Seit dem 1. April 2024 ist Cannabis in Deutschland legal – zumindest für Erwachsene. Mit dem neuen Cannabisgesetz hat die Bundesregierung einen Paradigmenwechsel eingeleitet: Ziel ist es nicht nur, den Konsum zu entkriminalisieren, sondern auch den Gesundheitsschutz zu verbessern, den Schwarzmarkt einzudämmen und insbesondere den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Erste Bilanzen zeigen bereits, welche Auswirkungen die Cannabis Teillegalisierung auf den Markt und die gesellschaftliche Wahrnehmung hat. Doch wie realistisch ist das – und was sagen die ersten Beobachtungen?
Der rechtliche Rahmen ist klar: Für Minderjährige bleibt der Erwerb, Besitz und Konsum von Cannabis verboten. Erwachsene dürfen bis zu 25 Gramm in der Öffentlichkeit mitführen, bis zu 50 Gramm zu Hause lagern und drei Pflanzen für den Eigenbedarf anbauen. Seit Juli 2024 dürfen zudem sogenannte Anbauvereinigungen – nicht-kommerzielle Clubs mit bis zu 500 Mitgliedern – Cannabis gemeinschaftlich kultivieren und an ihre Mitglieder weitergeben. Für Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren gilt eine THC-Grenze von 10 % und eine Mengenbeschränkung von 30 Gramm pro Monat.
Das Gesetz flankiert diese Neuerungen mit einer Reihe von Maßnahmen, die insbesondere dem Jugendschutz dienen sollen:

Die Sorge gilt dabei nicht einfach nur dem möglichen Zugang Minderjähriger zu Cannabis, sondern auch den gesundheitlichen Risiken – besonders im Jugendalter. Das Bundesministerium für Gesundheit betont: Das menschliche Gehirn ist bis etwa zum 25. Lebensjahr in der Entwicklung. THC – der psychoaktive Hauptwirkstoff von Cannabis – kann in dieser Phase die Hirnreifung beeinflussen, kognitive Fähigkeiten einschränken und das Risiko für psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Psychosen erhöhen.[1] Studien zum allgemeinen Cannabis Konsum verdeutlichen, dass insbesondere die Intensität und das Einstiegsalter über langfristige Folgen für die psychische Gesundheit entscheiden können.
Deshalb richtet sich die offizielle Informationskampagne „Cannabis: Legal, aber…“ gezielt an junge Menschen im Alter von 12 bis 25 Jahren – sowie an deren Bezugspersonen: Eltern, Lehrkräfte, Ausbildende und Trainierende. Auf der Website www.infos-cannabis.de finden sich Materialien, Hinweise und Beratungsangebote, die über Risiken aufklären und Prävention stärken sollen.
Wenn Minderjährige dennoch Cannabis besitzen, erwerben oder anbauen, sieht das Gesetz keine automatische Strafverfolgung vor – sondern will durch Frühintervention helfen: Behörden informieren die Sorgeberechtigten, bei Gefährdung das Jugendamt. Ziel ist nicht Bestrafung, sondern Schutz. Beratungsangebote sollen niedrigschwellig, wirkungsvoll und wissenschaftlich fundiert sein – ein Ansatz, der sich bereits in der Tabak- und Alkoholprävention bewährt hat.
Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat ihre Präventionsarbeit ausgeweitet. Ob dieser Ansatz auch für Cannabis wirkt, wird sich in Zukunft zeigen.
Ein weiteres Ziel des Gesetzes: die Eindämmung des illegalen Markts. Doch dieser existiert weiterhin.
Adele, Cannabis Expertin & Senior Scientific Affairs Managerin bei avaay Medical, erklärt:
"Junge Menschen können nach wie vor auf Cannabisprodukte unklarer Herkunft zurückgreifen – mit teils gravierenden Risiken: Schwankende THC-Gehalte, gesundheitsschädliche Verunreinigungen und fehlende Qualitätskontrollen erschweren eine sichere Einschätzung der Wirkung. Dieser Zustand ist aus gesundheitlicher Sicht höchst problematisch. Eine staatlich regulierte Abgabe, die sich ausschließlich an Erwachsene richtet, kann dabei helfen, den illegalen Markt langfristig zu verdrängen. Entscheidend ist jedoch, dass begleitend konsequente Aufklärung über Gehirnentwicklung für Personen ab 18 Jahren, Präventionsarbeit für Jugendliche und ein strikter Jugendschutz etabliert werden – um genau jene jungen Menschen zu erreichen, die aktuell besonders gefährdet sind."
