avaay Medical
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April 20
|
7 min

Medizinisches Cannabis & Endometriose – alles zur Therapieoption

Endometriose gehört zu den häufigsten, aber am wenigsten verstandenen chronischen Erkrankungen. Viele Betroffene kämpfen über Jahre mit Schmerzen, bevor sie überhaupt eine Diagnose erhalten – und auch danach bleibt die Behandlung oft unbefriedigend. In den letzten Jahren rückt deshalb eine Endometriose-Therapie stärker in den Fokus, die lange außerhalb der klassischen Medizin stand: medizinisches Cannabis. Doch was sagt die Forschung dazu und für wen kann diese Alternative tatsächlich sinnvoll sein?


  • Cannabis könnte bei Endometriose helfen: vor allem bei Schmerzen, Schlafproblemen und Lebensqualität.
  • Studien zeigen positive Effekte bei einem Teil der Patient:innen: Auch wenn die Forschung insgesamt noch am Anfang steht und die Wirkung individuell unterschiedlich ist.
  • Viele Betroffene nutzen Cannabis bereits eigenständig: Vor allem dann, wenn klassische Therapien nicht ausreichend helfen oder nicht gut vertragen werden.
  • Cannabis ist keine Einheitslösung: Es kann eine ergänzende Option sein, ersetzt aber in der Regel keine bestehenden Therapien und wirkt nicht bei allen gleich.

Es sind oft Sätze, die beiläufig fallen. Dass der Schmerz „schon wieder da“ sei. Dass man „sich daran gewöhnt“ habe. Dass es „halt so ist“. Wer mit Endometriose lebt, kennt diese Form der Normalisierung. Sie ist weniger Ausdruck von Resilienz als vielmehr Anpassung – an einen Zustand, der sich kaum kontrollieren lässt, an Schmerzen, die im Alltag oft relativiert oder in ihrer Intensität sogar infrage gestellt werden.

Dabei ist die Erkrankung alles andere als selten: Schätzungen zufolge sind etwa 10–15 % der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen – darunter auch trans- und nicht-binäre Personen. Und doch bleibt Endometriose häufig lange unerkannt. Im Durchschnitt vergehen rund siebeneinhalb Jahre bis zur Diagnose – Jahre, die für viele von Unsicherheit, wiederholten Arztbesuchen, Fehldiagnosen und anhaltenden Schmerzen geprägt sind.[1]

Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Betroffene eine zentrale Frage: Welche Behandlungsoptionen gibt es und was hilft wirklich? Genau hier rückt in den letzten Jahren ein Ansatz stärker in den Fokus, der lange außerhalb der klassischen Medizin stand: die Therapie mit medizinischem Cannabis.

In diesem Artikel geht es darum, was Endometriose genau ist, warum die Behandlung oft so schwierig ist – und weshalb medizinisches Cannabis zunehmend als Therapieoption diskutiert wird.

Was ist Endometriose?

Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst – etwa im Bauchraum oder an Organen wie Eierstöcken oder Darm. Dieses Gewebe reagiert auf den Menstruationszyklus, baut sich auf und wird wieder abgestoßen. Anders als bei der Periode kann es den Körper jedoch nicht verlassen. Die Folge sind Entzündungen, die Schmerzen und Verwachsungen verursachen können.

Die Endometriose-Beschwerden sind vielfältig und können sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, zum Beispiel durch:

  • starke Menstruationsschmerzen
  • chronische Unterbauch- oder Beckenschmerzen
  • Schmerzen beim Sex, beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang
  • Erschöpfung (Fatigue)
  • teilweise auch eingeschränkte Fruchtbarkeit

Was die Erkrankung besonders macht, ist ihre Komplexität. Schmerz entsteht hier nicht nur an einer Stelle, sondern durch ein Zusammenspiel aus Entzündung, Nervenreizung und hormonellen Prozessen. Genau das erschwert die Behandlung. Zwar gibt es verschiedene Therapieansätze – von hormonellen Behandlungen über Operationen bis hin zu Schmerzmedikation –, doch viele Betroffene berichten, dass diese nicht ausreichen oder mit Nebenwirkungen verbunden sind. Studien zeigen, dass Schmerzen oft bestehen bleiben oder zurückkehren.[2]

„Ungefähr 75 % aller Patient:innen brauchen eine Self-Management-Strategie. Endometriose hat sehr komplexe Symptome Layers – also körperliche, seelische und soziale Aspekte. Viele Frauen empfinden die aktuellen Therapiemöglichkeiten daher als nicht ausreichend“, so Dr. Shabnam Sarshar, Consultant Women’s Health & Cannabinoid Therapeutics, im Gespräch mit avaay Medical.

