkeit zeigen oder starke Nebenwirkungen haben.

Aktuelle Studienergebnisse: Kann Cannabis gegen Rückenschmerzen helfen?

Ob Cannabis wirklich gegen Rückenschmerzen hilft, wird seit Jahren erforscht – und oft kontrovers diskutiert. Die bisherigen Ergebnisse waren gemischt, doch zwei aktuelle Studien, veröffentlicht im September 2025, zeichnen nun ein klareres Bild. Sie zeigen: Cannabis könnte chronische Rückenschmerzen lindern, vor allem dann, wenn andere Medikamente kaum wirken oder schlecht vertragen werden.

Die Studien-Teilnehmenden berichteten über weniger Schmerzen, besseren Schlaf und geringeren Bedarf an Opioiden. Ganz ohne Einschränkungen sind die Befunde jedoch nicht: Die Wirkung ist individuell verschieden, und Cannabis ersetzt keine ganzheitliche Behandlung, sondern kann sie ergänzen.

Ein Blick auf die zwei neuen Studien zeigt, wo die Forschung aktuell steht:

Eine Langzeitstudie mit überraschend großen Effekten

Eine der beiden Studien ist ungewöhnlich: Forschende begleiteten 168 Patient:innen mit chronischen Rückenschmerzen über zehn Jahre – so lange wurde Cannabis bei Rückenschmerz bislang kaum untersucht. Die Teilnehmenden litten im Durchschnitt seit mehr als einem Jahr an starken Schmerzen, viele hatten Operationen hinter sich und nahmen Opioide.[2]

Das Ergebnis nach einem Jahrzehnt Cannabistherapie:

Cannabis-Nebenwirkungen wie Schwindel traten vor allem zu Beginn auf; nur wenige brachen die Behandlung deshalb ab.

Ein wichtiger Vorbehalt: Die Studie hatte keine Vergleichsgruppe ohne Cannabis. Man kann also nicht sicher sagen, wie groß der Anteil des tatsächlichen Wirkstoffeffekts ist und wie viel durch andere Faktoren erklärt werden könnte.[2]

Bertan Türemis, Senior Medical Science Liaison Manager bei der Sanity Group, ordnet die Bedeutung der Studie wie folgt ein: 

“Chronische Rückenschmerzen sind ein großes Problem. Viele Menschen nehmen dafür starke Schmerzmittel. Diese israelische Studie ist zwar keine randomisierte Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie, sondern nur eine Observationsstudie, aber für mich ist sie besonders, weil es solche Langzeitdaten über 10 Jahre hinweg kaum gibt. Sie zeigt, dass Cannabis Rückenschmerzen und den Einsatz von Opioiden reduzieren kann.”

VER-01: Lindert ein neues Cannabis-Medikament Rückenschmerzen?

In einer großen, placebo­kontrollierten Studie testeten Forschende einen standardisierten Cannabis-Extrakt (VER-01) an 820 Personen. Alle litten an chronischen unteren Rückenschmerzen.[3]

Über zwölf Wochen hinweg sank der Schmerz bei den Cannabis-Behandelten stärker als in der Placebogruppe. Rund jede:r Zweite erreichte eine deutliche Verbesserung, also mindestens 30 Prozent weniger Schmerzen. Auch Schlaf und Beweglichkeit verbesserten sich häufiger als mit dem Placebo. Besonders profitierten Menschen, deren Rückenschmerz eine Nervenkomponente hatte – also wenn der Schmerz ausstrahlt, brennt oder sticht.

Die Kehrseite: Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit kamen häufiger vor, vor allem zu Beginn der Behandlung. Schwerwiegende Nebenwirkungen waren jedoch selten. Hinweise auf Abhängigkeit oder Entzugserscheinungen fanden sich keine.[3]

Was bedeutet das für Menschen mit chronischen Schmerzen?

Beide Studien machen deutlich: Cannabis kann gegen chronische Rückenschmerzen helfen – aber nicht jedem und nicht immer gleich viel. Einige profitieren deutlich, andere spüren nur einen mäßigen Effekt.

Bertan Türemis betont:

"Wichtig zu verstehen ist: Cannabis ersetzt keine Bewegung oder andere Therapien und sollte erst in Betracht gezogen werden, wenn alle Standardverfahren ausgeschöpft sind. Doch für Menschen, die trotz verschiedener Therapieansätze unter chronischen Schmerzen leiden oder Opioide meiden möchten, kann es eine Option sein."

Wirkung von Cannabis bei Schmerzen: Welche Rolle spielt das Endocannabinoid-System?

Doch warum kann Cannabis überhaupt Schmerzen lindern – und worin unterscheidet es sich von klassischen Schmerzmitteln wie Opioiden? Die 10-Jahres-Langzeitstudie ordnet die Wirkung in einen biologischen Zusammenhang ein: das Endocannabinoid-System (ECS). Es handelt sich um ein körpereigenes Regulationssystem, das an der Steuerung von Schmerz, Stimmung, Schlaf, Entzündung und Stressreaktionen beteiligt ist.[2]

Zum ECS gehören Botenstoffe, die unser Körper selbst herstellt, sowie zwei zentrale Rezeptorarten:

Die Cannabispflanze enthält Wirkstoffe – allen voran THC und CBD –, die an diese Rezeptoren andocken können. THC wirkt vor allem über CB1 und kann so die Schmerzintensität reduzieren und die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Nervensystem bremsen. CBD wird eine eher entzündungshemmende und ausgleichende Wirkung zugeschrieben, die CB2-aktiv ist, auch wenn CBD in der 10-Jahres-Studie keine zentrale Rolle spielte (dort wurde ein THC-dominantes Präparat eingesetzt).

Der entscheidende Unterschied zu Opioiden: Während Opioide an eigene Opioid-Rezeptoren binden und starke Nebenwirkungen wie Abhängigkeit, Atemdepression oder Verstopfung auslösen können, nutzt Cannabis ein anderes körpereigenes System. Das erklärt, warum manche Schmerz-Patient:innen Cannabis als verträglicher empfinden. Allerdings bedeutet das nicht, dass Cannabis ohne Risiko wäre – auch hier sind Nebenwirkungen möglich, etwa Benommenheit oder Schwindel.

Laut aktuellen Forschungsergebnissen ist das ECS daher ein Schlüsselfaktor, um zu verstehen, weshalb Cannabis bei chronischen Schmerzen helfen kann, die auf herkömmliche Mittel oft nur unzureichend ansprechen.[2]

Wie Cannabis Schmerzen lindern kann. Cannabis enthält die Wirkstoffe THC und CBD, die im Körper am Endocannabinoid-System wirken. THC beeinflusst vor allem CB1-Rezeptoren im Nervensystem, CBD eher CB2-Rezeptoren im Immunsystem. Beides kann zur Schmerzlinderung beitragen.

Cannabis-Präparat oder Cannabis-Blüten: Was sollten Patienten gegen Rückenschmerzen verwenden?

Die aktuellen Studien lassen erkennen, dass es nicht „das eine“ helfende Cannabis gibt, sondern verschiedene Formen, die sich in Wirkung, Dosierung und Verträglichkeit unterscheiden. Für Patient:innen mit chronischen Rückenschmerzen kann das eine wichtige Rolle spielen.

Der Vorteil von medizinischen Cannabis-Präparaten – etwa standardisierte Öle oder Extrakte wie VER-01: genaue Dosierung, gleichbleibende Zusammensetzung und bessere Steuerbarkeit. Besonders für Menschen, die mehrere Wirkstoffe einnehmen, könnte die Standardisierung ein Plus sein.

Cannabis-Blüten wurden in der 10-Jahres-Langzeitstudie verwendet, meist inhaliert oder als Edibles. Hier zeigte sich eine deutliche und anhaltende Schmerzlinderung sowie eine starke Reduktion des Opioidverbrauchs. Allerdings lässt sich die Dosierung schwerer kontrollieren. Wirkung und Verträglichkeit können stärker schwanken und nicht jede Person verträgt inhalierte Produkte gut.[2]

Zusammengefasst deuten aktuelle Studien auf Folgendes hin:

Welche Form geeignet ist, hängt vom individuellen Gesundheitszustand, Vorerfahrungen und der ärztlichen Einschätzung ab.

Der Stand der Dinge – und was noch fehlt

Die Erkenntnisse zu Cannabis bei Rückenbeschwerden sind ermutigend, aber sie lassen Fragen offen. Die große Wirkung der Zehnjahresstudie müsste in kontrollierten Studien bestätigt werden. Und noch ist unklar, welche Formen von Cannabis, welche Dosierungen und welche Patientengruppen am meisten profitieren.

Fest steht: Immer mehr Forschende versuchen, Licht in ein Feld zu bringen, das lange von Einzelberichten und Hoffnungen geprägt war. Die beiden neuen Studien sind ein wichtiger Schritt – hin zu einem nüchternen, evidenzbasierten Blick auf Cannabis als Schmerzmittel.


FAQ

Ja, Orthopäd:innen dürfen grundsätzlich medizinisches Cannabis verschreiben.
Eine 10-Jahres-Langzeitstudie liefert erstmals Hinweise darauf, dass medizinisches Cannabis auch Menschen mit Bandscheibenvorfall helfen kann.[2] In der Untersuchung hatten 83 Prozent der Teilnehmenden einen diagnostizierten Bandscheibenvorfall, viele von ihnen waren zuvor operiert worden oder hatten mehrere erfolglose Therapien hinter sich. Unter einer langfristigen Cannabisbehandlung gingen Schmerzen und körperliche Einschränkungen deutlich zurück, und ein Großteil der Betroffenen benötigte im Verlauf kaum noch Opioide. Die Studie zeigt jedoch nur, dass Cannabis die Symptome lindern kann. Sie zeigt nicht, dass es die Ursachen eines Bandscheibenvorfalls behebt. Fachleute sehen Cannabis daher eher als ergänzende Option, wenn herkömmliche Methoden wie Physiotherapie, Bewegung und Schmerzmittel nicht ausreichen oder schlecht vertragen werden.
CBD wird oft als natürliche Hilfe bei Rückenschmerzen angepriesen – wissenschaftlich ist das bislang so gut wie nicht belegt. Erste Ansätze sind zwar vielversprechend, doch es fehlt an soliden Daten, die zeigen, dass CBD allein wirklich hilft. Hier braucht es deutlich mehr Forschung.[4]


Quellen

[1] Robert Koch-Institut. (2021). Prävalenz von Rücken- und Nackenschmerzen in Deutschland: Ergebnisse der Krankheitslast-Studie BURDEN 2020 (Journal of Health Monitoring, S3/2021).

[2] Robinson, D., Khatib, M., Eissa, M., & Yassin, M. (2025). Long-term cannabis therapy for chronic low back pain: A 10-year prospective study. Integrative Medicine Reports, 4(1).

[3] Karst, M., Meissner, W., Sator, S. et al. Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic low back pain: a phase 3 randomized placebo-controlled trial. Nat Med (2025).

[4] Bakewell, B. K., Sherman, M., Binsfeld, K., Ilyas, A. M., Stache, S. A., Sharma, S., Stolzenberg, D., & Greis, A. (2022). The use of cannabidiol in patients with low back pain caused by lumbar spinal stenosis: An observational study. Cureus, 14(9), e29196.

Kann Cannabis bei Krebs helfen?

In der Krebsbehandlung ist Cannabis längst keine Randerscheinung mehr. Es wird vor allem dann erwogen, wenn Schmerzen, Übelkeit oder Schlafprobleme trotz Therapie bestehen bleiben.



