Kann Cannabis bei Multipler Sklerose helfen? Dieser Beitrag ordnet die Studienlage ein, erklärt, welche Cannabisprodukte es gibt, und zeigt, wie der Weg zu einem Cannabisrezept in Deutschland heute aussehen kann.

Multiple Sklerose, kurz MS, ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, mit der weltweit rund 2,3 Millionen Menschen leben. Bei MS greift das eigene Immunsystem das Myelin an – die Schutzschicht, die die Nervenfasern umgibt und für eine reibungslose Signalübertragung sorgt. Ist sie beschädigt, kommen die Signale zwischen Gehirn und Körper nur noch gestört an. Daraus entstehen Beschwerden wie Spastik (eine krankhaft erhöhte Muskelspannung mit Steifheit und Krämpfen), Schmerzen, Zittern, Blasenfunktionsstörungen und teils auch Gedächtnisprobleme. So fasst es eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 zusammen, die zahlreiche Einzelstudien zu diesem Thema ausgewertet hat [1].
Da MS bislang nicht heilbar ist, zielt die Therapie vor allem darauf, die Symptome zu lindern und den Alltag zu erleichtern. In diesem Zusammenhang greifen viele Betroffene zu Cannabis. Die internationale Forschungsorganisation Cochrane, die weltweit medizinische Studien systematisch auswertet, hält fest, dass Menschen mit Multipler Sklerose Cannabis häufig zur Linderung ihrer Symptome nutzen [2].

Die Cannabispflanze (Cannabis sativa) enthält rund 100 Wirkstoffe, die sogenannten Cannabinoide. Die beiden bekanntesten sind THC und CBD (Cannabidiol) [1]. THC wirkt psychoaktiv und kann einen Rausch auslösen, CBD dagegen nicht. Beide docken an das körpereigene Endocannabinoid-System an, zu dem die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 gehören [1]. Dieses System ist nicht nur für den Rausch zuständig, sondern an der Steuerung von Körperfunktionen wie der Schmerzverarbeitung beteiligt – genau deshalb kann ein Einfluss auf dieses System überhaupt MS-Beschwerden lindern [1]. THC wirkt vor allem über den CB1-Rezeptor, worüber sowohl die berauschende als auch ein Teil der therapeutischen Wirkung vermittelt wird; CBD bindet nach heutigem Verständnis anders und ist nicht berauschend [1].
Unser Tipp: Mehr zum Thema erfährst du in unserem Artikel "Therapie im Rausch – Wie das Cannabis-High die Wirkung beeinflussen kann".
Am besten untersucht ist der Einsatz von Cannabis bei MS gegen die Spastik – die krankhaft erhöhte Muskelspannung, die bei vielen Betroffenen zu Steifheit und Krämpfen führt. Ein Beispiel ist die britische MUSEC-Studie. Darin erhielt eine Gruppe von MS-Patient:innen ein Cannabis-Extrakt zum Einnehmen, eine andere ein wirkstofffreies Scheinmedikament (Placebo). In solchen placebokontrollierten Doppelblindstudien wissen weder Patient:innen noch Ärzte, wer den echten Wirkstoff bekommt – das macht die Ergebnisse besonders belastbar. Nach zwölf Wochen berichteten unter dem Cannabis-Extrakt fast doppelt so viele Teilnehmende über weniger Muskelsteifheit wie unter dem Scheinmedikament (etwa 29 gegenüber 16 Prozent) [3].
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine größere Studie mit mehr als 500 Teilnehmenden, die das Mundspray Sativex bei Menschen untersuchte, deren Spastik sich mit den üblichen Medikamenten nicht ausreichend bessern ließ. Wer das Spray zusätzlich anwendete, war deutlich weniger von Spastik betroffen als die Placebo-Gruppe – der Unterschied war so ausgeprägt, dass er sich nicht mit Zufall erklären lässt [4]. Auch Muskelkrämpfe und die Schlafqualität besserten sich [4].
Diese Einzelbefunde decken sich mit einer umfassenden Auswertung eines Expertengremiums der amerikanischen Neurologen-Vereinigung (American Academy of Neurology). Nach Sichtung der verfügbaren Studien kommt es zu dem Schluss, dass Cannabis-Extrakt zum Einnehmen die von Patient:innen empfundene Spastik lindern kann und dass auch Sativex sowie reines THC wirksam sein können [5]. Die Übersichtsarbeit von 2022 zieht ein ähnliches Fazit: Cannabis könnte vor allem bei Schmerzen und Spastik – den häufigsten Beschwerden bei MS – unterstützen [1].
Bei Schmerzen, etwa schmerzhaften Muskelkrämpfen, kann Cannabis-Extrakt laut dem amerikanischen Expertengremium ebenfalls Linderung bringen; THC und Sativex gelten hier als wahrscheinlich wirksam [5]. Bei Zittern (Tremor) zeigten THC und Cannabis-Extrakt dagegen wahrscheinlich keinen Nutzen [5]. Auch für Schlafprobleme ließen die Studien keine eindeutige Aussage zu [1]. Je weiter man sich von Spastik und Schmerzen entfernt, desto dünner und uneinheitlicher wird die Studienlage [1].