Zwei Jahre nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes am 1. April 2024 gibt es bislang keine Hinweise auf einen deutlichen Anstieg des Cannabiskonsums unter Jugendlichen infolge der Teillegalisierung. Das geht aus aktuellen Zwischenergebnissen des Forschungsprojekts EKOCAN hervor, das die Auswirkungen des Konsumcannabisgesetzes wissenschaftlich untersucht. Die Forschenden schreiben, dass ein konsumbezogener Anstieg durch die Reform „zum jetzigen Zeitpunkt nicht erkennbar“ sei.[2]
Gleichzeitig sehen die Forschenden weiterhin Herausforderungen beim Kinder- und Jugendschutz. Laut EKOCAN werden Frühinterventions- und Beratungsangebote von Jugendlichen seit der Teillegalisierung seltener genutzt. Hintergrund ist unter anderem, dass verpflichtende Zuweisungen durch Behörden oder Justiz heute deutlich seltener stattfinden. Zudem habe sich die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe, Präventionsstellen und Behörden teilweise erschwert.[2]
Einzelne Erhebungen deuten zudem auf eine veränderte Wahrnehmung von Cannabis hin. Eine Studie der vivida bkk und der Stiftung „Die Gesundarbeiter“ aus dem Oktober 2024 zeigt, dass mehr als ein Drittel der jungen Erwachsenen in Deutschland den Konsum von Cannabis für unproblematisch hält. Zudem berichten 29 Prozent der Befragten von einer Zunahme des Cannabiskonsums in ihrem Umfeld seit Anfang 2024.[3]
Die aktuelle Datenlage deutet damit bislang eher auf eine veränderte Regulierung und gesellschaftliche Wahrnehmung von Cannabis hin als auf einen sprunghaften Anstieg des Jugendkonsums. Gleichzeitig betonen Forschende, dass langfristige Entwicklungen weiter beobachtet werden müssen – insbesondere im Hinblick auf hochpotente Cannabisprodukte, Prävention und psychische Gesundheit junger Menschen.
Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt, dass Legalisierungspolitiken durchaus unterschiedliche Wirkungen entfalten – abhängig von gesellschaftlichem Kontext, regulatorischer Ausgestaltung und begleitenden Maßnahmen.
Kanada etwa hat bereits 2018 Cannabis vollständig für Erwachsene legalisiert. Die Erfahrungen dort fallen laut einer Studie aus 2024 unterschiedlich aus: Während sich die Konsumraten unter Jugendlichen insgesamt stabilisiert haben, stiegen Krankenhausaufenthalte wegen cannabisbedingter Zwischenfälle bei jungen Menschen an – insbesondere in den Jahren nach der Kommerzialisierung des Markts.[4]
Auch eine umfassende Studie aus 2021 mit über 100.000 kanadischen Schüler:innen zeigt: Der Anteil der Jugendlichen, die jemals Cannabis konsumiert haben, stieg nach der Legalisierung leicht an – regelmäßiger Konsum blieb jedoch weitgehend stabil. Die Legalisierung hat bisher nicht zu einer Reduktion des Konsums geführt. Besonders auffällig ist: Junge Männer in höheren Jahrgängen zeigen eine stärkere Zunahme, was auf geschlechtsspezifische Unterschiede hinweist. Auch regionale Unterschiede (z. B. in Alberta mit besonders hoher Shop-Dichte) deuten darauf hin, dass Verfügbarkeit und Umfeld entscheidend sind.[5]
In den USA mehren sich Hinweise darauf, dass insbesondere elterlicher Cannabiskonsum nach der Legalisierung zunimmt – ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder versehentlich mit THC in Kontakt kommen. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 kommt zu dem Schluss: Es fehlt weiterhin an hochwertigen Studien, die langfristige Auswirkungen auf Erziehungsverhalten, Kindergesundheit und Familienstrukturen erfassen.