Nachdem alle bekannten Mittel gegen Übelkeit, Schmerzen und Schlafstörungen versagt haben, bleibt einigen Onkolog:innen manchmal nur noch ein letzter Gedanke: Vielleicht könnte Cannabis helfen. Für viele Krebspatient:innen ist es kein Schritt in eine alternative Welt, sondern ein Versuch, den Alltag erträglicher zu machen. Schlaf finden, essen können, nicht mehr jede Nacht mit Schmerzen aufwachen – darum geht es. Doch kann Cannabis bei Krebspatient:innen wirklich zur Verbesserung der Lebensqualität führen? Und geht es nur um Linderung von Symptomen oder möglicherweise um mehr?

Eine neue Meta-Studie aus dem Jahr 2025 liefert dazu den bislang umfassendsten Überblick. Forschende werteten mehr als 10 000 wissenschaftliche Arbeiten zu Cannabis und Krebs aus.[1]

Infografik zur medizinischen Anwendung von Cannabis bei Krebs. In der Mitte symbolische Darstellung eines Tropfens mit konzentrischen Kreisen. Von dort führen Linien zu sechs Anwendungsbereichen: Chemotherapiebedingte Übelkeit (Cannabis kann Übelkeit und Erbrechen lindern), Appetitlosigkeit (Appetitsteigerung möglich), entzündungshemmende Eigenschaften (Cannabinoide können Entzündungen reduzieren), Tumorschmerzen (Ergänzung zu Opioiden bei neuropathischen Schmerzen), Schlafprobleme (CBD wirkt beruhigend) und innere Unruhe. Jeder Bereich ist mit einem passenden Icon visualisiert.

Cannabinoide bei Krebs: Was sagen Studien?

Die Ergebnisse sind überraschend eindeutig – zumindest in einem Punkt: In der medizinischen Begleitbehandlung von Krebs ist Cannabis keineswegs Außenseitermedizin. Die Mehrheit der Studien beschreibt positive Effekte, insbesondere bei Schmerzen, Übelkeit durch Chemotherapie, Appetitverlust und Schlafproblemen. Positive Einschätzungen überwiegen 31-fach gegenüber negativen.[1]

Anwendung von Cannabis zur Verbesserung der Lebensqualität

Die Datenlage ist besonders belastbar bei:

Chemotherapie-bedingter Übelkeit und Erbrechen

Cannabis bzw. THC-haltige Medikamente werden bei Übelkeit und Erbrechen bereits seit Jahren eingesetzt. Vor allem dann, wenn Standardtherapien nicht helfen.

Tumorschmerzen

Vor allem bei neuropathischen Schmerzen, also Nervenschmerzen, stößt die klassische Schmerztherapie an Grenzen. Hier zeigen Cannabinoide Wirkung, nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu Opioiden und Co..

Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust

Für viele Betroffene wird der Verlust von Hunger und Körperkraft in späten Krankheitsphasen zur eigentlichen Belastung. Cannabis kann den Appetit anregen. Und damit ein Stück Normalität zurückbringen.

Schlafproblemen und innerer Unruhe

Besonders Cannabidiol (CBD) wird hier eingesetzt. Es wirkt vor allem beruhigend, angstlösend und hilft einigen Patient:innen, zur Ruhe zu kommen.

Auch die entzündungshemmenden Eigenschaften von Cannabinoiden sind in zahlreichen Studien dokumentiert. In der Meta-Analyse fanden sich kaum Arbeiten, die diese Wirkung grundsätzlich infrage stellen. Das ist insofern relevant, weil Entzündungen das Fortschreiten einiger Krebsarten fördern können.[1]

Die heikle Frage: Was macht medizinisches Cannabis mit Krebszellen?

Hier wird die Datenlage dünner und zugleich spannender. In Laborversuchen und Tierstudien zeigen Cannabinoide wie THC und CBD Effekte, die aufhorchen lassen: Sie könnten das Wachstum bestimmter Tumorzellen hemmen, deren programmierten Zelltod (Apoptose) fördern oder die Bildung neuer Blutgefäße für Tumore verhindern. Dies wurde bei Brustkrebs, Prostatakarzinom, Glioblastom und anderen Krebsarten beobachtet.

Doch die entscheidende Einschränkung lautet: Diese Effekte sind bisher kaum beim Menschen nachgewiesen. Es gibt nur wenige klinische Studien, in denen Cannabis gezielt als Krebsmedikament getestet wurde. Die große Meta-Analyse nennt das vielversprechend, aber noch nicht durch klinische Daten belegt.[1]

Was bedeutet das für die Krebsforschung?

Das bedeutet Stand heute: Cannabis kann Symptome lindern, aber es ersetzt keine Operation, keine Chemotherapie, keine Immuntherapie. Wer es als Heilmittel anpreist, bewegt sich außerhalb der wissenschaftlichen Evidenz.

Das berichten Patienten: Ein Blick in die Versorgungspraxis

Neben Laborergebnissen fließen zunehmend auch Erfahrungswerte aus der Praxis in die Forschung ein. Eine große israelische Beobachtungsstudie von 2022 hat rund 10.000 Patient:innen begleitet – viele von ihnen mit Krebs oder anderen chronischen Erkrankungen wie Epilepsie, PTSD oder Multipler Sklerose.

Fast die Hälfte der Behandelten erhielt Cannabis aufgrund einer Krebserkrankung oder der Nebenwirkungen ihrer Therapie. Bei fast 50 % ging es um Chemotherapie-Beschwerden wie Übelkeit oder Appetitverlust, bei der anderen Hälfte primär um Schmerzen.

Nach sechs Monaten lagen vollständige Daten nur noch von rund 65 % der Teilnehmenden vor – einige waren verstorben oder hatten die Behandlung abgebrochen. Bei den Verbliebenen zeigte sich: Unter ärztlicher Aufsicht eingenommenes medizinisches Cannabis war mit einer verbesserten Lebensqualität und weniger Schmerzen verbunden. Die Therapietreue war hoch. Viele Patientinnen führten die Cannabis-Therapie freiwillig fort.[2] 

Zwischen Erleichterung und Risiko

Cannabis ist kein harmloses Naturprodukt. Die Nebenwirkungen sind meist mild, aber real: Müdigkeit, Schwindel, Kreislaufprobleme, Mundtrockenheit. In hohen THC-Dosen können Angstzustände oder psychische Ausnahmezustände auftreten. Hinzu kommt: Cannabis kann mit Krebsmedikamenten wechselwirken, insbesondere über Enzymsysteme der Leber.

Deshalb gehört jede Cannabistherapie in ärztliche Hände. In Deutschland darf sie nur verordnet werden, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend helfen oder unverhältnismäßige Nebenwirkungen verursachen. Meist sind es Onkolog:innen, Schmerz- oder Palliativmediziner:innen, die Cannabis verschreiben.

Am Ende bleibt ein nüchternes, aber klares Bild: Cannabis ist weder Wundermittel noch Illusion. Es ist ein Werkzeug – mit Potenzial, aber auch mit Grenzen. Und genau dort, im Zwischenraum von Hoffnung und Evidenz, findet derzeit eine spannende medizinische Diskussion statt.


FAQ

Bei welchen Krankheiten kann man Cannabis verschrieben bekommen?

Wenn herkömmliche Therapien nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden, können Ärzt:innen medizinisches Cannabis verschreiben. Typische Anwendungsgebiete sind:

Die Entscheidung über eine Cannabistherapie trifft stets die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Wer sollte kein Cannabis nehmen?

Cannabis ist nicht für alle geeignet. Vorsicht oder ein Verzicht gilt insbesondere bei:

Wichtig: Eine Cannabistherapie sollte niemals in Eigenregie erfolgen, sondern immer mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt abgestimmt werden.


Quellen

[1] Castle, R. D., Marzolf, J., Morris, M., & Bushell, W. C. (2025). Meta-analysis of medical cannabis outcomes and associations with cancer. Frontiers in Oncology, 15, 1490621.

[2] Bar-Lev Schleider, L., Mechoulam, R., Sikorin, I., Naftali, T., & Novack, V. (2022). Adherence, safety, and effectiveness of medical cannabis and epidemiological characteristics of the patient population: A prospective study. Frontiers in Medicine, 9, 827849.

Cannabis, ADHS und was die Wissenschaft dazu sagt

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Kaum ein Thema wird so kontrovers diskutiert wie der therapeutische Einsatz von Cannabis – erst recht, wenn es um psychische Erkrankungen wie ADHS geht. Während einige Patient:innen von einer spürbaren Linderung berichten, bleiben Fachgesellschaften zurückhaltend. Was sagt die Forschung? Und wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Hoffnung und medizinischer Spekulation? Ein Blick auf die aktuelle Studienlage zwischen Wirksamkeit, Nebenwirkungen und individuellen Erfahrungen.



Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung: ADHS im Überblick

Bei ADHS – kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung – handelt es sich um eine der häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindesalter: Man geht davon aus, dass in Deutschland zwei bis sechs Prozent der Kinder darunter leiden. Zu den Symptomen gehören etwa Unaufmerksamkeit, übermäßige Aktivität oder Impulsivität.

Weniger bekannt ist, dass ADHS in etwa jedem zweiten Fall auch noch als Erwachsene:r weiter besteht. Schätzungsweise drei Prozent der Erwachsenen sind hierzulande von der Erkrankung betroffen – oft, ohne es zu wissen.

In der Regel wird ADHS mit Ritalin oder Medikinet behandelt, die Methylphenidat als Hauptwirkstoff in sich tragen. Aus Mangel an Behandlungsalternativen machen Patient:innen, bei denen die Standard-Medikamente nicht wie gewünscht anschlagen und/oder die, die an Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen leiden, sich häufig auf eigene Faust auf die Suche.

Infografik zur Studienlage: Cannabis ADHS – Gegenüberstellung von Vorteilen (z. B. Symptomverbesserung, keine kognitiven Nebenwirkungen) und Nachteilen (z. B. fehlende Signifikanz, kleine Stichprobe, Forschungsbedarf) beim Einsatz von Cannabis bei ADHS.

Cannabis, ADHS und die aktuelle Studienlage

Nach derzeitigem Stand liegt lediglich eine Untersuchung zu Cannabis und ADHS vor, welche den höchsten wissenschaftlichen Kriterien entspricht. Konkret veröffentlichten britische Forschende 2017 eine Studie, die unter doppelblinden, randomisierten und placebokontrollierten Bedingungen durchgeführt wurde.[1]

An dem sechswöchigen Forschungsprojekt nahmen 30 Erwachsene teil. Die eine Hälfte der Gruppe nahm ein Spray ein, das in gleichen Mengen CBD und THC enthielt. Gleichzeitig erhielt die andere Hälfte ein Placebo.

Auf folgenden Gebieten konnten die Forschenden Verbesserungen feststellen: 

Allerdings waren die Verbesserungen zu gering, um als signifikant zu gelten.

Grundsätzlich wird der Konsum von Cannabis mit negativen Auswirkungen auf die kognitive Leistung in Verbindung gebracht. In der Untersuchung konnten die Forschenden bei den Betroffenen von ADHS aber keine entsprechenden Cannabis-Nebenwirkungen feststellen.

Wie ist die britische Pilotstudie einzuordnen?

Während die positiven Effekte des Cannabissprays nicht signifikant waren, ist anzumerken, dass die beobachtete Wirkung vergleichbar mit der von Methylphenidat war, das als Standardwirkstoff bei der Behandlung von ADHS gilt.

Trotzdem bleiben die Ergebnisse weiterführender Forschungen abzuwarten, da es sich in der vorliegenden Untersuchung um eine Pilotstudie mit geringer Teilnehmendenzahl handelte.

Die Ergebnisse der Untersuchung in Kombination mit Wirkungslücken beziehungsweise Nebenwirkungen der Standardtherapie machen jedoch deutlich, dass es weiterer Studien bedarf, um den potenziellen Einsatz von Cannabis bei ADHS weiter zu erforschen.