Vor diesem Hintergrund rückt eine Option stärker in den Fokus, die lange außerhalb der klassischen Medizin lag: die Nutzung von Cannabis auf Rezept.

Cannabis bei Endometriose: Patientinnen nutzen es inoffiziell längst

Auch wenn die Möglichkeiten einer Cannabis-Therapie für Patient:innen mit Endometriose noch nicht lange diskutiert werden, ist Cannabis längst im Alltag vieler Betroffener angekommen.

Eine große Befragung im deutschsprachigen Raum zeigt: 17 Prozent der Teilnehmer:innen nutzen Cannabis zur Selbstbehandlung von Endometriose.[3]

Dabei ist weniger die Zahl bemerkenswert als die Bewertung:

  • durchschnittliche Wirksamkeit: 7,6 von 10 Punkten
  • deutliche Verbesserungen bei Schlaf (91 %), Menstruationsschmerz (90 %) und chronischem Schmerz (80 %)
  • rund 90 Prozent berichten, weniger Schmerzmittel zu benötigen [3]

Diese Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres verallgemeinern. Aber sie markieren einen klaren Trend: Cannabis wird bereits gezielt zur Linderung von Endometriose-Beschwerden eingesetzt.

Auffällig ist zudem, wer es nutzt: Patientinnen mit stärkerer Symptomlast, häufig nach Jahren verschiedener Therapieversuche.[3]

Infografik mit dem Titel „Cannabis bei Endometriose“. In der Mitte ein Symbol aus Cannabisblatt und Medizinkoffer, von dem Pfeile zu fünf Aussagen führen: Cannabis kann Schmerzen lindern, den Schlaf verbessern und die Lebensqualität steigern, wirkt jedoch individuell unterschiedlich und dient eher als ergänzende Therapie, nicht als Ersatz bestehender Behandlungen.

Cannabis-Forschung: Wenn Erfahrung zu Daten wird

Lange beruhte vieles auf persönlichen Erfahrungen. Inzwischen versucht die Forschung, diese systematisch zu erfassen.

Eine Studie aus Neuseeland hat Endometriose-Patient:innen über drei Monate begleitet, die erstmals medizinisches Cannabis genutzt haben. Das Ergebnis: Viele hatten weniger Schmerzen und fühlten sich insgesamt besser im Alltag.[4]

Dabei zeigte sich aber auch: Cannabis wirkt nicht bei allen gleich.

  • Einige beschreiben die Wirkung als „lebensverändernd“
  • andere sagen, es hilft ihnen spürbar
  • bei manchen hat es keinen Effekt [4]

Was viele gemeinsam berichten: Es geht nicht nur um weniger Schmerz. Viele schlafen besser, fühlen sich ruhiger und kommen insgesamt besser durch den Alltag.[4]

Was die Studienlage insgesamt zeigt

Schaut man sich alle bisherigen Studien zusammen an, ergibt sich ein ähnliches Bild.

Viele Untersuchungen zeigen, dass Cannabis bei einem Teil der Betroffenen helfen kann – vor allem bei:

Auffällig ist auch: Viele Patientinnen berichten, dass sie durch Cannabis weniger andere Medikamente brauchen – darunter auch starke Schmerzmittel.[2]

Nebenwirkungen gibt es ebenfalls, aber meist eher mild:

  • Müdigkeit
  • trockener Mund
  • ein „High“-Gefühl

Je nach Studie berichten etwa 10 bis 52 Prozent davon.[2]

Was kann man daraus mitnehmen?

Die Studien zeigen kein einheitliches Ergebnis – aber eine klare Richtung:

  • Viele Betroffene profitieren – aber nicht alle.
  • Die Forschung steht noch am Anfang.

Oder einfacher gesagt: Medizinisches Cannabis könnte für manche Endocannabinoid-Patient:innen eine Hilfe sein, ist aber keine universelle Lösung oder ein Heilmittel.

Das Endocannabinoid-System: Warum Cannabis überhaupt bei Endometriose helfen könnte

Dass Cannabis in diesem Kontext relevant ist, liegt auch an seiner biologischen Wirkung.

Die Hauptwirkstoffe Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol interagieren mit dem Endocannabinoid-System – einem Netzwerk, das an Schmerzverarbeitung, Entzündung und neuronaler Regulation beteiligt ist.