Gleichzeitig zeigen die Daten aus Nordamerika, dass eine kontrollierte Abgabe in Kombination mit gut ausgestalteter Prävention durchaus positive Effekte haben kann – etwa bei der Entlastung des Justizsystems oder der Reduktion illegaler Bezugsquellen. Besonders deutlich wird: Der Erfolg einer Legalisierung bemisst sich nicht allein an Konsumzahlen, sondern auch an der Fähigkeit einer Gesellschaft, Schutzräume für die Jugend zu gestalten, ohne die Realität zu verdrängen.[6]
Deutschland hat nun die Chance, von diesen Erfahrungen zu lernen – und aus den Fehlern wie Fortschritten anderer Länder evidenzbasierte, zielgruppengerechte Präventionsstrategien abzuleiten. Entscheidend wird sein, die Legalisierung nicht als Endpunkt zu betrachten, sondern als Ausgangspunkt für eine umfassende Drogenpolitik, die Risiken erkennt, differenziert handelt – und Jugendliche nicht aus dem Blick verliert.
Nicht jede:r Jugendliche, der:die Cannabis ausprobiert, entwickelt automatisch gesundheitliche Probleme oder eine Abhängigkeit. Entscheidend sind unter anderem das Einstiegsalter, die Konsumhäufigkeit, die THC-Konzentration und individuelle Risikofaktoren wie psychische Vorbelastungen oder familiäre Suchterkrankungen. Gleichzeitig zeigen aktuelle Studien zunehmend, dass regelmäßiger Cannabiskonsum im Jugendalter mit Veränderungen der Gehirn- und Persönlichkeitsentwicklung verbunden sein kann.[7,8]
Besonders sensibel ist dabei die Phase der Adoleszenz (also etwa zwischen dem 10. und frühen 20. Lebensjahr): Das Gehirn befindet sich bis weit in die Zwanziger hinein in einem intensiven Umbauprozess. THC – der psychoaktive Hauptwirkstoff von Cannabis – greift in das sogenannte Endocannabinoid-System ein, das unter anderem für Lernprozesse, Emotionsregulation, Gedächtnis und Impulskontrolle wichtig ist.[7,8]
Kurzfristig kann Cannabis bei Jugendlichen unter anderem folgende Auswirkungen haben:
Neuere Forschung deutet außerdem darauf hin, dass Cannabis die geistige Entwicklung Jugendlicher langfristig beeinflussen kann. Eine große Langzeitstudie mit mehr als 11.000 Kindern und Jugendlichen zeigt: Jugendliche, die Cannabis konsumierten, entwickelten sich in bestimmten kognitiven Bereichen langsamer weiter als Gleichaltrige ohne Konsum. Betroffen waren unter anderem Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit, Sprache und Impulskontrolle.[8]
Die Forschenden beobachteten dabei keinen plötzlichen „Leistungsabfall“, sondern eher eine abgeflachte Entwicklungskurve: Während sich die kognitiven Fähigkeiten vieler Jugendlicher mit zunehmendem Alter deutlich verbesserten, fiel dieser Fortschritt bei konsumierenden Jugendlichen geringer aus.[8]
Besonders relevant scheint dabei THC zu sein. In Haaranalysen zeigte sich, dass Jugendliche mit nachweisbarem THC schlechtere Entwicklungen beim episodischen Gedächtnis aufwiesen, während bei Jugendlichen mit CBD-Nachweisen keine vergleichbaren Unterschiede beobachtet wurden.[8]
Auch psychische Folgen stehen im Fokus der Forschung. Studien bringen frühen und regelmäßigen Cannabiskonsum mit einem erhöhten Risiko für Angststörungen, Depressionen, Psychosen und suizidale Gedanken in Verbindung – insbesondere bei Jugendlichen mit genetischer oder psychischer Vorbelastung. Das Risiko steigt vor allem bei hochpotenten Cannabis-Züchtungen mit hohen THC-Gehalten, die heute deutlich verbreiteter sind als noch vor einigen Jahren.[7]
Hinzu kommt: Moderne Konsumformen wie Vapes, Konzentrate oder Edibles erschweren häufig die Einschätzung der tatsächlichen THC-Dosis. Gleichzeitig konsumieren Jugendliche heute oft diskreter als früher, wodurch Eltern oder Schulen problematischen Konsum teilweise später bemerken.[7]
Gleichzeitig betonen aktuelle Studien, dass Cannabiswirkungen individuell sehr unterschiedlich ausfallen können. Nicht jeder jugendliche Konsum führt automatisch zu schweren gesundheitlichen Folgen. Dennoch gilt besonders für Minderjährige: Je früher und regelmäßiger konsumiert wird, desto höher ist das Risiko für negative Auswirkungen auf Gehirnentwicklung, psychische Gesundheit und Alltagsfunktion.[7,8]
Cannabiskonsum bei Jugendlichen zu erkennen, ist heute oft schwieriger als früher. Während früher typische Hinweise wie Blättchen, Feuerzeuge oder der intensive Geruch auffielen, wird Cannabis inzwischen häufig über Vape Pens oder andere diskrete Produkte konsumiert. Gerade beim Vapen entsteht deutlich weniger Geruch, weshalb Eltern Konsum oft nicht mehr so leicht bemerken.[7]
Viel wichtiger als einzelne Gegenstände sind deshalb Veränderungen im Verhalten. Eltern merken häufig zuerst, dass „etwas anders“ ist. Jugendliche wirken plötzlich antriebslos, ziehen sich zurück oder verlieren das Interesse an Schule, Sport oder Hobbys. Auch Konzentrationsprobleme, schlechtere Noten, häufiges Fehlen oder veränderte Freundeskreise können Hinweise sein.