ADHS bei Cannabis: Erfahrungen, Zahlen und Statistiken

Nachdem Cannabis 2017 zu medizinischen Zwecken in Deutschland legalisiert worden war, führte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine fünfjährige Begleiterhebung zu den verordneten Therapien durch.[2] Aus der Veröffentlichung der Ergebnisse ging hervor, dass die Behandlung von ADHS rund ein Prozent der Verschreibungen ausmachte.

Hier ist einschränkend zu sagen, dass in der Begleiterhebung lediglich die Daten von Patient:innen erfasst wurden, deren Behandlung mit Cannabis von den Krankenkassen übernommen wurde. Entsprechende Statistiken zu Selbstzahler:innen liegen nicht vor.

Als die Behandlung mit medizinischen Cannabis noch eine Ausnahmegenehmigung des BfArM benötigte – also vor 2017 – lag der Anteil der Betroffenen von ADHS unter den Cannabis-Patient:innen noch bei gut 14 Prozent.

Mitverantwortlich dürfte hier die Empfehlung gewesen sein, welche die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) 2017 herausgegeben hatte – welcher unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde angehört. Darin hatte die Gemeinschaft geschlossen davon abgeraten, Cannabis zur ADHS-Behandlung einzusetzen.

Cannabis vom Arzt verschreiben lassen

Im selben Jahr fasste auch der ADHS Deutschland e. V. in einer Stellungnahme zusammen, dass die Nebenwirkungen von Cannabis in keinem angemessenen Verhältnis zu den bisher wenig erforschten Wirkungen bei ADHS stünden – zumal mit dem Wirkstoff Methylphenidat eine wirksame Standardbehandlung bestehe. Gleichzeitig merkte der Selbsthilfeverein an, ADHS-Patient:innen bei ihrer Suche nach einer möglichen Linderung grundsätzlich nicht hindern zu wollen.

Wenngleich eine klinische Empfehlung gegenwärtig nicht vorliegt, gab es laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in den Jahren 2017 bis 2022 163 Verschreibungen von Cannabis bei ADHS. Cannabis wird der Statistik zufolge also durchaus immer wieder von Ärzten bei ADHS verschrieben.

Cannabis für Erwachsene auf Rezept: Mögliche Übernahme durch die Krankenkasse

Es muss eine schwerwiegende Erkrankung vorliegen, damit ein Arzt oder eine Ärztin Cannabis auf Rezept verschreiben kann. Außerdem muss der Einsatz von Cannabis im konkreten Fall erfolgsversprechend sein und Standardtherapien zu unzumutbaren Nebenwirkungen führen. Insofern sind hier einige Einschränkungen zu beachten.

Bezüglich der Finanzierung der Therapie können die Patient:innen einen Antrag auf Kostenübernahme bei ihrer Krankenkasse einreichen, wenn das Cannabis von einem Arzt oder einer Ärztin verschrieben worden ist. Die Krankenkassen können die Übernahme jedoch verweigern. Bei privaten Krankenkassen sind die Bestimmungen des abgeschlossenen Tarifs zu beachten. Eine Verschreibung auf einem Privatrezept für Selbstzahler:innen ist ebenfalls grundsätzlich möglich – zum Beispiel über spezialisierte Telemedizin-Plattformen für Therapien mit medizinischem Cannabis.

Therapeutische Selbstversuche mit Cannabis: Was sagt die Forschung?

Trotz zurückhaltender Verschreibungspraxis zeigen aktuelle Studien, dass viele ADHS-Betroffene Cannabis aus eigener Initiative nutzen – nicht aus Experimentierfreude, sondern aus therapeutischer Motivation. [3] Besonders häufig berichten Patient:innen, sie würden Cannabis zur Linderung von Schlafstörungen, innerer Unruhe oder körperlichen Schmerzen einsetzen. Auch Nebenwirkungen der Standardtherapie – etwa Appetitlosigkeit oder Einschlafprobleme durch Methylphenidat – gelten als Auslöser für den Griff zur Cannabispflanze, oft mangels überzeugender Alternativen.

Die Forschungslage hierzu ist bislang dünn, liefert aber erste Hinweise: In einer Online-Befragung gaben rund 90 Prozent der teilnehmenden ADHS-Betroffenen an, dass sie durch akuten Cannabiskonsum eine Verbesserung ihrer Symptome wie Hyperaktivität, Unruhe oder mentaler Frustration wahrnehmen. Deutlich zurückhaltender fielen die Einschätzungen beim langfristigen Konsum aus – nur ein Drittel sprach hier von einer spürbaren Besserung. Auch auf die kognitive Leistungsfähigkeit wirkte sich chronischer Konsum laut der Selbsteinschätzung vieler kaum aus, wobei die wissenschaftliche Bewertung dieser Effekte noch aussteht.

Häufiger als erwartet nannten die Befragten Cannabis außerdem als Mittel gegen Schmerzen. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass ADHS-Betroffene überdurchschnittlich oft an chronischen Schmerzsyndromen leiden – insbesondere Frauen berichten in diesem Zusammenhang von verstärkten Beschwerden im Zusammenhang mit Endometriose oder Fibromyalgie. Cannabis wird hier offenbar als pragmatischer Ausweg gesehen, wenn klassische Therapien und Alternativen an ihre Grenzen stoßen.[3]

Auch wenn belastbare Studien bislang fehlen, zeichnen sich gewisse Muster ab: Cannabis scheint für manche ADHS-Betroffene eine Lücke zu füllen – dort, wo Medikamente nicht greifen oder Nebenwirkungen dominieren. Umso wichtiger ist es, dass Ärzt:innen die Beweggründe für den Konsum ernst nehmen – nicht nur, um Risiken zu erkennen, sondern auch, um gemeinsam bessere Behandlungswege und individuelle Alternativen zu finden.

Cannabinoid-Therapie: Risiken und Nebenwirkungen bei einer Kombination mit Methylphenidat

Gerade wenn Cannabis bei ADHS ohne ärztliche Absprache eingesetzt wird, könnten Betroffene es mit der Einnahme von Methylphenidat kombinieren. Warum die Kombination jedoch Risiken mit sich bringen könnte, macht eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2014 deutlich: [4]

In der Doppelblindstudie verabreichten die Forschenden 16 erwachsenen Proband:innen verschiedene Kombinationen von Cannabis mit Methylphenidat. Alle Teilnehmenden hatten im Vorfeld der Untersuchung einen mäßigen Cannabiskonsum angegeben und litten weder unter ADHS noch einer anderen psychischen Erkrankung.

Für die Studie nahmen die Proband:innen in sechs Sitzungen entweder eine orale 10-mg-Dosis an THC oder ein Placebo in Kombination mit jeweils unterschiedlichen Mengen an Methylphenidat ein.

Bei jeder Dosierung von Methylphenidat resultierte die kombinierte Einnahme mit THC in einer erhöhten Herzfrequenz. Für eine Zuverlässigkeit der Ergebnisse spricht an dieser Stelle das doppelblinde Studiendesign – einschränkend ist jedoch die geringe Zahl an untersuchten Proband:innen zu sehen. Während eine weitere Erforschung als wünschenswert gilt, sollten die möglichen Wechselwirkungen dringend berücksichtigt werden, falls Cannabis auf Rezept bei ADHS verschrieben werden soll.

ADHS und Cannabisabhängigkeit: Ein besonderes Risiko?

So nachvollziehbar der Wunsch nach Linderung ist – der regelmäßige Konsum von Cannabis birgt gerade für Menschen mit ADHS ein erhöhtes Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Studien zeigen: Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS neigen nicht nur dazu, früher mit dem Konsum zu beginnen, sondern auch schneller zu einem problematischen Gebrauch überzugehen. Impulsivität, emotionale Labilität und Schwierigkeiten mit der Selbstregulation gelten dabei als zentrale Risikofaktoren – und gehören zugleich zum typischen Bild einer ADHS-Diagnose.[3]

Die Forschung spricht hier von einer „geteilten Verletzlichkeit“: Sowohl bei ADHS als auch bei Substanzgebrauchsstörungen sind ähnliche neurobiologische Mechanismen beteiligt – etwa im Bereich der Belohnungsverarbeitung und der Impulskontrolle. Das kann zur Folge haben, dass Betroffene nicht nur häufiger konsumieren, sondern auch stärker auf die kurzfristig beruhigenden Effekte von Cannabis reagieren – und sie daher wiederholt suchen. Ein besonders häufiger Einstieg erfolgt über die Nutzung zur Schlafverbesserung, zur Schmerzbehandlung oder zur Selbstberuhigung in emotional belastenden Situationen.

Zwar geben viele Konsumierende subjektiv an, dass Cannabis ihre Symptome lindere – doch langfristig zeigen sich oft gegenteilige Effekte: Gedächtnisstörungen, Motivationsprobleme und verstärkte Konzentrationsschwierigkeiten können gerade bei ADHS schwer wiegen. Zudem wird berichtet, dass sich bei einigen chronischen Konsumierenden mit ADHS ein Teufelskreis entwickelt: Die Symptome der Grunderkrankung werden durch den fortgesetzten Gebrauch nicht etwa gebessert, sondern verstärkt – was wiederum den Wunsch nach Konsum befeuert.

Cannabis-Therapie bei ADHS: Was bleibt – und was fehlt

Die therapeutische Verwendung von Cannabis bei ADHS bleibt ein umstrittenes Feld zwischen individueller Hoffnung und wissenschaftlicher Zurückhaltung. Erste Studien liefern Hinweise auf mögliche Effekte – doch die Datenlage ist zu schmal, um klare Empfehlungen auszusprechen. Gerade weil viele Betroffene Cannabis aus einer Not heraus nutzen, um mit unerwünschten Nebenwirkungen oder unbehandelten Symptomen zurechtzukommen, braucht es mehr Forschung, mehr ärztliche Begleitung – und mehr Offenheit im Umgang mit einem Thema, das zu lange zwischen Stigma und Selbstmedikation schwankt.

FAQ

Zwischen 2017 und 2022 verzeichnete das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in seiner Statistik 163 Verschreibungen von Cannabis bei ADHS. Aufgrund der derzeit unzureichenden Forschungslage liegt für die Anwendung von Cannabis bei ADHS allerdings keine klinische Empfehlung vor.
Cannabis kann in Deutschland grundsätzlich auch bei ADHS verschrieben werden – vorausgesetzt, alle zugelassenen Standardtherapien wurden bereits ausgeschöpft und die Symptome sind weiterhin stark belastend. Verschreiben darf grundsätzlich jede:r Ärzt:in mit Kassenzulassung (ausgenommen Zahn- und Tierärzt:innen). Meist sind es bei ADHS Fachärzt:innen für Psychiatrie oder Hausärzt:innen mit entsprechender Erfahrung.
Grundsätzlich können alle ADHS-Patient:innen bei ihrer Krankenkasse einen Antrag auf Kostenübernahme stellen. Voraussetzung ist, dass eine Verschreibung von Cannabis auf Rezept vorliegt. Die gesetzlichen Krankenkassen können einen Antrag auf Cannabis auf Rezept mit Verweis auf den Genehmigungsvorbehalt ablehnen. Ob private Krankenkassen die Kosten übernehmen, hängt vom abgeschlossenen Tarif ab.
2017 lieferte eine britische Studie vorsichtige Hinweise auf eine mögliche Wirksamkeit von Cannabinoiden bei ADHS. Allerdings war die Studiengröße zu klein, um eine Aussage treffen zu können. Grundsätzlich geht man davon aus, dass Cannabinoide einen modulierenden Effekt auf das körpereigene Endocannabinoidsystem besitzen.[1]

Quellen

[1] Cooper, R. E., Williams, E., Seegobin, S., Tye, C., Kuntsi, J., & Asherson, P. (2017). Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial. European Neuropsychopharmacology, 27(8), 795–808.

