Von der Pflanze ins Blut, von der Zahl zur Wirkung: Was sagen THC-Werte wirklich aus? Eine Orientierung durch ein kompliziertes Thema mit Tabellen, Tücken und Tiefgang. Denn so einfach die Zahlen auf Verpackungen, Rezepten oder Laborberichten wirken mögen – ihre Bedeutung ist alles andere als eindeutig. Was 15 % THC in der Theorie verspricht, kann in der Praxis völlig unterschiedlich wirken – je nach Konsumform, individueller Empfindlichkeit und Kombination mit anderen Cannabinoiden.
THC-Werte täuschen Genauigkeit vor – die Wirkung hängt von vielen Faktoren ab.
Je höher der THC-Gehalt, desto höher das Risiko – vor allem für junge Menschen.
Medizinisches Cannabis birgt laut Studien weniger Suchtpotenzial – dank klarer Dosierung und ärztlicher Begleitung.
THC ist lange nachweisbar, auch ohne Rauschwirkung.
THC-Gehalt in Cannabis-Blüten: Was die Zahlen für den Cannabis-Konsum bedeuten
Wer medizinisches Cannabis nutzt oder sich über bestimmte Sorten informieren möchte, stößt schnell auf Angaben wie „22 % THC“, „18/1“ oder „THC-Gehalt: 320 mg/g“. Diese Zahlen mögen auf den ersten Blick etwas technisch wirken – doch sie helfen, die Wirkung und Stärke einer Sorte besser einzuschätzen.
THC – kurz für Tetrahydrocannabinol – ist der bekannteste Wirkstoff in der Cannabispflanze. Er ist vor allem für die potenziell schmerzlindernde oder entspannende Wirkung verantwortlich. Der THC-Gehalt wird entweder in Prozent oder in Milligramm pro Gramm angegeben. Beispiel: 20 % THC bedeutet, dass in einem Gramm Blütenmaterial 200 Milligramm THC enthalten sind.
Bei medizinischem Cannabis begegnet man oft auch Kombinationen wie „18/1“. Diese Angabe steht für das Verhältnis der beiden Hauptwirkstoffe: 18 % THC und 1 % CBD. CBD – also Cannabidiol – hat keine berauschende, aber eine potenziell entzündungshemmende und angstlösende Wirkung. Solche Zahlen helfen also einzuschätzen, wie eine Sorte wirken könnte.
Was viele nicht wissen: In der Pflanze liegt das THC zunächst in einer Vorstufe, dem sogenannten THCA, das noch nicht wirksam ist. Erst durch Erhitzen, etwa beim Verdampfen oder Backen, wird es in aktives THC umgewandelt – ein Prozess, der Decarboxylierung genannt wird. Deshalb wirken "rohe" Cannabisblüten zum Beispiel nicht berauschend oder potenziell schmerzlindernd, solange sie nicht erhitzt wurden. In Laboranalysen wird deshalb oft das THC-Gesamtpotenzial angegeben – also der Wert, der nach dem Erhitzen tatsächlich im Körper wirkt.
All diese Angaben sind keine bloßen Zahlen – sie helfen, die passende Sorte und Dosierung für bestimmte Beschwerden zu finden. Die Wahl des richtigen Produkts ist eine medizinische Entscheidung, die Ärzt:innen meistens gemeinsam mit ihren Patient:innen treffen – gut informiert und individuell abgestimmt.