Studien zeigen, dass regelmäßiger Cannabiskonsum im Jugendalter mit Problemen bei Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Impulskontrolle zusammenhängen kann.[7,8] Manche Jugendliche wirken außerdem gereizter, emotional instabiler oder schlafen schlechter. Besonders problematisch kann es werden, wenn Cannabis genutzt wird, um Stress, Druck oder negative Gefühle zu bewältigen – ein Motiv, das laut aktueller Forschung unter Jugendlichen zunehmend verbreitet ist.[7]
Bei intensivem Konsum können sich auch stärkere psychische Veränderungen zeigen. Dazu gehören etwa starke Ängste, paranoide Gedanken, auffällige Wesensveränderungen oder sozialer Rückzug. Vor allem hochpotente THC-Produkte gelten dabei als Risikofaktor für psychische Probleme bei vulnerablen Jugendlichen.[7]
Wenn Eltern einen Verdacht haben, hilft meist kein Kontrollieren oder Eskalieren – sondern ein Gespräch. Wichtig ist zunächst in Ruhe herauszufinden, ob es sich um einmaliges Ausprobieren oder bereits regelmäßigen Konsum handelt. Gerade im Jugendalter ist Neugier nicht ungewöhnlich als Grund für den Cannabiskonsum. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Cannabis zum festen Bestandteil des Alltags wird.
Hilfreich ist ein sachlicher Umgang ohne Dramatisierung. Studien zeigen, dass Jugendliche auf offene Gespräche und verständliche Informationen häufig besser reagieren als auf reine Verbote oder Angstbotschaften.[7] Eltern können erklären, warum Cannabis gerade für das sich entwickelnde Gehirn Risiken birgt und weshalb früher Konsum problematisch sein kann.[8]
Zeigen sich bereits deutliche Veränderungen wie Leistungsabfall, Kontrollverlust oder psychische Probleme, sollte früh professionelle Unterstützung gesucht werden – etwa über Suchtberatungsstellen oder kinder- und jugendpsychiatrische Angebote.[7]
Viele Eltern unterschätzen, dass Cannabis abhängig machen kann – besonders im Jugendalter. Aktuelle Studien zeigen: Etwa jede zehnte konsumierende Person entwickelt eine Cannabisabhängigkeit. Beginnt der Konsum bereits vor dem 18. Lebensjahr, steigt das Risiko deutlich an.[7]
Nicht jeder gelegentliche Konsum bedeutet automatisch eine Suchterkrankung. Problematisch wird es meist dann, wenn Cannabis zunehmend den Alltag bestimmt oder Jugendliche das Gefühl haben, ohne Konsum schlechter zurechtzukommen.