[2] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. (2022, 6. Juli). Cannabis als Medizin: BfArM veröffentlicht Abschlussbericht zur Begleiterhebung (Pressemitteilung Nr. 5/22). Pressemitteilungen des BfArM.

[3] Hernandez, M., & Levin, F. R. (2022). Attention-deficit hyperactivity disorder and therapeutic cannabis use motives. Psychiatric Clinics of North America, 45(3), 503–514.

[4] Kollins, S. H., Schoenfelder, E. N., English, J. S., Holdaway, A., Van Voorhees, E., O'Brien, B. R., Dew, R., & Chrisman, A. K. (2015). An exploratory study of the combined effects of orally administered methylphenidate and delta-9-tetrahydrocannabinol (THC) on cardiovascular function, subjective effects, and performance in healthy adults. Journal of Substance Abuse Treatment, 48(1), 96–103.

Kann Cannabis bei Schlafstörungen helfen?

Viele Menschen schlafen schlecht – oft über Wochen oder Monate. Klassische Schlafmittel wirken nicht bei allen oder haben unerwünschte Nebenwirkungen. Deshalb rückt medizinisches Cannabis zunehmend in den Fokus. Doch was sagen aktuelle Studien zu Cannabis bei Schlafstörungen?



Die Nächte sind für viele das Schwierigste. Wenn die Welt zur Ruhe kommt, beginnt bei vielen Menschen das Warten. Auf Schlaf, auf Stille im Kopf. Etwa ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland kennt dieses Wachliegen – und den dazugehörigen Frust.[6] Eine bessere Schlafhygiene zu entwickeln reicht oft einfach nicht. Und Medikamente helfen nicht immer oder verlieren mit der Zeit ihre Wirkung. Manche machen sogar stark abhängig. Kein Wunder also, dass sich der Blick auf neue Möglichkeiten richtet – und zunehmend auf Cannabis.

Die Pflanze, lange vor allem als Rauschmittel wahrgenommen, wird seit einigen Jahren auch als Therapie gegen Schlafprobleme untersucht. Wissenschaftliche Arbeiten der vergangenen Jahre zeichnen ein differenziertes Bild: Sie zeigen Chancen, aber auch Grenzen und offene Fragen.

Schlafstörungen und ihre Folgen

Schlafstörungen sind anhaltende Probleme mit dem Schlafen oder mit der Schlafqualität. Betroffene haben Schwierigkeiten, abends zur Ruhe zu kommen, wachen nachts häufig auf oder fühlen sich trotz scheinbar ausreichender Schlafdauer morgens nicht erholt.

Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen werden als Insomnie bezeichnet – die häufigste Form von Schlafstörungen. Daneben gibt es andere Störungen wie z. B. Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf), Restless-Legs-Syndrom oder Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus.

Mediziner:innen sprechen von einer Schlafstörung, wenn die Probleme mindestens drei Nächte pro Woche über drei Monate hinweg auftreten und den Alltag beeinträchtigen.

Längst ist belegt, dass Schlafstörungen mehr sind als lästige Nächte. Dauerhafter Schlafmangel schwächt das Immunsystem, fördert Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Er beeinträchtigt Gedächtnis, Konzentration und Stimmung, erhöht das Risiko für Depression und Angststörungen und steigert die Unfallgefahr im Straßenverkehr und im Beruf.

Die Wirkung von Cannabis auf das Endocannabinoid-System – und warum es bei Schlafproblemen helfen kann

Für viele Menschen mit hartnäckigen Schlafproblemen kann medizinisches Cannabis eine Behandlungsoption sein. Im Mittelpunkt steht das körpereigene Endocannabinoid-System (ECS) – ein Netzwerk aus Rezeptoren und Botenstoffen im Gehirn und im Nervensystem. Es spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung von Schlaf, Stimmung, Appetit, Schmerzempfinden und dem Schlaf-Wach-Rhythmus.

Cannabis wirkt nicht direkt als Schlafmittel, sondern beeinflusst dieses System. Dabei kommen vor allem zwei pflanzliche Wirkstoffe ins Spiel: THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). Sie ähneln den körpereigenen Botenstoffen und können sich an die Rezeptoren des ECS binden – und so Prozesse steuern, die auch den Schlaf betreffen.

Vergleich von THC und CBD bei Schlafstörungen: THC fördert das Einschlafen und wirkt sedierend, CBD reduziert Angst und Stress und kann den Schlaf indirekt verbessern.

THC und CBD im Überblick

Hinweis: Nicht alle Menschen reagieren gleich. Ob Cannabis hilft und in welcher Form, sollte immer ärztlich abgeklärt werden.

Welcher Arzt verschreibt Cannabis bei Schlafstörungen?

In Deutschland darf medizinisches Cannabis nur aufRezept und über Apotheken bezogen werden.
Zwar sind es häufig Fachärzt:innen für Schmerzmedizin, Neurologie, Psychiatrie oder Schlafmedizin, die Cannabis verschreiben, doch grundsätzlich dürfen alle Ärzt:innen – mit Ausnahme von Zahn- und Tierärzt:innen – ein entsprechendes Rezept ausstellen.

Bevor eine Cannabis-Therapie begonnen wird, prüfen die Ärzt:innen sorgfältig, ob andere Behandlungsmethoden nicht ausreichend gewirkt oder zu starke Nebenwirkungen verursacht haben. Erst dann kann Cannabis als therapeutische Option in Betracht gezogen werden.

Doch wie gut wirkt Cannabis tatsächlich – und für wen? Studien der letzten Jahre geben erste Antworten.

Studien zur Wirksamkeit einer Cannabinoid-Therapie bei Schlafproblemen

Cannabis wird zunehmend als mögliche Hilfe bei Schlafproblemen untersucht – vor allem bei Menschen mit chronischen Schmerzen, posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) oder Multipler Sklerose. Studien zeigen, dass medizinisches Cannabis in solchen Fällen helfen kann, schneller einzuschlafen, seltener in der Nacht aufzuwachen und insgesamt erholsamer zu schlafen.[1]

Neben THC rückt auch CBD allein zunehmend in den Blick der Forschenden. Der Wirkstoff hat eine beruhigende Wirkung und wird häufig bei Angststörungen eingesetzt. In einer Fallstudie berichteten rund 80 % der Teilnehmenden innerhalb eines Monats von weniger Angst, bei rund zwei Dritteln besserte sich auch der Schlaf – wenn auch nicht dauerhaft.[2]

Cannabis zum Einschlafen: Vor allem THC könnte helfen

Die bislang deutlichsten Effekte auf den Schlaf wurden jedoch mit THC-haltigen Präparaten beobachtet. In einer kleinen australischen Studie schliefen Menschen mit ausgeprägten Schlafproblemen nach zwei Wochen mit einem THC-/CBD-Öl im Schnitt 30 Minuten länger pro Nacht, der nächtliche Melatoninspiegel stieg um 30 % und 60 % der Teilnehmenden berichteten über eine deutliche Besserung ihrer Beschwerden. Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder Schwindel waren meist mild.[3]

Weitere Untersuchungen stützen diesen Befund: CBD scheint vor allem Angst zu lindern, während der eigentliche schlaffördernde Effekt in erster Linie von THC ausgeht. Daten aus fast 20.000 dokumentierten Konsumsituationen zeigen, dass THC-reiche Blüten im Alltag am häufigsten mit einer Besserung der Schlafprobleme verbunden sind, allerdings auch öfter Nebenwirkungen auslösen.[4]

Und was ist mit der Schlafqualität?

Auch zur Qualität des Schlafs gibt es Daten. Eine Auswertung von sechs Studien mit über 1.000 Teilnehmenden zeigte, dass Cannabisprodukte die selbstberichtete Schlafqualität stärker verbesserten als ein Placebo, vor allem bei Menschen mit ausgeprägten Schlafproblemen. Entscheidend war dabei in der Regel der THC-Anteil.[5]

In einer Studie von 2023 berichteten die Teilnehmenden, dass sich ihre Schlafqualität um bis zu 80 % verbesserte und sie sich am nächsten Tag leistungsfähiger fühlten.[3]

Wie viel und welches Cannabis sollte ich einnehmen, um gut schlafen zu können?

Bisher gibt es keine einheitliche Dosierungsempfehlung für Cannabis gegen Schlafprobleme. In klinischen Studien wurde meist mit sehr niedrigen Mengen begonnen und die Dosis langsam gesteigert, bis sich eine Wirkung zeigte oder Nebenwirkungen auftraten.[3]

Die Forschung deutet – wie oben bereits erwähnt – darauf hin, dass vor allem THC-haltige Präparate schlaffördernd wirken. Beobachtungsdaten aus der Praxis zeigen zudem, dass Produkte auf Basis von Indica-dominanten Sorten häufiger mit einer Besserung der Schlafprobleme verbunden sind als Sativa-Sorten.[4]

Wichtig: Eine Cannabis-Therapie sollte nie auf eigene Faust begonnen werden. Die richtige Sorte und Dosis sollte immer von einem Arzt oder einer Ärztin festgelegt werden. Fachleute empfehlen den Grundsatz „Start low, go slow“. Also mit niedrigen Mengen beginnen und diese langsam steigern, um Wirkung und Verträglichkeit zu beobachten.

Fazit: Cannabis kann dabei helfen, erholsamen Schlaf zu finden

Cannabis kann bei manchen Menschen mit hartnäckigen Schlafproblemen helfen – vor allem dann, wenn andere Therapien nicht ausreichend wirken. Die bisherigen Studien zeigen: THC-haltige Präparate können das Einschlafen erleichtern und die Schlafqualität verbessern, während CBD eher beruhigt und Ängste lindert. Gleichzeitig gibt es Einschränkungen: Nicht alle profitieren, und bei höheren Dosen können Nebenwirkungen wie Schwindel oder Unruhe auftreten.

Klar ist auch: Eine Cannabis-Therapie ist keine Selbstmedikation. Sie gehört in die Hände erfahrener Ärzt:innen, die Dosierung und Präparat individuell anpassen und mögliche Risiken im Blick behalten.

Noch fehlen große, langfristige Studien, um genau zu klären, für wen Cannabis wirklich geeignet ist und welche Wirkstoffkombinationen sich am besten bewähren. Bis dahin bleibt Cannabis eine ergänzende Option – kein Allheilmittel, aber für einige Betroffene ein Baustein auf dem Weg zu erholsamem Schlaf.


FAQ

Cannabis kann für manche Menschen mit hartnäckigen Schlafproblemen eine therapeutische Option sein – vor allem, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend helfen. Studien zeigen, dass insbesondere THC-haltige Präparate das Einschlafen erleichtern und die Schlafqualität verbessern können. Cannabis ist allerdings kein klassisches Schlafmittel und sollte nicht zur Selbstmedikation eingesetzt werden. Ob es geeignet ist, sollte immer dein Arzt oder deine Ärztin entscheiden.
CBD wirkt nicht direkt schlaffördernd, sondern vor allem beruhigend und angstlösend. Das kann manchen Menschen helfen, leichter einzuschlafen – vor allem, wenn Stress oder innere Unruhe den Schlaf stören.
Melatonin könnte vor allem helfen, wenn der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus gestört ist – etwa bei Jetlag oder Schichtarbeit. CBD dagegen kann eher beruhigend und angstlösend wirken. Es könnte helfen, wenn Stress oder innere Unruhe den Schlaf behindern. Beide sind keine klassischen Schlafmittel und wirken unterschiedlich. Bei anhaltenden Problemen sollte ärztlich geklärt werden, was am besten geeignet ist.
Hanftee wird aus den getrockneten Blättern und Blüten der Hanfpflanze hergestellt. Im Gegensatz zu medizinischem Cannabis enthält er in der Regel kaum THC und wirkt daher nicht berauschend. Stattdessen liefert er vor allem CBD und andere pflanzliche Inhaltsstoffe, die eine milde beruhigende Wirkung haben können. Viele Menschen trinken Hanftee abends als entspannendes Ritual, was beim Einschlafen helfen kann. Wissenschaftliche Belege für eine direkte schlaffördernde Wirkung gibt es jedoch nicht. Wer unter ausgeprägten Schlafproblemen leidet, sollte sich ärztlich beraten lassen.