THC-Werte-Tabelle: Überblick über die Wirkstärke von Cannabis
Die folgenden Angaben zur Wirkstärke beruhen auf Erfahrungswerten von Cannabis-Konsumierenden und basieren nicht auf Forschungsergebnissen. Wie Cannabis wirkt hängt nicht nur vom THC-Wert ab, sondern auch von Anwendungsart, Toleranz, Körpergewicht, Konsumumfeld, Konsumverhalten und laut aktuellen Studien wahrscheinlich von der Wechselwirkungen mit anderen Cannabinoiden und Terpenen.[1]
THC-Gehalt
Wirkstärke (subjektiv)
Anmerkung
0–1 %
Nicht psychoaktiv
Meist Nutzhanf, CBD-lastig
1–5 %
Mild
Einstiegsfreundlich, kaum berauschend
5–10 %
Spürbar, aber sanft
Frühere Durchschnittswerte in Europa
10–20 %
Deutlich psychoaktiv
Heute gängiger Standard
20–30 %
Stark bis sehr stark
Hochpotente Sorten, v. a. aus Nordamerika
> 30 %
Extrem stark, Angabe selten realistisch
Teils Labormessung ohne Berücksichtigung von Feuchtigkeit
Konsum von Cannabis: Was THC-Werte nicht verraten
Ein Cannabisprodukt mit 25 % THC ist nicht automatisch doppelt so „stark“ wie eines mit 12 %. Denn Wirkung ist keine lineare Größe – und schon gar keine bloße Frage der Prozentzahl. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass sich die Wirkung in einem biochemischen Zusammenspiel verschiedener Cannabinoide (wie THC und CBD), Terpene und individueller körperlicher Voraussetzungen entfaltet. Dies wird als Entourage-Effekt bezeichnet.[1]
Höherer THC-Wert, höheres Risiko für Cannabisabhängigkeit?
Je stärker das Cannabis, desto höher das Risiko – diese Formel scheint sich zunehmend zu bewahrheiten. Besonders im Kontext der Cannabisabhängigkeit mehren sich Hinweise darauf, dass hohe THC-Konzentrationen die Wahrscheinlichkeit einer Suchtentwicklung deutlich erhöhen können. Eine systematische Übersichtsarbeit, veröffentlicht 2022 in The Lancet Psychiatry, hat gezeigt: Wer regelmäßig hochpotentes Cannabis konsumiert, hat ein höheres Risiko, eine sogenannte Cannabis Use Disorder zu entwickeln – eine Form der Abhängigkeit, die unter anderem mit Kontrollverlust, starkem Verlangen und psychischen Entzugserscheinungen einhergeht.[2]
Diese Abhängigkeit ist längst kein Randphänomen mehr. Nach Angaben der amerikanischen Suchtpsychiaterin Dr. Elizabeth Stuyt entwickeln rund neun Prozent aller Konsumierenden eine Abhängigkeit – bei Jugendlichen, die früh beginnen, sind es sogar bis zu 17 Prozent, bei täglichem Konsum bis zu 50 Prozent.[3]
Je höher der THC-Gehalt, desto geringer ist meist der Anteil an CBD – jenem Cannabinoid, dem eine potenziell schützende Wirkung nachgesagt wird. Viele der neuen, besonders potenten Sorten enthalten kaum noch CBD, was das Risiko für negative Folgen offenbar weiter erhöht. Gleichzeitig reagieren insbesondere Jugendliche empfindlich auf THC: Ihr Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung, wichtige Strukturen wie der präfrontale Kortex – zuständig für Impulskontrolle und Urteilsvermögen – sind noch nicht ausgereift. Eine frühe, intensive Exposition mit THC kann hier langfristige Spuren hinterlassen.[3]
Bertan Türemis, medizinisch Wissenschaftlicher Berater bei avaay Medical ergänzt:
"Die Forschung zeigt jedoch auch eine wichtige Differenzierung: Menschen, die Cannabis aus medizinischen Gründen und unter ärztlicher Aufsicht verwenden, entwickeln deutlich seltener schwerwiegende Abhängigkeitsmuster. Erklärungen dafür liegen nahe – etwa die klar dosierte Anwendung, der in der Regel weniger häufige Konsum sowie das Fehlen der Rauschmotivation, die den Freizeitgebrauch oft begleitet. Hinzu kommt: Medizinisches Cannabis wird ausschließlich an Erwachsene abgegeben – ein Schutzfaktor, der insbesondere Jugendliche außen vor lässt."[4]