Bei Endometriose gibt es Hinweise darauf, dass dieses System verändert ist. Cannabinoide könnten hier eingreifen, etwa indem sie:

  • Schmerzsignalübertragung hemmen
  • entzündliche Prozesse modulieren
  • neuronale Sensibilisierung beeinflussen [2]

Diese Mechanismen sind wissenschaftlich plausibel und bilden die Grundlage für die aktuelle Forschung.

Cannabinoid-Therapie bei Endometriose: eine offizielle Therapieoption

Für Aufmerksamkeit in der medizinischen Praxis sorgte 2025 vor allem ein Schritt: In der ärztlichen Leitlinie zur Endometriose wurde medizinisches Cannabis erstmals als mögliche Therapieoption aufgenommen.

Die sogenannte S2k-Leitlinie dient Ärzt:innen als zentrale Orientierung für Diagnose und Therapie. In der aktuellen Version wird Cannabis als individueller Therapieversuch bei Patientinnen über 25 Jahren mit chronischen Schmerzen genannt – insbesondere dann, wenn etablierte Behandlungen nicht ausreichend wirken. Damit findet erstmals auch offiziell Eingang in die Versorgung, was viele Betroffene schon länger berichten: dass Cannabis ihre Beschwerden lindern kann.[5]

„Die Aufnahme in die Leitlinie ist ein wichtiger Schritt für mehr Sichtbarkeit und bessere Behandlungsoptionen. Sie gibt sowohl Patientinnen als auch Ärzt:innen mehr Orientierung im Umgang mit Cannabisarzneimitteln und schafft eine Grundlage für fundierte Aufklärung“, sagt Adele Hollmann, wissenschaftliche Expertin des Berliner Cannabisunternehmens Sanity Group.

Wer verschreibt Cannabis auf Rezept bei Endometriose?

Bei Endometriose können zum Beispiel Gynäkolog:innen (Frauenärzt:innen) und Schmerztherapeut:innen Cannabis verschreiben.

Grundsätzlich dürfen in Deutschland alle approbierten Ärzt:innen (außer Zahn- und Tierärzt:innen) medizinisches Cannabis auf Rezept verordnen – vorausgesetzt, andere Therapien helfen nicht ausreichend und es liegt eine entsprechende Indikation vor.

Ergänzend dazu gibt es inzwischen auch Telemedizin-Plattformen, die sich auf Cannabis-Therapien spezialisiert haben. Beispiele sind GETKONG und soos. Für viele kann das eine unkomplizierte Option sein, besonders wenn Facharzttermine lange auf sich warten lassen oder bei der eigenen Ärztin oder dem eigenen Arzt vor Ort wenig Erfahrung mit Cannabistherapien vorhanden ist.

Wichtig bleibt aber: Die Entscheidung, ob eine Cannabis-Therapie infrage kommt, trifft auch bei einer Telemedizin-Plattform immer eine Ärztin oder ein Arzt nach individueller Prüfung.

THC und CBD bei Endometriose: Eine Therapie im Übergang

Was sich derzeit abzeichnet, ist keine endgültige Antwort, sondern eine Bewegung:

  • Patientinnen berichten von Nutzen
  • erste Studien zeigen konsistente Tendenzen
  • Leitlinien öffnen sich vorsichtig

Gleichzeitig fehlen noch:

  • große kontrollierte Studien
  • standardisierte Dosierungen
  • belastbare Langzeitdaten [2]

Doch diese Lücken sind Teil eines Prozesses, nicht sein Gegenargument.

Endometriose mit Cannabis behandeln: Aussicht auf mehr Lebensqualität?

Dass Cannabis bei Endometriose für manche Betroffene eine spürbare Erleichterung bringen kann, gilt inzwischen als belegt. Die entscheidendere Frage ist eine andere: welchen Platz die Therapie mit medizinischem Cannabis langfristig in der Behandlung einnehmen wird.

Denn Medizinal-Cannabis steht exemplarisch für ein größeres Thema. Für den Versuch, Erkrankungen zu behandeln, die sich Standard-Therapien entzieht – und für eine Medizin, die beginnt, Erfahrungen von Patient:innen stärker einzubeziehen. Zwischen individuellen Erfolgen, vorsichtiger wissenschaftlicher Annäherung und ersten Schritten in Leitlinien entsteht so ein neues Verständnis von Therapie: weniger standardisiert, stärker personalisiert.

Ob Cannabis dabei zu einer festen Größe wird, ist noch offen. Dass es die Perspektive auf Endometriose verändert hat, hingegen nicht.