Quellen

[1] Kuhathasan, N., Dufort, A., MacKillop, J., Gottschalk, R., Minuzzi, L., & Frey, B. N. (2019). The use of cannabinoids for sleep: A critical review on clinical trials. Experimental and Clinical Psychopharmacology, 27(4), 383–401.

[2] Shannon, S., Lewis, N., Lee, H., & Hughes, S. (2019). Cannabidiol in anxiety and sleep: A large case series. The Permanente Journal, 23, 18-041.

[3] Ried, K., Tamanna, T., Matthews, S., & Sali, A. (2022). Medicinal cannabis improves sleep in adults with insomnia: A randomised double-blind placebo-controlled crossover study. Journal of Clinical Sleep Medicine. Advance online publication.

[4] Stith, S. S., Vigil, J. M., Brockelman, F., Keeling, K., Hall, B., & Lucero, R. J. (2019). The association between cannabis product characteristics and symptom relief.Scientific Reports, 9, 2712.

[5] Santos da Silva, G. H., Barbosa, E. C., Ribeiro de Lima, F., Barroso, D. C., Paez, L. E. F. E., Guimarães, F. B. de M., Lança, S. B., Ceolin de Faria, S. B., Petrucci, A. B. C., Garbacka, A., & Walsh, J. H. (2025). Effectiveness of cannabinoids on subjective sleep quality in people with and without insomnia or poor sleep: A systematic review and meta-analysis of randomised studies. Sleep Medicine Reviews, 84, 102156.

[6] Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). (o. J.). RKI Bericht: Schlafstörungen. https://www.dgsm.de/gesellschaft/fuer-schlafmediziner/rki-bericht-schlafstoerungen (abgerufen am 01.10.2025)

Cannabis gegen Übelkeit und Erbrechen

Übelkeit und Erbrechen gehören zu den belastendsten Begleitern vieler Erkrankungen. Dort, wo herkömmliche Therapien oft nicht ausreichen, wird Cannabis zunehmend als zusätzliche Option erforscht.


Key Facts


Wenn Übelkeit einen zermürbt

Übelkeit – manchmal überfällt sie einen so plötzlich und gnadenlos wie ein stechender Schmerz oder ein Fieberanfall. Doch meist ist sie ein zähes, schmerzhaftes Gefühl, das sich über Stunden, Tage oder gar Jahre hinweg zieht und die Betroffenen unaufhörlich zermürbt.

Für viele Krebspatient:innen, die sich im Rahmen ihrer Erkrankung einer Chemotherapie unterziehen, ist nicht das Erbrechen das größte Leid, sondern die Übelkeit, die Tage anhält, den Appetit zerstört und selbst die kleinsten Dinge unerträglich macht. Moderne Medikamente haben das akute Erbrechen zwar weitgehend in den Griff bekommen – die Übelkeit selbst bleibt aber bei vielen bestehen. Genau hier könnte Cannabis helfen.

CBD und THC gegen Übelkeit und die Rolle des Endocannabinoid-Systems

Das Endocannabinoid-System ist ein körpereigenes Netzwerk von Botenstoffen und Rezeptoren, das Appetit, Schmerz, Entzündungen – und auch die Regulation von Übelkeit und Erbrechen beeinflusst. Cannabinoide wie THC und CBD docken an diesem System an.

Eine Studie aus 2011 zeigt, dass THC über CB1-Rezeptoren im Hirnstamm Erbrechen hemmen kann. Umgekehrt können Substanzen, die CB1-Rezeptoren blockieren, Übelkeit und Erbrechen fördern.[1] Besonders bemerkenswert: Cannabinoide können nicht nur gegen akutes Erbrechen wirken, sondern auch gegen verzögerte und antizipatorische Übelkeit, also das quälende Gefühl, das zum Beispiel Tage nach der Chemotherapie auftritt oder schon durch Gerüche ausgelöst wird.[1]

CBD hingegen wirkt über einen anderen Mechanismus. Es kann indirekt Serotonin-1A-Rezeptoren aktivieren, was die Freisetzung von Serotonin im Gehirn reduziert – einem Botenstoff, der wesentlich zur Entstehung von Übelkeit beiträgt.[1]

Infografik Cannabis gegen Übelkeit: Darstellung, wie THC über CB1-Rezeptoren Erbrechen hemmen kann und CBD über Serotonin-1A-Rezeptoren die Serotonin-Freisetzung reduziert und dadurch Übelkeit lindern kann.

Was Tierversuche über Übelkeit verraten

Tiermodelle haben den Weg bereitet. Bei Frettchen, Katzen oder Wieseln unterdrücken Cannabinoide Erbrechen zuverlässig.[1] Ratten können physiologisch nicht erbrechen, zeigen aber ein charakteristisches Würgereflex-Verhalten („gaping“), wenn ihnen übel ist. Auch dieses kann durch THC und CBD reduziert werden.[1]

Das bedeutet: Cannabinoide können nicht nur auf das sichtbare Symptom des Erbrechens wirken, sondern auch auf die schwerer greifbare, oft belastende Übelkeit selbst.

Was frühe Studien mit Patienten ergaben

Die klinische Forschung zur Anwendung von Cannabis gegen Chemotherapie-induzierte Übelkeit reicht bis in die 1970er-Jahre zurück. Präparate wie Dronabinol (synthetisches THC) und Nabilon wurden eingeführt, lange bevor modernere Medikamente auf den Markt kamen. Studien zeigen, dass diese Cannabinoide mindestens so wirksam waren wie damalige Standardtherapien, allerdings oft mit Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel oder psychischen Belastungen.[1]

Eine Übersichtsarbeit von 2020 bestätigt, dass Cannabinoide eine Rolle in der Behandlung spielen können – insbesondere dann, wenn andere Medikamente keine oder kaum Wirkung zeigen. Sie betont aber auch die Grenzen der Datenlage: Viele Studien sind klein, uneinheitlich und methodisch schwach.[2] Unklar bleibt bis heute, welche Darreichungsform – Kapseln, Tropfen, Inhalation – am besten wirkt.

Cannabinoide gegen Übelkeit: Neue Ergebnisse aus 2024

Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2024 liefert neue klinische Daten. Darin erhielten 147 Krebspatient:innen, die trotz optimaler Standardtherapie weiterhin unter Übelkeit und Erbrechen litten, entweder ein Cannabisextrakt (2,5 mg THC + 2,5 mg CBD, dreimal täglich) oder ein Placebo.

Das Ergebnis: Die Rate einer „kompletten Response“ (kein Erbrechen, keine Notfallmedikamente nötig) stieg von 8 % (Placebo) auf 24 % (THC:CBD) – ein Unterschied von 16 Prozentpunkten.[3] Auch andere Messungen – weniger Erbrechen, geringerer Bedarf an Zusatzmedikamenten, bessere Werte in Lebensqualitätsfragebögen – fielen zugunsten des Cannabisextrakts aus.[3]

Die Negativseite: Sedierung (18 %), Schwindel (10 %) und kurzfristige Angstzustände (4 %) traten häufiger auf als unter Placebo. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden jedoch nicht beobachtet.[3]

Infografik Cannabis gegen Übelkeit: Vorteile sind mögliche Wirksamkeit, wenn andere Medikamente versagen, und eine alternative Behandlung. Nachteile sind begrenzte Daten, kleine Studien und unklare Darreichungsformen.

Risiken: Nebenwirkungen und Cannabis-Hyperemesis-Syndrom

Cannabis ist kein nebenwirkungsfreies Mittel. Eine besondere Gefahr ist das Cannabis-Hyperemesis-Syndrom (CHS), ein paradoxes Phänomen, bei dem langjähriger, hochdosierter Konsum selbst zu schweren, anhaltenden Brechattacken führt.[2] Typisch ist ein zwanghaftes heißes Duschen, das die Beschwerden lindern soll.

Auch psychische Nebenwirkungen sind möglich – von Schwindel und Benommenheit bis hin zu Angstzuständen. Besonders kritisch ist der Einsatz in der Schwangerschaft, da Hinweise auf Risiken für das ungeborene Kind bestehen.[2]

Chancen und Grenzen im Überblick

Cannabis ist weder Wundermittel noch Randnotiz. Es ist ein hochwirksamer Eingriff in die Biochemie des Körpers, der dort helfen kann, wo die moderne Pharmakologie bislang scheitert: bei Übelkeit und Brechreiz, die durch andere Medikamente nicht in den Griff zu bekommen sind. Zugleich bringt es eigene Risiken und Unsicherheiten mit sich.

Für die Praxis bedeutet das: Cannabisextrakte wie die Kombination aus THC und CBD können als Ergänzung in Erwägung gezogen werden – vor allem bei Patient:innen, die trotz der Behandlung mit Medikamenten weiter leiden.[3]

Die Forschung steht an einem Scheideweg: Entweder Cannabis etabliert sich als festes Instrument im onkologischen Werkzeugkasten – oder es bleibt eine Nischenoption für Ausnahmesituationen. Entscheidend wird sein, ob weitere Studien den Nutzen bestätigen, die optimale Dosierung klären und die Risiken verlässlich eingrenzen können.


FAQ

Dazu gibt es bislang keine Belege aus Studien. Die Forschung zu Cannabis gegen Übelkeit konzentriert sich fast ausschließlich auf Chemotherapie-bedingte Beschwerden. Zwar kann Cannabis grundsätzlich auf das Brechzentrum im Gehirn wirken und könnte theoretisch auch bei Übelkeit durch Infekte lindern – doch untersucht wurde das bisher nicht. Wichtig zu wissen: Cannabis bekämpft die Ursache eines Magen-Darm-Infekts nicht, sondern könnte allenfalls die Symptome abschwächen.
Dazu gibt es keine allgemeingültige Dosierung. In Studien zu Chemotherapie-bedingter Übelkeit kamen meist sehr niedrige Dosen zum Einsatz. Die aktuellste Untersuchung (2024) nutzte Kapseln mit 2,5 mg THC + 2,5 mg CBD, dreimal täglich – also insgesamt 7,5 mg THC pro Tag. Ältere Studien testeten auch höhere Mengen (5–15 mg THC pro Tag), die zwar wirksam waren, aber deutlich mehr Nebenwirkungen verursachten. Grundsätzlich gilt: Schon geringe Mengen könnten helfen, aber die Verträglichkeit ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Wichtig: Die richtige Dosierung sollte immer individuell festgelegt werden – bitte sprich darüber unbedingt mit deinem behandelnden Arzt oder deiner behandelnden Ärztin.
Das körpereigene Endocannabinoid-System beeinflusst auch den Darm: Wird es aktiviert, kann sich die Darmbewegung verlangsamen – theoretisch könnte das Durchfall lindern. Erste Hinweise gibt es bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, wo Cannabis in Studien Symptome wie Bauchschmerzen und Stuhlfrequenz verbessern konnte.[2] Für akute Durchfälle, etwa bei einem Magen-Darm-Infekt, gibt es jedoch keine wissenschaftlichen Belege. Cannabis bekämpft die Ursache (z. B. Viren oder Bakterien) nicht, sondern könnte höchstens Symptome beeinflussen.
Cannabis kann in niedrigen Dosen Übelkeit lindern – in höheren Mengen aber das Gegenteil bewirken. Gründe dafür sind eine Überstimulation der CB1-Rezeptoren, individuelle Empfindlichkeit oder die Art des Konsums, etwa sehr starke Sorten oder schnelles Rauchen. Auch Faktoren wie leerer Magen, Mischkonsum mit Alkohol oder Stress können Übelkeit verstärken. Bei sehr regelmäßigem Konsum kann zudem das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom (CHS) entstehen, das mit wiederkehrender starker Übelkeit und Erbrechen verbunden ist.[1,2] Kurz gesagt: Ob Cannabis Übelkeit lindert oder auslöst, hängt von Dosis, Häufigkeit und individueller Reaktion ab.
Solche Symptome treten häufig auf, wenn die Dosis zu hoch war oder Cannabis mit Alkohol oder Nikotin kombiniert wurde. In den meisten Fällen hilft es, den Konsum sofort zu beenden, viel Wasser zu trinken, Ruhe zu suchen und sich auszuruhen. Wichtig: Wenn die Beschwerden stark sind, sich wiederholen oder mit dauerhaftem Erbrechen verbunden sind, solltest du unbedingt ärztliche Hilfe suchen.
Bei gelegentlichem oder ärztlich kontrolliertem Gebrauch sind Magenprobleme selten. Bei täglichem, langjährigem Konsum kann Cannabis jedoch selbst Beschwerden auslösen. Besonders bekannt ist das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom (CHS): wiederkehrende starke Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Zudem kann Cannabis die Magenentleerung verlangsamen, was Völlegefühl oder Appetitlosigkeit begünstigt.[1,2] Kurz gesagt: Ja, regelmäßiger Konsum kann Magenprobleme hervorrufen – vor allem bei hohem und langfristigem Gebrauch.