Nachweisbarkeit von THC: Was Tests wirklich zeigen – und was nicht
THC kann im Körper weit über den akuten Rausch hinaus nachgewiesen werden – insbesondere bei Menschen, die Cannabis regelmäßig konsumieren. Anders als bei Alkohol oder vielen Medikamenten entspricht ein positiver Test nicht automatisch einer aktuellen Beeinträchtigung, sondern kann auch auf zurückliegende Einnahmen hinweisen. Das liegt vor allem an der Fettlöslichkeit von THC: Es wird im Körperfett gespeichert und über Tage oder sogar Wochen langsam wieder ins Blut abgegeben. In einer systematischen Übersichtsarbeit zeigten mehrere Studien, dass bei regelmäßigen Konsument:innen selbst nach sechs Tagen Abstinenz noch THC-Werte über 2 ng/ml im Blut messbar waren – bei einigen sogar über 5 ng/ml bereits nach einem Tag ohne Cannabiskonsum.[5]
Diese Erkenntnisse sind vor allem für die Rechtsprechung und den Führerschein von großer Bedeutung. Denn in vielen Ländern, darunter auch Deutschland, gelten gesetzlich festgelegte Grenzwerte für THC im Blut – etwa 3,5 ng/ml für Autofahrer:innen. Die Studienlage legt jedoch nahe, dass solche Grenzwerte für chronisch konsumierende Patient:innen problematisch sein können, da sie unter Umständen auch dann über dem Limit liegen, wenn keine akute Wirkung mehr vorliegt.
Zudem zeigen pharmakokinetische Untersuchungen, dass der THC-Gehalt im Blut nach dem Konsum schnell ansteigt, dann aber ebenso rasch wieder sinkt – während sich Abbauprodukte wie THC-COOH deutlich länger halten. Diese nicht psychoaktiven Metaboliten sind insbesondere in Urinproben noch Tage bis Wochen nachweisbar. In einem Fallbericht wurde das Abbauprodukt sogar 25 Tage nach dem letzten Konsum bei einer chronischen Nutzerin nachgewiesen.[6] Das stellt auch Ärzt:innen und Labore vor die Herausforderung, zwischen aktuellem Konsum, Restwerten und passivem Kontakt zu unterscheiden.
Unser Tipp: Weitere Infos zum Thema Cannabis-Konsum und Konsequenzen für Straßenverkehr und Führerschein findest du in unserem Artikel "Neuer THC-Grenzwert: Auto fahren nach Cannabis-Konsum?"
THC-Werte sind Orientierung, aber keine Wahrheit
THC-Gehalt, Nachweiszeit, Prozentangaben – all das sind hilfreiche, aber unvollständige Versuche, die Cannabis-Wirkung zu vermessen. Wer klug konsumiert – medizinisch oder freizeitlich – sollte sich mit diesen Zahlen auseinandersetzen, sie aber nicht überschätzen.
FAQ
Cannabisblüten mit 200 mg THC pro Gramm enthalten 20 % THC. Da ein Gramm 1000 mg entspricht, ergibt sich der Prozentsatz einfach durch Division: 200 mg geteilt durch 1000 mg ergibt 0,2 – also 20 %. Diese Angabe ist besonders bei medizinischem Cannabis geläufig, da dort häufig die Milligramm-Dosis pro Gramm Blütenmaterial ausgewiesen wird.
Medizinische Cannabisblüten enthalten in der Regel zwischen 1 % und 22 % THC, je nach Sorte und therapeutischem Zweck. Leichte Sorten für empfindliche Patient:innen oder zur Einstiegstherapie beginnen oft bei 1–5 % THC, während potenziell stärker wirksame Cannabisblüten – etwa zur Schmerzbehandlung – häufig 15–22 % THC enthalten. In Ausnahmefällen sind auch Sorten mit noch höheren Werten erhältlich. Die genaue Dosierung wird individuell ärztlich abgestimmt und orientiert sich an Wirkstoffgehalt, Beschwerdebild und persönlicher Verträglichkeit.