FAQ

Die genaue Ursache von Endometriose ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es gibt aber mehrere wissenschaftliche Erklärungsansätze, die wahrscheinlich zusammenwirken. Die bekannteste Theorie ist die sogenannte „retrograde Menstruation“: Dabei fließt Menstruationsblut nicht nur nach außen ab, sondern teilweise auch durch die Eileiter zurück in den Bauchraum. Dort können sich Zellen der Gebärmutterschleimhaut ansiedeln und weiterwachsen. Allerdings passiert das bei vielen Frauen – ohne dass sie Endometriose entwickeln. Das allein erklärt die Erkrankung also nicht. Deshalb gehen Forschende heute davon aus, dass mehrere Faktoren beteiligt sind: Immunsystem: Der Körper erkennt die versprengten Zellen nicht richtig oder baut sie nicht ab Hormone (v. a. Östrogen): fördern das Wachstum des Gewebes Genetische Veranlagung: Endometriose tritt familiär gehäuft auf Entzündungsprozesse: verstärken Schmerzen und Krankheitsverlauf Zellveränderungen: Zellen könnten sich außerhalb der Gebärmutter „umwandeln“ Kurz gesagt: Endometriose entsteht wahrscheinlich nicht durch eine einzelne Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel aus hormonellen, immunologischen und genetischen Faktoren. 
Studien geben erste Hinweise darauf, dass auch CBD allein bei manchen Betroffenen spürbar helfen kann. In einer aktuellen Beobachtungsstudie berichteten Patientinnen, die ausschließlich CBD-Öl einnahmen, von weniger Schmerzen und einer besseren Lebensqualität über mehrere Wochen hinweg.[4] Besonders häufig genannt wurden Effekte wie besserer Schlaf, weniger innere Anspannung und ein insgesamt stabileres Wohlbefinden. Gleichzeitig zeigt die Forschung auch: CBD wirkt nicht bei allen gleich – und oft wird Cannabis in der Praxis nicht isoliert, sondern in Kombination mit anderen Wirkstoffen eingesetzt. Viele Studien untersuchen gemischte Produkte aus CBD und THC, sodass sich schwer sagen lässt, wie stark der Effekt von CBD allein ist.[2] Am ehesten lässt sich derzeit festhalten: CBD kann ein sinnvoller, vergleichsweise sanfter Baustein im Umgang mit Endometriose sein – ob es allein ausreicht, hängt jedoch stark vom individuellen Beschwerdebild ab. 
Ja, es gibt Hinweise darauf, dass Cannabis bei Unterleibsschmerzen (z. B. bei Endometriose) helfen kann. Mehrere Studien zeigen, dass viele Betroffene eine Verbesserung von Beckenschmerzen berichten: In einer Übersichtsarbeit wurde festgestellt, dass Cannabis in vielen Fällen mit einer Reduktion endometriosebedingter Schmerzen verbunden ist, auch wenn die Daten noch überwiegend auf Selbstberichten beruhen.[2] Kurz gesagt: Cannabis kann Unterleibsschmerzen bei manchen Menschen lindern – aber die Forschung ist noch nicht weit genug, um das eindeutig für alle zu bestätigen. 

Quellen

[1] Techniker Krankenkasse. (2025, 17. März). Diagnose Endometriose: Ein langer Weg zur richtigen Diagnose. https://www.tk.de/presse/themen/medizinische-versorgung/ambulante-versorgung/information-endometriose-niedersachsen-2193108?tkcm=ab

[2] McLaren, K., Erridge, S., & Sodergren, M. H. (2025). A scoping systematic review of cannabis use in endometriosis. Australian and New Zealand Journal of Obstetrics and Gynaecology.

[3] Jasinski, V., Voltolini Velho, R., Sehouli, J., & Mechsner, S. (2024). Cannabis use in endometriosis: The patients have their say—An online survey for German-speaking countries. Archives of Gynecology and Obstetrics, 310(5), 2673–2680.

[4] Henry, C., Cooper, L., Adler, H., Sinclair, J., & McCallum, L. (2026). Perceived impact of medicinal cannabis on pelvic pain and endometriosis-related symptoms in Aotearoa New Zealand: An observational cohort study. BMC Complementary Medicine and Therapies, 26, Article 60.

[5] Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG), & Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG). (2025). Diagnostik und Therapie der Endometriose (S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/045, Stand März 2025). https://www.endometriose-vereinigung.de/wp-content/uploads/2025/06/015-045l_S2k_Diagnostik_Therapie_Endometriose_2025-06.pdf

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