Quellen

[1] Parker, L. A., Rock, E. M., & Limebeer, C. L. (2011). Regulation of nausea and vomiting by cannabinoids. British Journal of Pharmacology, 163(7), 1411–1422.

[2] Maselli, D. B., & Camilleri, M. (2021). Pharmacology, clinical effects, and therapeutic potential of cannabinoids for gastrointestinal and liver diseases. Clinical Gastroenterology and Hepatology, 19(9), 1748–1758.e2.

[3] Grimison, P., Mersiades, A., Kirby, A., Tognela, A., Olver, I., Morton, R. L., Haber, P., Walsh, A., Lee, Y., Abdi, E., Della-Fiorentina, S., Aghmesheh, M., Fox, P., Briscoe, K., Sanmugarajah, J., Marx, G., Kichenadasse, G., Wheeler, H., Chan, M., … Stockler, M. R. (2024). Oral cannabis extract for secondary prevention of chemotherapy-induced nausea and vomiting: Final results of a randomized, placebo-controlled, phase II/III trial. Journal of Clinical Oncology, 42(34), 4040–4050.

Cannabis bei Erkältung und Grippe – gute oder schlechte Idee?

Wenn der Hals kratzt, der Kopf schwer wird und der Körper nach Ruhe verlangt, greifen viele zu altbewährten Mitteln: heiße Zitrone, Schlaf, leichte Schmerzmittel. Doch zunehmend findet sich in dieser Liste auch ein anderer, weniger klassischer Begleiter: Cannabis. In Erfahrungsberichten, Foren und sozialen Netzwerken kursiert die Vorstellung, dass Cannabis nicht nur beruhigt, sondern bei Husten, Gliederschmerzen oder Schlafproblemen unterstützend wirken könnte. Cannabis bei Erkältung – das klingt für manche nach einem sanften Helfer, für andere nach einem riskanten Irrweg. Besonders, wenn Herbst, Winter und die nächste Erkältungswelle vor der Tür stehen, stellt sich die Frage umso dringlicher: Was sagt die Wissenschaft dazu?



Cannabis bei Erkältung und grippalen Infekten: Chance oder Risiko?

Zunächst zur nüchternen Ausgangslage: Erkältungen – medizinisch korrekt als akute virale Infekte der oberen Atemwege bezeichnet – werden meist durch Rhinoviren ausgelöst, seltener durch Coronaviren, Adenoviren oder Influenza.

Cannabis wiederum ist voll von Cannabinoiden – über 100 sind bekannt. Die bekanntesten: THC (Tetrahydrocannabinol), das berauscht, und CBD (Cannabidiol), das beruhigt. Beide Substanzen beeinflussen das menschliche Endocannabinoid-System – ein Netzwerk, das unter anderem an Immunmodulation, Schlaf, Appetit, Schmerzempfinden und Entzündungsreaktionen beteiligt ist. Könnte also die Aktivierung dieses Systems dabei helfen, eine Erkältung besser zu überstehen? Oder macht das Rauchen von Cannabis die Erkältung nur noch schlimmer?

Ist das Rauchen von Cannabis bei Erkältungen eine schlechte Idee?

Dass das Inhalieren von Cannabisrauch die Atemwege reizen kann, ist wissenschaftlich gut belegt – ähnlich wie beim Tabak. Hustenreiz, Schleimbildung und ein pfeifendes Atemgeräusch zählen zu den typischen Begleiterscheinungen.[1] Besonders ungünstig wirkt sich dies aus, wenn die Atemwege bereits durch eine Erkältung in Mitleidenschaft gezogen sind – etwa bei verstopfter Nase, Bronchialhusten oder Halsschmerzen. Wer in dieser Phase Cannabis raucht, läuft Gefahr, die Beschwerden zusätzlich zu verschärfen.

Cannabispatient trifft auf Erkältung – was nun?

Zwar gelten Vaporizer als schonendere Alternative, da sie im Vergleich zum Verbrennen deutlich weniger Schadstoffe freisetzen.[2] Doch auch das Verdampfen ist nicht völlig reizfrei. Studien zeigen, dass die Bronchien auch auf diesen Inhalationsweg empfindlich reagieren können. Für Menschen, die Cannabis auf Rezept nutzen, kann es deshalb sinnvoll sein, während einer akuten Erkältung auf orale Darreichungsformen wie Cannabisextrakte oder essbare Produkte umzusteigen – um den ohnehin beanspruchten Atemwegen eine Pause zu gönnen.

WICHTIG: Sprich mit deinem versorgenden Arzt oder der Ärztin über das Thema und lass dir deine Therapie entsprechend anpassen bzw. dich fachgerecht Beraten!

Cannabis bei Erkältung – was es leisten kann und was nicht

Cannabis wird in der Forschung häufig mit Eigenschaften in Verbindung gebracht, die bei einer Erkältung zumindest theoretisch hilfreich sein könnten: Schmerzlinderung, Entzündungshemmung, muskuläre Entspannung. So gibt es Hinweise – etwa aus einer Studie von 2019 –, dass bestimmte Cannabinoide das Schmerzempfinden beeinflussen und möglicherweise lindern können.[3] Ob diese Effekte allerdings auch bei banalen Infekten zum Tragen kommen – etwa bei drückenden Kopfschmerzen oder schmerzhaften Gliedern – ist bisher nicht belegt. Die klinische Forschung hält sich hier bedeckt: Studien, die den gezielten Einsatz von Cannabis bei Erkältungssymptomen untersuchen, fehlen bislang vollständig.

Zugleich gibt es Hinweise darauf, dass THC – der psychoaktive Hauptwirkstoff der Pflanze – kurzfristig bronchienerweiternd wirken kann. In der Praxis könnte das bedeuten: freieres Durchatmen, zumindest für den Moment. Eine Untersuchung legt nahe, dass gelegentlicher Cannabiskonsum mit einer leicht verbesserten Lungenfunktion einhergehen könnte.[1] Doch auch hier gilt: Das Phänomen ist bekannt, aber wissenschaftlich noch nicht ausreichend verstanden – und ob dieser Effekt bei einer viralen Atemwegsinfektion überhaupt wünschenswert oder hilfreich ist, bleibt fraglich.

Infografik zu den positiven und potenziell negativen Einflüssen von Cannabis auf das Immunsystem.
Stressreduktion: Cannabis kann Stress reduzieren und dadurch das Immunsystem stärken.
Entzündungshemmende Eigenschaften: Cannabis wirkt entzündungshemmend.
Mögliche Immunsuppression: Cannabis kann aber auch die Immunreaktionen dämpfen und das Immunsystem unterdrücken.

So beeinflusst Cannabis das Immunsystem

Kaum ein Körpersystem reagiert so sensibel auf innere und äußere Reize wie das Immunsystem. Es bekämpft Viren, erkennt Eindringlinge, reguliert Entzündungen – ein fein abgestimmtes Orchester aus Zellen, Botenstoffen und Rückkopplungsschleifen. Und doch ist es längst nicht unangreifbar. Die Frage, ob Cannabis dieses System stört, stärkt oder schlicht verändert, wird in der Forschung seit Jahren diskutiert.

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Cannabinoide – allen voran THC und CBD – Entzündungsprozesse modulieren können.[4] Eine Publikation aus dem Jahr 2009 beschreibt, dass Cannabinoide das Immunsystem in seiner Reaktionsweise modulieren – also nicht nur dämpfen, sondern auch feinjustieren könnten.[5] Was in Fällen überaktiver Immunreaktionen hilfreich sein mag, kann bei akuten Infektionen aber auch zur falschen Zeit am falschen Ort wirken. Denn: Eine gewisse Entzündungsbereitschaft ist kein Fehler, sondern Teil des natürlichen Heilungsmechanismus. Wer leicht fiebert, bekämpft Erreger effizienter. Wird dieser Prozess gebremst, etwa durch dämpfende Impulse von außen, könnte die Regeneration ins Stocken geraten – zumindest in der Theorie.

Auf der anderen Seite steht ein Effekt, den man nicht übersehen sollte: Cannabis kann beruhigen – und zwar nicht nur Muskeln, sondern auch das Nervensystem. Wer gestresst ist, schläft schlechter, regeneriert langsamer, ist anfälliger für Infekte. Wenn Cannabinoide dabei helfen, innere Unruhe zu lösen, Schlaf zu fördern oder Angst zu mindern, könnte sich das positiv auf die Immunbalance auswirken. In diesem Sinne wäre Cannabis nicht Störfaktor, sondern Unterstützer – zumindest indirekt.[6,7]

Was bleibt, ist ein Spannungsfeld: zwischen immunologischer Vorsicht und psychosomatischem Potenzial. Die Forschung tastet sich vor, aber klare Antworten sind noch nicht in Sicht.

Wenn Cannabisrauch auf Grippeviren trifft

Was geschieht im Körper, wenn eine Virusinfektion auf Cannabisrauch trifft? Eine experimentelle Studie aus den USA hat genau das untersucht – allerdings nicht am Menschen, sondern an Mäusen. Die Versuchstiere wurden über mehrere Tage Cannabisrauch ausgesetzt und anschließend mit dem Influenzavirus A infiziert – einem Erreger, der auch beim Menschen für klassische Grippesymptome verantwortlich ist.

Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Mäuse, die regelmäßig Cannabisrauch inhaliert hatten, zeigten eine deutlich geschwächte Immunantwort. Die Viruslast in der Lunge war höher, essenzielle Immunzellen wie Makrophagen und dendritische Zellen waren seltener zu finden. Auch zentrale Botenstoffe wie Interferon-γ, die normalerweise das Immunsystem zur Abwehr mobilisieren, wurden nur noch reduziert ausgeschüttet. Besonders auffällig: Die adaptive Immunantwort – also die längerfristige Bildung spezifischer Antikörper – war bei den Cannabis-exponierten Tieren ebenfalls abgeschwächt. Vor allem weibliche Mäuse reagierten empfindlicher, möglicherweise infolge hormoneller Unterschiede oder variierender Wirkstoffverarbeitung.

