Kaum eine Cannabissorte ist so stark von Erzählungen, Zuschreibungen und kultureller Bedeutung geprägt wie Haze. Ihr Name steht bis heute für eine bestimmte Ära, für experimentelle Züchtung und für einen Stil, der sich nicht eindeutig festlegen lässt. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff Haze tatsächlich – jenseits von Legenden und Szenemythen?
Haze ist eine traditionsreiche Cannabissorte, die ihren Ursprung in der kalifornischen Gegenkultur der 1960er- und 1970er-Jahre hat. Sie steht für Sativa-dominierte Genetik, eine als klar und anregend beschriebene Wirkung und eine Entstehungsgeschichte, die bis heute nicht eindeutig rekonstruierbar ist. Ursprünglich als reiner Sativa-Hybrid bekannt, existiert Haze heute vor allem als Sammelbegriff für zahlreiche Varianten, in denen Sativa weiterhin überwiegt, häufig jedoch mit Indica-Anteilen kombiniert wird.
Entstanden sein soll Haze in Kalifornien, genauer gesagt in der Region um Santa Cruz. Überliefert ist vor allem eine Erzählung: R. Haze und J. Haze, die als „Haze-Brüder“ bekannt wurden, experimentierten in den 1970er-Jahren mit unterschiedlichen Cannabissamen, ohne ein klares Zuchtziel zu verfolgen. Statt systematischer Planung stand das Ausprobieren im Vordergrund. Aus diesen Kreuzungen ging eine Sorte hervor, die sich deutlich von den damals verbreiteten Cannabissorten abhob.
Haze unterschied sich nicht nur in ihrer Herkunft, sondern auch in ihrer Wirkung und ihrem Geschmack. Beschrieben wird die Wirkung häufig als langanhaltend, energetisch und stark zerebral. Der Begriff "belebendes High" fällt unter Nutzenden besonders oft.
Hinzu kam ein ungewöhnlich komplexes Aromaprofil, in dem würzige, erdige und süßlich-fruchtige Noten miteinander verschmolzen. Haze war damit keine Sorte für unmittelbare Effekte, sondern für einen bewussteren, geduldigen Umgang.
Welche genetischen Linien tatsächlich in Haze zusammenflossen, ist bis heute unklar. Vermutet werden Einflüsse südostasiatischer, lateinamerikanischer und indischer Landrassen, belegen lässt sich jedoch keine dieser Thesen eindeutig. Gerade diese Offenheit trägt zum anhaltenden Mythos der Sorte bei.
Im Anbau erwies sich Haze als anspruchsvoll. Lange Blütezeiten und ein sensibler Wuchs machten sie für viele Grower wenig attraktiv. In den 1980er-Jahren, als robustere und schneller blühende Sorten bevorzugt wurden, geriet Haze zunehmend in den Hintergrund und verschwand zeitweise beinahe vollständig.
Heute steht Haze weniger für eine einzelne, klar definierte Pflanze als für eine ganze Familie von Sorten. Gemeinsam ist ihnen der Bezug auf jene experimentellen Ursprünge, aus denen Haze einst hervorging – und der Anspruch, etwas von diesem besonderen Charakter zu bewahren.

In der medizinischen Anwendung werden Haze-Sorten heute vor allem als Sativa-dominierte Varietäten mit einem eher aktivierenden Wirkprofil eingeordnet. Sie könnten im therapeutischen Kontext dann relevant sein, wenn eine stark sedierende Wirkung nicht im Vordergrund steht und die geistige Wachheit möglichst erhalten bleiben soll. Ob und in welcher Form solche Sorten für Cannabis-Patient:innen infrage kommen, hängt jedoch stets von der individuellen Situation ab und wird ausschließlich durch eine Ärztin oder einen Arzt entschieden.
„Haze-Sorten werden in der Therapie sehr differenziert betrachtet“, sagt Senior Scientific Affairs Manager und Ganjier bei avaay Medical. „Sie sind kein Standard und keine pauschale Empfehlung, sondern eine von vielen Optionen, die je nach Krankheitsbild, Verträglichkeit und Therapieziel erwogen werden können – immer mit Blick auf den Alltag der Patientinnen und Patienten.“
Heute existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Haze-Varianten. Die meisten davon sind Hybride, in denen Sativa- und Indica-Genetik miteinander kombiniert wurden. Dadurch hat sich ein breites Spektrum an Sorten entwickelt, die sich in Herkunft, Profil und Ausprägung unterscheiden. Einige dieser Haze-Hybriden sind über Jahre hinweg besonders bekannt geworden und werden in der Cannabis-Szene regelmäßig erwähnt.