Wie lange THC im Körper nachweisbar ist, hängt von der Konsumhäufigkeit, der Art des Tests und dem individuellen Stoffwechsel ab. Im Blut ist THC bei gelegentlichem Konsum meist nur bis zu 24 Stunden, bei regelmäßigem Konsum jedoch mehrere Tage nachweisbar – teils auch über eine Woche. Im Urin sind Abbauprodukte wie THC-COOH deutlich länger nachweisbar: bei einmaligem Konsum etwa 3–5 Tage, bei häufigem Konsum sogar bis zu 30 Tage oder länger. Im Haar kann THC theoretisch monatelang nachgewiesen werden, allerdings ist diese Methode umstritten und nicht sehr zuverlässig. Entscheidend ist auch, ob der Test auf aktives THC (für akute Beeinträchtigung) oder auf Abbauprodukte prüft – letztere bleiben deutlich länger im Körper.
Als fahruntüchtig gilt man rechtlich in Deutschland, wenn der aktive THC-Wert im Blutserum den Grenzwert von 3,5 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml) überschreitet. Dieser Wert wurde im Juni 2024 im Zuge der Teillegalisierung von der Bundesregierung gesetzlich festgelegt. Wer darüber liegt, riskiert Bußgeld, Punkte in Flensburg und ein Fahrverbot – unabhängig davon, ob man sich subjektiv nüchtern fühlt. Wichtig: THC ist fettlöslich und kann sich bei regelmäßigem Konsum im Körper anreichern. Das bedeutet, auch mehrere Stunden oder Tage nach dem Konsum kann der Wert über dem Grenzwert liegen – selbst wenn keine akute Rauschwirkung mehr besteht. Bei medizinischem Cannabis gibt es Ausnahmen, allerdings nur mit ärztlicher Verordnung und unter bestimmten Voraussetzungen.
THC-COOH (vollständig: 11-Nor-9-carboxy-Δ9-tetrahydrocannabinol) ist ein Abbauprodukt von THC, das im Körper entsteht, nachdem Cannabis konsumiert wurde. Es ist nicht psychoaktiv, spielt aber eine zentrale Rolle bei Drogentests, insbesondere bei Urinanalysen. Anders als aktives THC, das nur kurze Zeit im Blut zirkuliert, kann THC-COOH über Tage bis Wochen im Körper nachgewiesen werden – vor allem bei regelmäßigem Konsum. Es zeigt also nicht, ob jemand aktuell berauscht ist, sondern lediglich, dass irgendwann in der jüngeren Vergangenheit Cannabis konsumiert wurde.
Der THC-Wert von Haschisch (auch „Hash“ genannt) liegt in der Regel zwischen 10 % und 30 %, kann aber je nach Herstellung, Herkunft und Sorte deutlich variieren. Traditionell enthält Haschisch etwa 10–20 % THC, während moderne, hochpotente Varianten auch über 30 % erreichen können.
[1] Christensen, C., Rose, M., Cornett, C., & Allesø, M. (2023). Decoding the postulated entourage effect of medicinal cannabis: What it is and what it isn’t. Biomedicines, 11(8), 2323.
[2] Petrilli, K., Ofori, S., Hines, L., Taylor, G., Adams, S., & Freeman, T. P. (2022). Association of cannabis potency with mental ill health and addiction: A systematic review. The Lancet Psychiatry, 9(9), 736–750.
[3] Stuyt, E. (2018). The problem with the current high potency THC marijuana from the perspective of an addiction psychiatrist. Missouri Medicine, 115(6), 482–486.
[4] Lapham, G. T., Matson, T. E., Bobb, J. F., Luce, C., Oliver, M. M., Hamilton, L. K., & Bradley, K. A. (2023). Prevalence of cannabis use disorder and reasons for use among adults in a US state where recreational cannabis use is legal. JAMA Network Open, 6(8), e2328934.
[5] Peng, Y. W., Desapriya, E., Chan, H., & Brubacher, J. R. (2020). Residual blood THC levels in frequent cannabis users after over four hours of abstinence: A systematic review. Drug and Alcohol Dependence, 216, 108177.
[6] Sharma, P., Murthy, P., & Bharath, M. M. S. (2012). Chemistry, metabolism, and toxicology of cannabis: clinical implications. Iranian Journal of Psychiatry, 7(4), 149–156.
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