Endometriose gehört zu den häufigsten, aber am wenigsten verstandenen chronischen Erkrankungen. Viele Betroffene kämpfen über Jahre mit Schmerzen, bevor sie überhaupt eine Diagnose erhalten – und auch danach bleibt die Behandlung oft unbefriedigend. In den letzten Jahren rückt deshalb eine Endometriose-Therapie stärker in den Fokus, die lange außerhalb der klassischen Medizin stand: medizinisches Cannabis. Doch was sagt die Forschung dazu und für wen kann diese Alternative tatsächlich sinnvoll sein?
Es sind oft Sätze, die beiläufig fallen. Dass der Schmerz „schon wieder da“ sei. Dass man „sich daran gewöhnt“ habe. Dass es „halt so ist“. Wer mit Endometriose lebt, kennt diese Form der Normalisierung. Sie ist weniger Ausdruck von Resilienz als vielmehr Anpassung – an einen Zustand, der sich kaum kontrollieren lässt, an Schmerzen, die im Alltag oft relativiert oder in ihrer Intensität sogar infrage gestellt werden.
Dabei ist die Erkrankung alles andere als selten: Schätzungen zufolge sind etwa 10–15 % der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen – darunter auch trans- und nicht-binäre Personen. Und doch bleibt Endometriose häufig lange unerkannt. Im Durchschnitt vergehen rund siebeneinhalb Jahre bis zur Diagnose – Jahre, die für viele von Unsicherheit, wiederholten Arztbesuchen, Fehldiagnosen und anhaltenden Schmerzen geprägt sind.[1]
Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Betroffene eine zentrale Frage: Welche Behandlungsoptionen gibt es und was hilft wirklich? Genau hier rückt in den letzten Jahren ein Ansatz stärker in den Fokus, der lange außerhalb der klassischen Medizin stand: die Therapie mit medizinischem Cannabis.
In diesem Artikel geht es darum, was Endometriose genau ist, warum die Behandlung oft so schwierig ist – und weshalb medizinisches Cannabis zunehmend als Therapieoption diskutiert wird.
Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst – etwa im Bauchraum oder an Organen wie Eierstöcken oder Darm. Dieses Gewebe reagiert auf den Menstruationszyklus, baut sich auf und wird wieder abgestoßen. Anders als bei der Periode kann es den Körper jedoch nicht verlassen. Die Folge sind Entzündungen, die Schmerzen und Verwachsungen verursachen können.
Die Endometriose-Beschwerden sind vielfältig und können sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, zum Beispiel durch:
Was die Erkrankung besonders macht, ist ihre Komplexität. Schmerz entsteht hier nicht nur an einer Stelle, sondern durch ein Zusammenspiel aus Entzündung, Nervenreizung und hormonellen Prozessen. Genau das erschwert die Behandlung. Zwar gibt es verschiedene Therapieansätze – von hormonellen Behandlungen über Operationen bis hin zu Schmerzmedikation –, doch viele Betroffene berichten, dass diese nicht ausreichen oder mit Nebenwirkungen verbunden sind. Studien zeigen, dass Schmerzen oft bestehen bleiben oder zurückkehren.[2]
„Ungefähr 75 % aller Patient:innen brauchen eine Self-Management-Strategie. Endometriose hat sehr komplexe Symptome Layers – also körperliche, seelische und soziale Aspekte. Viele Frauen empfinden die aktuellen Therapiemöglichkeiten daher als nicht ausreichend“, so Dr. Shabnam Sarshar, Consultant Women’s Health & Cannabinoid Therapeutics, im Gespräch mit avaay Medical.
Vor diesem Hintergrund rückt eine Option stärker in den Fokus, die lange außerhalb der klassischen Medizin lag: die Nutzung von Cannabis auf Rezept.
Auch wenn die Möglichkeiten einer Cannabis-Therapie für Patient:innen mit Endometriose noch nicht lange diskutiert werden, ist Cannabis längst im Alltag vieler Betroffener angekommen.