Die Forschenden schlussfolgern, dass Cannabisrauch das Immunsystem in der Frühphase einer Virusinfektion signifikant beeinträchtigen kann. Viren haben dadurch mehr Zeit, sich auszubreiten – was Krankheitsverläufe erschweren könnte. Zwar handelt es sich um ein Tiermodell, doch die Übertragbarkeit auf den Menschen ist zumindest denkbar – zumal die verwendeten THC-Gehalte realitätsnah gewählt wurden.

Ob sich dieser Effekt auch bei modernerem, hochpotentem Cannabis oder alternativen Konsumformen zeigt, bleibt offen. Fest steht: Gerade im Kontext von Grippe, Corona oder anderen Atemwegserkrankungen ist Vorsicht geboten. Wer regelmäßig Cannabis raucht, könnte – ähnlich wie bei Tabak – unbewusst das eigene Immunsystem schwächen.[9]

Wechselwirkungen zwischen Cannabis und Erkältungsmedizin

Wer hustet, niest und friert, greift oft instinktiv zur Hausapotheke: Schmerzmittel, Schleimlöser, abschwellende Nasensprays. Die Rezepturen versprechen Linderung, die Packungsbeilage warnt vor Nebenwirkungen – und meist bleibt es dabei. Doch was geschieht, wenn zu diesen gängigen Präparaten noch etwas anderes hinzukommt? Etwas, das kaum je auf dem Beipackzettel erwähnt wird: Cannabis.

Tatsächlich geraten Wechselwirkungen mit Cannabis bei der Einnahme rezeptfreier Medikamente häufig aus dem Blick – auch weil sie wissenschaftlich noch wenig erforscht sind. Studien deuten allerdings darauf hin, dass vor allem THC – der psychoaktive Bestandteil der Pflanze – die Wirkung von einigen Medikamenten verstärken oder abmildern kann.

Besonders dann, wenn Cannabis regelmäßig konsumiert wird, ist Vorsicht geboten. Denn auch scheinbar harmlose Erkältungsmittel könnten in Verbindung mit Cannabis unberechenbar wirken. Wer also beides kombiniert, sollte mit seinem Arzt oder seiner Ärztin darüber sprechen. Nicht aus Panikmache, sondern aus kluger Umsicht.

Und was ist mit Cannabis-Tee?

Ob Cannabis-Tee bei einer Erkältung tatsächlich hilft, ist bislang nicht wissenschaftlich belegt. Es gibt keine Studien, die die Wirkung gezielt in diesem Kontext untersuchen – weder zur Linderung von Symptomen noch zum Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung. Dennoch greifen manche Menschen zu dieser Zubereitungsform, sei es aus Gewohnheit, zur Entspannung oder als Alternative zum Rauchen, das die Atemwege zusätzlich reizen könnte.

In Dänemark etwa wird medizinischer Cannabis-Tee offiziell als eine mögliche Einnahmeform empfohlen – allerdings nicht bei Erkältungen, sondern etwa bei chronischen Schmerzen, Spastik oder Übelkeit im Rahmen einer Chemotherapie. Für Menschen, die inhalative Formen meiden möchten oder eine milde, länger anhaltende Wirkung bevorzugen, kann Tee subjektiv als angenehmer empfunden werden. Ob sich diese Erfahrung auf erkältungsbedingte Beschwerden übertragen lässt, ist bislang unklar.

Eine aktuelle Studie zeigt zudem: Die im Tee enthaltene Menge an Cannabinoiden kann stark schwanken – je nach Zubereitung, Ausgangsmaterial und Ziehzeit. Auch fehlen Terpene vollständig, die für Geruch und potenzielle Wirkung eine Rolle spielen könnten. Wer eine exakt dosierte Wirkung erwartet, ist daher mit standardisierten Präparaten wie Extrakten oder Mundsprays medizinisch besser beraten.

Was sich sagen lässt: Da der Wirkstoff über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen wird, setzt die Wirkung verzögert ein – meist nach 30 bis 90 Minuten. Dafür kann der Effekt länger anhalten als bei inhalativen Formen. Ob dies bei einer Erkältung nützlich oder irrelevant ist, bleibt offen – belastbare Daten gibt es nicht.[8]

Unser Tipp: Mehr Infos bekommst du in unserem Artikel "Cannabistee zubereiten: So geht's richtig".

Cannabis bei Erkältung – mehr offene Fragen als klare Antworten

Ob Cannabis bei Erkältung oder Grippe ein sinnvoller Begleiter ist, lässt sich derzeit also nicht eindeutig beantworten. Zwar gibt es Hinweise auf potenziell hilfreiche Effekte – etwa Schmerzlinderung, Entspannung oder bessere Schlafqualität. Gleichzeitig birgt insbesondere das Rauchen Risiken für Atemwege und Immunsystem, die gerade bei Infekten nicht unterschätzt werden sollten.

Die wissenschaftliche Datenlage ist noch dünn: Studien zu Cannabis im direkten Zusammenhang mit Erkältungen fehlen fast vollständig, Tierexperimente deuten jedoch auf mögliche Nachteile hin. Wer Cannabis medizinisch nutzt, sollte während einer akuten Erkältung deshalb besonders achtsam sein, die Konsumform überdenken und im Zweifel ärztlichen Rat einholen. Bis weitere Studien vorliegen, bleibt Cannabis bei Erkältung ein Thema zwischen Hoffnung und Vorsicht.


FAQ

THC kann entspannend wirken, Schmerzen lindern und beim Einschlafen helfen – Effekte, die bei einer Erkältung subjektiv als angenehm empfunden werden können. Gleichzeitig kann das Rauchen von Cannabis die Atemwege reizen, Husten verstärken und die Schleimproduktion fördern. Wissenschaftlich belegt ist die Wirkung von Cannabis bei Erkältungen bislang nicht.
Vor allem das Rauchen oder Verdampfen von Cannabis kann die Atemwege reizen, die Schleimhäute austrocknen und den Husten sogar verstärken. Eine gezielte, hustenstillende Wirkung ist wissenschaftlich bislang nicht belegt. Wer Cannabis bei Husten in Betracht zieht, sollte auf rauchfreie Darreichungsformen wie Öle zurückgreifen und am besten den Arzt oder die Ärztin dazu ansprechen.
Cannabinoide wie THC und CBD besitzen potenziell schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften, die theoretisch auch bei Halsschmerzen hilfreich sein könnten. Gleichzeitig kann das Inhalieren – ob durch Rauchen oder Verdampfen – die empfindliche Rachenschleimhaut zusätzlich reizen, austrocknen und Beschwerden verstärken. Wer Cannabis bei Halsschmerzen anwenden möchte, sollte daher rauchfreie Formen wie Öle bevorzugen. Belastbare Studien zur Wirksamkeit in diesem Kontext gibt es aber bislang nicht.
Einige Studien deuten darauf hin, dass THC kurzfristig die Bronchien erweitern kann – ein Effekt, der das Abhusten erleichtern könnte. Gleichzeitig kann das Rauchen von Cannabis die Schleimhäute reizen und die Schleimproduktion steigern, was bei Erkältung eher nachteilig ist. Wer auf Cannabis zur Symptomlinderung setzt, sollte deshalb inhalationsfreie Darreichungsformen wie Extrakte, Kapseln oder Edibles in Erwägung ziehen. Eine klare schleimlösende Wirkung von Cannabis ist wissenschaftlich bislang nicht belegt.

Quellen

[1] Tetrault, J. M., Crothers, K., Moore, B. A., Mehra, R., Concato, J., & Fiellin, D. A. (2007). Effects of marijuana smoking on pulmonary function and respiratory complications: A systematic review. Archives of Internal Medicine, 167(3), 221–228.

[2] Aston, E. R., Scott, B., & Farris, S. G. (2019). A qualitative analysis of cannabis vaporization among medical users. Experimental and Clinical Psychopharmacology, 27(4), 301–308.

[3] Yanes, J. A., McKinnell, Z. E., Reid, M. A., Busler, J. N., Michel, J. S., Pangelinan, M. M., Sutherland, M. T., Younger, J. W., Gonzalez, R., & Robinson, J. L. (2019). Effects of cannabinoid administration for pain: A meta-analysis and meta-regression. Experimental and Clinical Psychopharmacology, 27(4), 370–382.

[4] Anil, S. M., Peeri, H., & Koltai, H. (2022). Medical Cannabis Activity Against Inflammation: Active Compounds and Modes of Action. Frontiers in Pharmacology, 13, 908198.

[5] Nagarkatti, P., Pandey, R., Rieder, S. A., Hegde, V. L., & Nagarkatti, M. (2009). Cannabinoids as novel anti-inflammatory drugs. Future Medicinal Chemistry, 1(7), 1333–1349.

[6] Hyman, S. M., & Sinha, R. (2009). Stress-related factors in cannabis use and misuse: Implications for prevention and treatment. Journal of Substance Abuse Treatment, 36(4), 400–413.

[7] Henson, J. D., Vitetta, L., Quezada, M., & Hall, S. (2021). Enhancing endocannabinoid control of stress with cannabidiol. Journal of Clinical Medicine, 10(24), 5852.

[8] Sønderskov, M. B., Hasselstrøm, J. B., Bahij, R., & Andersen, C. U. (2024). Medicinal cannabis tea contains variable doses of cannabinoids and no terpenes. Basic & Clinical Pharmacology & Toxicology, 135(3), 334–344.

[9] Milad, N., Fantauzzi, M. F., McGrath, J. J. C., Cass, S. P., Thayaparan, D., Wang, P., Afkhami, S., Aguiar, J. A., Ask, K., Doxey, A. C., Stampfli, M. R., & Hirota, J. A. (2023). Cannabis smoke suppresses antiviral immune responses to influenza A in mice. ERJ Open Research, 9(6), 00219-2023.

Cannabis gegen Schmerzen

Schmerz ist ein ständiger Begleiter für Millionen von Menschen in Deutschland: chronische Rückenschmerzen, Migräne, Nervenschmerzen oder rheumatische Erkrankungen. Für viele Patient:innen bedeutet das jahrelange Therapien, zahlreiche Medikamente – und oft dennoch nur unzureichende Linderung. Viele kennen Cannabis vor allem aus dem Freizeitkonsum und assoziieren es oft nur mit Cannabis als Rauschmittel. Doch Cannabis ist weitaus mehr als nur ein Genussmittel. Kein Wunder also, dass das Interesse an Cannabis als Schmerzmittel wächst. Doch was kann die Pflanze wirklich leisten und wo liegen die Grenzen?


Key Facts


Cannabis gegen Schmerzen verschreiben lassen: Kann ich in Deutschland Cannabis-Patient werden?

Gerade für Menschen mit chronischen Schmerzen kann Cannabis eine Option sein, wenn andere Therapien nicht ausreichend helfen. Seit 2017 dürfen Ärzt:innen in Deutschland medizinisches Cannabis verschreiben – allerdings nur, wenn herkömmliche Schmerzmittel oder Verfahren wie Physiotherapie, Operationen oder andere Medikamente nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben oder starke Nebenwirkungen verursachen.

Ob Cannabis zum Einsatz kommen kann, prüft immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Grundlage ist eine klare Diagnose und die Einschätzung, dass Cannabis eine sinnvolle Ergänzung oder Alternative sein könnte. Mit einem Cannabis-Rezept dürfen Patient:innen dann Cannabisblüten oder standardisierte Cannabis-Extrakte in der Apotheke beziehen – beides wird streng kontrolliert und geprüft.

Wer darf Cannabis verschreiben?