Folgende Fragen können Eltern helfen, problematischen Konsum besser einzuordnen:
Beantworte die folgenden Fragen mit „Ja“ oder „Nein“:
Je mehr Fragen du mit „Ja“ beantwortest, desto sinnvoller kann es sein, professionelle Unterstützung einzubeziehen. Besonders Warnzeichen wie Kontrollverlust, häufiger Konsum oder Entzugssymptome gelten als mögliche Hinweise auf eine beginnende Cannabisabhängigkeit.[7]
Wichtig dabei: Ein solcher Selbstcheck ersetzt keine medizinische oder psychologische Diagnose. Er kann Eltern aber helfen, Veränderungen früh wahrzunehmen und das Gespräch zu suchen.
Unterstützung bieten unter anderem kommunale Suchtberatungsstellen, Präventionsangebote für Jugendliche oder kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanzen. Viele Beratungsstellen arbeiten niedrigschwellig und anonym – oft sogar ohne lange Wartezeiten oder feste Termine.
Cannabiskonsum von Eltern ist ein sensibles Thema – und wissenschaftlich bislang deutlich weniger erforscht als der Konsum bei Jugendlichen. Die bisherige Studienlage zeigt vor allem: Pauschale Aussagen greifen zu kurz. Entscheidend sind unter anderem Konsumhäufigkeit, THC-Gehalt, psychische Belastungen und die konkrete Familiensituation.
Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass regelmäßiger Cannabiskonsum von Eltern mit belastendem Erziehungsverhalten zusammenhängen kann. Eltern, die Cannabis konsumierten, berichteten beispielsweise häufiger über Gereiztheit, inkonsequente Erziehung, emotionale Überforderung oder psychische Belastungen wie Angst und Depressionen.[9] Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass Cannabis dabei meist nicht isoliert betrachtet werden kann: Oft spielen zusätzliche Faktoren wie Stress, psychische Gesundheit oder schwierige Lebensumstände eine wichtige Rolle.
Andere Untersuchungen zeigen wiederum ein differenzierteres Bild. In einer Alltagsstudie berichteten manche konsumierende Eltern sogar häufiger von ruhigem oder zugewandtem Verhalten gegenüber ihren Kindern – etwa von mehr Geduld oder emotionaler Nähe nach dem Konsum.[10] Die Forschenden warnen jedoch ausdrücklich davor, daraus abzuleiten, Cannabis verbessere das "Parenting". Die Zusammenhänge gelten bislang als komplex und wissenschaftlich noch nicht ausreichend verstanden.
Unstrittig ist dagegen: Cannabis kann Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Entscheidungsvermögen beeinträchtigen – insbesondere bei hohen THC-Dosen. Gerade im Familienalltag kann das problematisch werden, etwa in Situationen, in denen schnelle Reaktionen oder volle Aufmerksamkeit gefragt sind.
Hinzu kommt die Vorbildfunktion. Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche das Konsumverhalten ihrer Eltern wahrnehmen und dadurch Cannabis langfristig häufiger als „normal“ oder harmlos einstufen können.[10] Fachleute empfehlen deshalb, Cannabis möglichst nicht in Anwesenheit von Kindern zu konsumieren und Produkte sicher aufzubewahren – insbesondere Edibles wie THC-Gummis oder Brownies, die für Kinder leicht mit normalen Süßigkeiten verwechselt werden können.
Die aktuelle Forschung plädiert insgesamt für einen nüchternen und differenzierten Umgang mit dem Thema. Cannabiskonsum allein macht Eltern nicht automatisch ungeeignet oder verantwortungslos. Gleichzeitig zeigen die Studien, dass insbesondere regelmäßiger Konsum in Kombination mit Stress, psychischen Belastungen oder problematischen Familienstrukturen Risiken für das Familienleben erhöhen kann.[9,10]
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Der Konsum von Cannabis durch Eltern kann unter bestimmten Umständen als Kindeswohlgefährdung eingestuft werden – etwa dann, wenn das Wohl des Kindes konkret beeinträchtigt wird. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Konsumverhalten die Fürsorge, Aufsichtspflicht oder Erziehungsfähigkeit der Eltern negativ beeinflusst oder wenn Kinder Zugang zu Cannabisprodukten haben.
Auch regelmäßiger Konsum im Beisein von Kindern kann problematisch sein, insbesondere wenn dadurch Nachahmung oder unbeabsichtigte Einnahme begünstigt wird. Grundsätzlich gilt: Der Konsum allein – insbesondere in der eigenen Freizeit und ohne Auswirkungen auf das Familienleben – stellt nicht automatisch eine Kindeswohlgefährdung dar. Maßgeblich ist immer die konkrete Situation im Einzelfall. Jugendämter und Familiengerichte beurteilen dies individuell, basierend auf dem Verhalten der Eltern, der familiären Gesamtsituation und dem Schutzbedürfnis des Kindes.