Eine große Befragung im deutschsprachigen Raum zeigt: 17 Prozent der Teilnehmer:innen nutzen Cannabis zur Selbstbehandlung von Endometriose.[3]
Dabei ist weniger die Zahl bemerkenswert als die Bewertung:
Diese Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres verallgemeinern. Aber sie markieren einen klaren Trend: Cannabis wird bereits gezielt zur Linderung von Endometriose-Beschwerden eingesetzt.
Auffällig ist zudem, wer es nutzt: Patientinnen mit stärkerer Symptomlast, häufig nach Jahren verschiedener Therapieversuche.[3]

Lange beruhte vieles auf persönlichen Erfahrungen. Inzwischen versucht die Forschung, diese systematisch zu erfassen.
Eine Studie aus Neuseeland hat Endometriose-Patient:innen über drei Monate begleitet, die erstmals medizinisches Cannabis genutzt haben. Das Ergebnis: Viele hatten weniger Schmerzen und fühlten sich insgesamt besser im Alltag.[4]
Dabei zeigte sich aber auch: Cannabis wirkt nicht bei allen gleich.
Was viele gemeinsam berichten: Es geht nicht nur um weniger Schmerz. Viele schlafen besser, fühlen sich ruhiger und kommen insgesamt besser durch den Alltag.[4]
Schaut man sich alle bisherigen Studien zusammen an, ergibt sich ein ähnliches Bild.
Viele Untersuchungen zeigen, dass Cannabis bei einem Teil der Betroffenen helfen kann – vor allem bei:
Auffällig ist auch: Viele Patientinnen berichten, dass sie durch Cannabis weniger andere Medikamente brauchen – darunter auch starke Schmerzmittel.[2]
Nebenwirkungen gibt es ebenfalls, aber meist eher mild:
Je nach Studie berichten etwa 10 bis 52 Prozent davon.[2]
Die Studien zeigen kein einheitliches Ergebnis – aber eine klare Richtung:
Oder einfacher gesagt: Medizinisches Cannabis könnte für manche Endocannabinoid-Patient:innen eine Hilfe sein, ist aber keine universelle Lösung oder ein Heilmittel.
Dass Cannabis in diesem Kontext relevant ist, liegt auch an seiner biologischen Wirkung.
Die Hauptwirkstoffe Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol interagieren mit dem Endocannabinoid-System – einem Netzwerk, das an Schmerzverarbeitung, Entzündung und neuronaler Regulation beteiligt ist.
Bei Endometriose gibt es Hinweise darauf, dass dieses System verändert ist. Cannabinoide könnten hier eingreifen, etwa indem sie:
Diese Mechanismen sind wissenschaftlich plausibel und bilden die Grundlage für die aktuelle Forschung.
Für Aufmerksamkeit in der medizinischen Praxis sorgte 2025 vor allem ein Schritt: In der ärztlichen Leitlinie zur Endometriose wurde medizinisches Cannabis erstmals als mögliche Therapieoption aufgenommen.
Die sogenannte S2k-Leitlinie dient Ärzt:innen als zentrale Orientierung für Diagnose und Therapie. In der aktuellen Version wird Cannabis als individueller Therapieversuch bei Patientinnen über 25 Jahren mit chronischen Schmerzen genannt – insbesondere dann, wenn etablierte Behandlungen nicht ausreichend wirken. Damit findet erstmals auch offiziell Eingang in die Versorgung, was viele Betroffene schon länger berichten: dass Cannabis ihre Beschwerden lindern kann.[5]
„Die Aufnahme in die Leitlinie ist ein wichtiger Schritt für mehr Sichtbarkeit und bessere Behandlungsoptionen. Sie gibt sowohl Patientinnen als auch Ärzt:innen mehr Orientierung im Umgang mit Cannabisarzneimitteln und schafft eine Grundlage für fundierte Aufklärung“, sagt Adele Hollmann, wissenschaftliche Expertin des Berliner Cannabisunternehmens Sanity Group.