Im Prinzip können alle niedergelassenen Ärzt:innen Cannabis verordnen – auch Hausärzte. Ausgenommen sind nur Zahnärzte und Tierärzte. Besonders häufig stellen Fachärzt:innen für Schmerztherapie, Neurologie, Orthopädie, Rheumatologie oder Palliativmedizin Rezepte aus, da sie oft mit schwer behandelbaren chronischen Schmerzen konfrontiert sind.

Für Schmerzpatient:innen ist wichtig: Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur nach vorherigem Antrag. Dabei muss der Arzt oder die Ärztin begründen, warum andere Therapien nicht ausreichend wirken. Manche Anträge werden abgelehnt, sodass Betroffene die Behandlung im Zweifel selbst bezahlen müssen.

Immer mehr chronische Schmerzpatient:innen wenden sich an Telemedizin-Anbieter, weil hier die Beratung oft schneller und unkomplizierter abläuft. Nach einer Online-Konsultation kann ein Privat-Rezept ausgestellt und das Cannabis-Medikament direkt über eine Partner-Apotheke verschickt werden – ohne lange Wartezeiten auf Facharzttermine.

Bei diesen Schmerzen kann grundsätzlich Cannabis verschrieben werden

Cannabis kann in Deutschland vor allem dann verschrieben werden, wenn es sich um chronische Schmerzen handelt, die mit herkömmlichen Therapien nicht ausreichend gelindert werden können. Typische Einsatzgebiete sind:

Wichtig ist: Cannabis ist kein Schmerzmittel erster Wahl, sondern kommt ins Spiel, wenn andere Optionen nicht ausreichend wirksam oder nicht verträglich sind.

Infografik zur Wirkung von Cannabis gegen Schmerzen: THC kann Schmerzs-Signale im Nervensystem blockieren, CBD kann Entzündungen im Immunsystem modulieren, und CBG könnte Schmerzimpulse unabhängig vom Endocannabinoidsystem hemmen. Forschung zu CBG läuft.

Wie wirkt Cannabis bei Schmerzen?

Cannabis-Produkte können Schmerzen auf mehreren Wegen lindern. Zum einen wirken die Inhaltsstoffe THC und CBD im Endocannabinoidsystem – einem körpereigenen Netzwerk, das an der Schmerzregulation beteiligt ist. Sie können dort an spezielle Schaltstellen, die sogenannten CB1- und CB2-Rezeptoren, andocken: CB1 sitzt vor allem im Nervensystem und kann die Weiterleitung von Schmerzsignalen bremsen, CB2 findet sich verstärkt im Immunsystem und kann entzündliche Prozesse dämpfen. Beides zusammen kann dazu beitragen, Schmerzen zu verringern. [1]

Darüber hinaus weisen neuere Forschungen darauf hin, dass auch andere Cannabinoide wie CBG unabhängig vom Endocannabinoidsystem wirken können. Sie blockieren ein bestimmtes Protein in den Nervenzellen, das eine wichtige Rolle bei der Weiterleitung von Schmerzsignalen spielt. Wird dieser Mechanismus gehemmt, kann es dazu kommen, dass weniger Schmerzimpulse ins zentrale Nervensystem gelangen – was eine spürbare Linderung ermöglichen könnte. [2,3]

Cannabis-Therapie für Patienten mit chronischen Schmerzen – was sagt die Wissenschaft?

Die Forschung zu Cannabis bei chronischen Schmerzen ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Vor allem bei Nervenschmerzen, Multipler Sklerose oder Fibromyalgie gibt es Hinweise darauf, dass Patient:innen von Cannabis profitieren können. Studien zeigen: Cannabis kann Schmerzen lindern, die Häufigkeit von Symptomen verringern und in manchen Fällen auch den Schlafstörungen verbessern.[1]

Im Vergleich zu klassischen Schmerzmitteln, vor allem Opioiden, schneidet Cannabis überraschend gut ab. Erste Studien zeigen: In manchen Fällen wirkt es ähnlich stark, in anderen sogar besser. Ein Beispiel: 20 mg THC konnten in einer Untersuchung mehr Schmerzen lindern als eine mittlere Dosis Codein. Besonders wichtig ist aber der Unterschied bei den Risiken: Opioide können schnell abhängig machen und im schlimmsten Fall tödlich wirken, während Cannabis meist Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel oder Konzentrationsprobleme verursacht – unangenehm, aber in der Regel nicht lebensgefährlich.[1]

Unser Tipp: Mehr Infos dazu findest du in unserem Artikel "Medizinisches Cannabis – Nebenwirkungen und Wirkung".

Infografik Cannabis gegen Schmerzen: Vorteile sind reduzierter Opioidverbrauch, vielversprechender Therapiebaustein und Alternative bei Unwirksamkeit klassischer Ansätze. Nachteile sind wenig Forschung, kleine Studien und unterschiedliche Cannabis-Produkte.

Weniger Opioide durch medizinisches Cannabis

Ein weiterer spannender Aspekt: Viele Patient:innen berichten, dass sie durch Cannabis deutlich weniger Opioide benötigen. Manche konnten ihre Dosis halbieren, andere ganz absetzen. In großen Studien mit tausenden Teilnehmenden sank der Opioidverbrauch bei einem Teil der Betroffenen um bis zu 60 Prozent. Das ist vor allem in Ländern wie den USA bedeutsam, wo die Opioidkrise seit Jahren ein massives Gesundheitsproblem darstellt.[1]

Trotz dieser positiven Ergebnisse bleibt ein Haken: Die wissenschaftliche Datenlage ist noch nicht stabil genug, um Cannabis in allen Leitlinien als Standardtherapie zu empfehlen. Viele Studien sind klein, dauern nur wenige Wochen oder unterscheiden sich stark in den verwendeten Cannabisprodukten. Fachleute sind sich deshalb einig: Cannabis ist kein Allheilmittel, aber ein vielversprechender Baustein in der Schmerztherapie – vor allem dann, wenn andere Medikamente nicht wirken oder nicht vertragen werden.[1]

Neue Hoffnung aus der Forschung: Cannabinoide ohne Rauscheffekt

Eine aktuelle Studie der Yale University bringt frischen Schwung in die Schmerzforschung. Die Wissenschaftler:innen haben sich drei Substanzen aus der Cannabispflanze angesehen, die nicht berauschend wirken: Cannabidiol (CBD), Cannabigerol (CBG) und Cannabinol (CBN). Ihr Ziel: herauszufinden, ob diese Stoffe Nervenreizungen dämpfen können – also genau die Signale, die bei chronischen Schmerzen ständig ans Gehirn geschickt werden.[2,3]

Im Mittelpunkt stand dabei ein bestimmtes Protein in den Nervenzellen, das Nav1.8 heißt. Dieses Protein ist so etwas wie ein Schalter für Schmerzsignale: Es sorgt dafür, dass die Nervenzellen immer wieder feuern und den Schmerz weiterleiten. Die Yale-Studie konnte zeigen: Alle drei Cannabinoide blockieren Nav1.8 – und bremsen so die Übertragung von Schmerzen. Besonders wirksam war dabei CBG, das die Aktivität der Nervenzellen am stärksten senkte.[2,3]

Das Besondere daran: Diese Substanzen verändern nicht die Psyche, sie machen also nicht „high“. Gleichzeitig scheinen sie eine sichere Alternative zu herkömmlichen Schmerzmitteln zu sein, die oft starke Nebenwirkungen oder sogar Abhängigkeiten verursachen können.[2,3]

Noch sind die Ergebnisse vor allem aus Zell- und Tierversuchen bekannt, doch die Richtung ist vielversprechend. Die Forschenden hoffen, dass daraus neue Medikamente entstehen, die chronische Schmerzen lindern können – ohne die Risiken, die viele bisherige Therapien mit sich bringen.[2,3]

So stark ist Cannabis als Schmerzmittel

Cannabis kann Schmerzen lindern – doch wie stark die Wirkung ist, hängt stark von der jeweiligen Person und der Art der Schmerzen ab. Studien zeigen: Für viele Patient:innen liegt die Wirkung im mittleren Bereich. Das heißt: Cannabis wirkt oft spürbar, aber nicht so stark wie klassische Opioide. Dafür ist es oft besser verträglich. Besonders bei chronischen Schmerzen, die schwer zu behandeln sind – etwa Nervenschmerzen oder Fibromyalgie – berichten viele Betroffene von einer Entlastung.[1]

Cannabis als Baustein in der Schmerztherapie

Cannabis kann für viele Schmerzpatient:innen eine neue Perspektive eröffnen – gerade dann, wenn herkömmliche Therapien nicht ausreichen oder zu viele Nebenwirkungen haben. Die Forschung zeigt, dass die Pflanze Schmerzen lindern, Entzündungen dämpfen und den Bedarf an Opioiden senken kann. Besonders spannend ist, dass neue Cannabinoide wie CBG in Zukunft vielleicht ganz ohne Rauscheffekt wirksam sein könnten.

Trotzdem gilt: Cannabis ist kein Wundermittel und ersetzt keine fundierte Schmerztherapie. Ob eine Behandlung sinnvoll ist, hängt immer vom Einzelfall ab. Deshalb sollte eine Cannabis-Therapie niemals in Eigenregie begonnen werden. Gerade wer bereits Medikamente gegen Schmerzen oder andere Erkrankungen einnimmt, braucht ärztliche Begleitung, um Risiken und Wechselwirkungen zu vermeiden.


FAQ

Wie schnell Cannabis gegen Schmerzen wirkt, hängt von der Art der Einnahme ab. Beim Inhalieren – etwa mit einem Vaporizer – kann die Wirkung schon nach wenigen Minuten einsetzen. Allerdings lässt der Effekt auch schneller wieder nach. Wer Cannabis als Öl, Kapsel oder Essware einnimmt, muss sich etwas gedulden: Hier dauert es meist 30 bis 90 Minuten, bis eine Wirkung spürbar wird. Dafür hält die Schmerzlinderung in der Regel länger und gleichmäßiger an.[1]
Die Forschung zeigt, dass es nicht die eine „beste“ Cannabissorte gegen Schmerzen gibt – sondern verschiedene Wirkstoffe und Kombinationen helfen können. Laut einer Übersichtsarbeit von 2023 greifen viele Patient:innen mit chronischen Schmerzen zu Cannabis-Produkten mit einem ausgewogenen Verhältnis von THC und CBD oder zu CBD-reichen Präparaten. Nur wenige bevorzugen sehr THC-dominante Produkte, da diese häufiger Nebenwirkungen haben können.[1] Wichtig: Eine Cannabis-Therapie sollte niemals auf eigene Faust begonnen werden. Gerade Schmerzpatient:innen, die oft bereits andere Medikamente einnehmen, brauchen ärztliche Begleitung, um Wechselwirkungen und Nebenwirkungen zu vermeiden.

Quellen

[1] Hameed, M., Prasad, S., Jain, E., Dogrul, B. N., Al-Oleimat, A., Pokhrel, B., Chowdhury, S., Co, E. L., Mitra, S., Quinonez, J., Ruxmohan, S., & Stein, J. (2023). Medical cannabis for chronic nonmalignant pain management. Current Pain and Headache Reports, 27(4), 57–63.

[2] Bangalore, L. (2025, 21. Januar). Cannabinoids offer new hope for safe and effective pain relief. Yale News. Abgerufen am [aktuelles Datum], von https://news.yale.edu/2025/01/21/cannabinoids-offer-new-hope-safe-and-effective-pain-relief[3] Ghovanloo, M.-R., Tyagi, S., Zhao, P., & Waxman, S. G. (2025). Nav1.8, an analgesic target for nonpsychotomimetic phytocannabinoids. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 122(4), e2416886122.

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