Nicht jeder Cannabiskonsum von Eltern erfolgt aus Freizeitgründen. Manche Erwachsene nutzen medizinisches Cannabis beispielsweise bei chronischen Schmerzen oder anderen Erkrankungen. Deshalb ist beim Thema Elternschaft eine differenzierte Betrachtung wichtig.
Entscheidend ist vor allem der verantwortungsvolle Umgang mit der Therapie. THC-haltige Medikamente können Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. Fachleute empfehlen daher, Cannabis möglichst nicht in Anwesenheit von Kindern zu konsumieren und Produkte stets kindersicher aufzubewahren.
Aktuelle Studien zeigen außerdem, dass psychische Belastungen, Stress oder Überforderung im Familienalltag häufig eine größere Rolle spielen als der Cannabiskonsum allein.[9,10] Ob medizinisches Cannabis mit verantwortungsvoller Elternschaft vereinbar ist, hängt deshalb immer von der individuellen Situation ab.
Die Legalisierung von Cannabis ist kein Freibrief – sie ist ein regulierter Versuch, eine Realität in geordnete Bahnen zu lenken. Gerade weil Kinder und Jugendliche besonders vulnerabel sind, braucht es strikte Kontrollen, fundierte Aufklärung und zeitgemäße Prävention. Die Bundesregierung hat mit dem neuen Gesetz einen Rahmen geschaffen, der diesen Schutz erstmals strukturell in den Mittelpunkt stellt. Entscheidend wird sein, ob dieser Rahmen mit Leben gefüllt wird – in Schulen, in Familien, in der Öffentlichkeit.
Denn eines ist klar: Ein Gesetz allein schützt nicht. Aber es kann ermöglichen, Verantwortung neu zu denken – und Kindern wie Erwachsenen die Werkzeuge zu geben, gesunde Entscheidungen zu treffen.
[1] Bundesministerium für Gesundheit. (2025). Cannabis: Besserer Jugend- und Gesundheitsschutz. Abgerufen am 13. Mai 2025 von https://www.bundesgesundheitsministerium.de/infos-cannabis.html
[2] Pressemitteilung zum 2. Zwischenbericht der Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN). https://www.uke.de/landingpage/ekocan/veröffentlichungen/index.html
[3] Stiftung Die Gesundarbeiter. (2024, 22. Oktober). Studie: Cannabis-Legalisierung führt zu mehr Verharmlosung bei jungen Erwachsenen.
[4] Fischer, B., Jutras-Aswad, D., & Robinson, T. (2024). How has non-medical cannabis legalization served the health and welfare of under-age (adolescent) youth in Canada? The Lancet Regional Health – Americas, 35, 100773.
[5] Zuckermann, A. M. E., Battista, K. V., Bélanger, R. E., Haddad, S., Butler, A., Costello, M. J., & Leatherdale, S. T. (2021). Trends in youth cannabis use across cannabis legalization: Data from the COMPASS prospective cohort study. Preventive Medicine Reports, 22, 101351.
[6] Wilson, S., & Rhee, S. H. (2022). Causal effects of cannabis legalization on parents, parenting, and children: A systematic review. Preventive Medicine, 156, 106956.
[7] Bhangu, G. K., Singh, A., Shah, A., & Malhi, N. (2025). Cannabis use in adolescents. Delaware Journal of Public Health, 11(3), 6–13.
[8] Wade, N. E., Sullivan, R. M., Wallace, A. L., Thompson, W. K., Tapert, S. F., & Jacobus, J. (2026). Longitudinal neurocognitive trajectories in a large cohort of youth who use cannabis: Combining self-report and toxicology. Neuropsychopharmacology. Advance online publication.
[9] Wesemann, D. G., Wilson, A. C., & Riley, A. R. (2022). Parental cannabis use, negative parenting, and behavior problems of young children. Substance Use & Misuse, 57
[10] Freisthler, B., Thurston, H., & Price Wolf, J. (2026). Examining the context of cannabis use and parenting: An exploratory ecological momentary assessment study. Parenting, 26(2), 192–212.