Bei Endometriose können zum Beispiel Gynäkolog:innen (Frauenärzt:innen) und Schmerztherapeut:innen Cannabis verschreiben.
Grundsätzlich dürfen in Deutschland alle approbierten Ärzt:innen (außer Zahn- und Tierärzt:innen) medizinisches Cannabis auf Rezept verordnen – vorausgesetzt, andere Therapien helfen nicht ausreichend und es liegt eine entsprechende Indikation vor.
Ergänzend dazu gibt es inzwischen auch Telemedizin-Plattformen, die sich auf Cannabis-Therapien spezialisiert haben. Beispiele sind GETKONG und soos. Für viele kann das eine unkomplizierte Option sein, besonders wenn Facharzttermine lange auf sich warten lassen oder bei der eigenen Ärztin oder dem eigenen Arzt vor Ort wenig Erfahrung mit Cannabistherapien vorhanden ist.
Wichtig bleibt aber: Die Entscheidung, ob eine Cannabis-Therapie infrage kommt, trifft auch bei einer Telemedizin-Plattform immer eine Ärztin oder ein Arzt nach individueller Prüfung.
Was sich derzeit abzeichnet, ist keine endgültige Antwort, sondern eine Bewegung:
Gleichzeitig fehlen noch:
Doch diese Lücken sind Teil eines Prozesses, nicht sein Gegenargument.
Dass Cannabis bei Endometriose für manche Betroffene eine spürbare Erleichterung bringen kann, gilt inzwischen als belegt. Die entscheidendere Frage ist eine andere: welchen Platz die Therapie mit medizinischem Cannabis langfristig in der Behandlung einnehmen wird.
Denn Medizinal-Cannabis steht exemplarisch für ein größeres Thema. Für den Versuch, Erkrankungen zu behandeln, die sich Standard-Therapien entzieht – und für eine Medizin, die beginnt, Erfahrungen von Patient:innen stärker einzubeziehen. Zwischen individuellen Erfolgen, vorsichtiger wissenschaftlicher Annäherung und ersten Schritten in Leitlinien entsteht so ein neues Verständnis von Therapie: weniger standardisiert, stärker personalisiert.
Ob Cannabis dabei zu einer festen Größe wird, ist noch offen. Dass es die Perspektive auf Endometriose verändert hat, hingegen nicht.
[1] Techniker Krankenkasse. (2025, 17. März). Diagnose Endometriose: Ein langer Weg zur richtigen Diagnose. https://www.tk.de/presse/themen/medizinische-versorgung/ambulante-versorgung/information-endometriose-niedersachsen-2193108?tkcm=ab
[2] McLaren, K., Erridge, S., & Sodergren, M. H. (2025). A scoping systematic review of cannabis use in endometriosis. Australian and New Zealand Journal of Obstetrics and Gynaecology.
[3] Jasinski, V., Voltolini Velho, R., Sehouli, J., & Mechsner, S. (2024). Cannabis use in endometriosis: The patients have their say—An online survey for German-speaking countries. Archives of Gynecology and Obstetrics, 310(5), 2673–2680.
[4] Henry, C., Cooper, L., Adler, H., Sinclair, J., & McCallum, L. (2026). Perceived impact of medicinal cannabis on pelvic pain and endometriosis-related symptoms in Aotearoa New Zealand: An observational cohort study. BMC Complementary Medicine and Therapies, 26, Article 60.
[5] Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG), & Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG). (2025). Diagnostik und Therapie der Endometriose (S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/045, Stand März 2025). https://www.endometriose-vereinigung.de/wp-content/uploads/2025/06/015-045l_S2k_Diagnostik_Therapie_Endometriose_2025-06.pdf