Genetik: Hybrid, Sativa dominant
THC: 13-25 %
CBD: ≤ 1 %
Terpene: Limonen, Humulen, Beta-Ocimem
Amnesia Haze zählt zu den bekanntesten sativageprägten Hybriden der modernen Cannabisszene und und hat bereits mehrere Cannabis Cups (Wettbewerbe, bei denen die besten Cannabis-Produkte geehrt werden.) gewonnen. Seine Entstehung ist das Ergebnis eines längeren züchterischen Prozesses. Ausgangspunkt waren in den frühen 1990er-Jahren verschiedene Sativa-Landrassen aus unterschiedlichen Weltregionen, darunter Südostasien, die Karibik und Zentralasien, die für ihre lange Reifezeit bekannt sind. Auf dieser Basis entwickelte sich zunächst eine eigenständige Linie, die erst in einem späteren Schritt mit klassischer Haze-Genetik zusammengeführt wurde. Durch diese Kombination entstand jene Variante, die heute unter dem Namen Amnesia Haze bekannt ist.
Genetik: Hybrid, Indica dominant
Eltern: Ice Cream Cake × Cherry Cheesecake
THC: 24-32 %
CBD: ≤ 1 %
Terpene: Trans-Caryophyllen, Linalool, Limonen
Amnesia Haze Cake, gelegentlich auch als Flawless Victory geführt, gehört zu den indica-dominierten Hybriden und geht auf eine Kreuzung zweier süß geprägter Linien zurück: Ice Cream Cake und Cherry Cheesecake. Die Cannabisblüten zeichnen sich durch dunkle Grüntöne aus, die von kräftigen violetten Akzenten durchbrochen werden und der Sorte ein auffälliges Erscheinungsbild verleihen. Ihr Aromabild wird vor allem durch Terpene wie Limonen, trans-Caryophyllen und Linalool geprägt, die cremige und würzige Eindrücke miteinander verbinden und von einer markanten, leicht schweren Note im Nachklang begleitet werden.
Genetik: Hybrid, Sativa dominant
THC: 18-22 %
CBD: ≤ 1 %
Terpene: Pinen, Limonen, Beta-Caryophyllen
Colombian Haze ist eine reine oder stark sativadominierte Sorte, deren genetische Wurzeln auf die klassische Landrasse Colombian Gold zurückgeführt werden. Entsprechend zeigt sich auch ihr aromatisches Profil: Terpene wie Pinen, Limonen und Beta-Caryophyllen prägen den Gesamteindruck. Pinen bringt frische, leicht harzige und an Nadelholz erinnernde Nuancen ein, während Limonen für eine klare, zitrische Note sorgt. Ergänzt wird dieses Bild durch Beta-Caryophyllen, das dem Aroma eine dezente Würze und erdige Tiefe verleiht. In der Summe ergibt sich ein Duft- und Geschmacksprofil, das frisch und würzig wirkt.
Genetik: Hybrid, Sativa dominant
Eltern: Super Silver Haze × Lemon Skunk
THC: 24-32 %
CBD: ≤ 1 %
Terpene: Limonen, Pinen, Nerolidol
Super Lemon Haze ist ein sativadominierter Hybrid, der vor allem für sein ausgeprägt frisches Zitrusprofil bekannt ist. Entstanden aus der Kreuzung von Super Silver Haze und Lemon Skunk, verbindet die Sorte zwei Klassiker, die jeweils für klare, aromatisch starke Linien stehen. Die stark harzigen Blüten verströmen bereits beim Öffnen ein intensives Zitronen- und Limettenaroma. Verantwortlich dafür sind vor allem die Terpene Limonen, Pinen und Nerolidol: Limonen bringt die typische zitronige Frische, Pinen steuert grüne, leicht harzige Noten bei, während Nerolidol dem Ganzen eine weiche, fast blumige Tiefe verleiht.





Haze ist weniger eine klar definierte Cannabissorte als ein historisch gewachsener Begriff. Entstanden aus experimenteller Züchtung und geprägt von kulturellem Kontext, steht Haze bis heute für Offenheit, Vielfalt und Wandel innerhalb der Cannabiskultur. Ihre zahlreichen Varianten spiegeln nicht nur unterschiedliche genetische Ansätze wider, sondern auch den Versuch, ursprüngliche Eigenschaften an veränderte Anforderungen anzupassen. Ob als kulturelles Symbol, züchterische Grundlage oder medizinisch eingeordnete Sorte – Haze bleibt vor allem eines: ein Beispiel dafür, wie eng Pflanzen, Geschichte und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verflochten sein können.