Viele Menschen fragen gezielt nach CBD, weil es nicht berauschend ist. Wichtig ist die Einordnung: Die belastbaren Studienergebnisse zur Symptomwirkung bei MS beziehen sich fast immer auf THC oder auf eine feste Mischung aus THC und CBD – nicht auf reines CBD [1]. Das für MS zugelassene Spray Sativex etwa enthält THC und CBD im Verhältnis 1:1 [1].
Reinem CBD werden dennoch eine Reihe eigener pharmakologischer Eigenschaften zugeschrieben. Eine Fachpublikation aus dem Jahr 2018, die sich speziell mit CBD und der Beweglichkeit von Menschen mit MS befasst, beschreibt CBD als entzündungshemmend, antioxidativ, gegen Übelkeit wirkend, antipsychotisch und nervenschützend (neuroprotektiv) [6]. Gerade der entzündungshemmende und nervenschützende Charakter ist bei einer entzündlichen Erkrankung des Nervensystems wie MS von Interesse [6].
Auch das Sicherheitsprofil spricht diese Publikation an. Sie verweist auf eine Auswertung von 132 Studien, wonach CBD selbst in hohen Dosen von bis zu 1.500 mg pro Tag und bei dauerhafter Einnahme wiederholt gut vertragen wurde, ohne Herzfrequenz, Blutdruck oder Körpertemperatur wesentlich zu verändern [6]. Schwerwiegende Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten wurden bei CBD bislang nicht beobachtet [6].
Aufschlussreich ist das Zusammenspiel mit THC: Es gibt Hinweise, dass CBD einige der unerwünschten Effekte von THC – etwa Gedächtnisstörungen, Angst oder rauschartige Zustände – abmildern und zugleich dessen positive therapeutische Wirkung verstärken kann [6]. Das erklärt, warum Cannabispräparate bei MS häufig THC und CBD kombinieren, statt allein auf einen der beiden Stoffe zu setzen. Dieselben Autor:innen regen an, den Einfluss von CBD auf die Beweglichkeit von MS-Betroffenen gezielt zu untersuchen – ein gesicherter Beleg für einen konkreten Nutzen bei der Mobilität steht damit allerdings noch aus [6].
Über die reine Symptomlinderung hinaus richtet sich die Forschung zunehmend auf einen möglichen krankheitsmodifizierenden Ansatz. Eine Übersichtsarbeit von 2024 hält fest, dass Cannabinoide Potenzial für Nervenschutz, Entzündungshemmung und die Regulierung des Immunsystems zeigen und damit womöglich mehr sein könnten als eine rein symptomatische Behandlung [7]. Die Autor:innen betonen jedoch ausdrücklich, dass es sich bislang um einen Forschungsansatz handelt und weitere Studien nötig sind, bevor sich daraus Empfehlungen ableiten lassen [7].
Unterm Strich gilt: Reines CBD wurde bei MS bislang kaum isoliert in großen kontrollierten Studien geprüft; die dokumentierte Wirkung bei Spastik und Schmerzen beruht auf der Kombination mit THC [1]. Von reinem CBD sollte man bei MS-Symptomen daher aktuell keine starke, gesicherte Wirkung erwarten – auch wenn die guten Verträglichkeitsdaten und die entzündungshemmenden Eigenschaften es zu einem interessanten Gegenstand weiterer Forschung machen [6].
In Deutschland steckt hinter dem Begriff „medizinisches Cannabis“ (auch Medizinalcannabis) mehr als ein einzelnes Produkt. Dazu zählen Cannabisblüten, Extrakte (Öle) und einige Fertigarzneimittel. Bei MS stehen im Wesentlichen diese Möglichkeiten zur Verfügung [8].
Eine pauschale Antwort gibt es nicht – das hängt vom jeweiligen Symptom, vom gewünschten THC- und CBD-Gehalt und von der persönlichen Situation ab [8]. Aus einer deutschen Erhebung geht hervor, dass bei MS vor allem Cannabisblüten und Dronabinol verordnet werden; Cannabisextrakt kommt nur selten zum Einsatz [8]. Eine Auswertung des Registers der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft zeigt außerdem, dass die meisten Menschen, die Sativex nutzen, unter Spastik leiden und insgesamt eine weiter fortgeschrittene MS haben [8].
Der Zugang zu medizinischem Cannabis hat sich in Deutschland mehrfach verändert. Seit dem 1. April 2024 dürfen Ärztinnen und Ärzte medizinisches Cannabis per elektronischem Rezept verschreiben, und die Verordnung fällt nicht mehr unter das strenge Betäubungsmittelgesetz [8]. Bei MS wird es vor allem gegen die Spastik und weitere Symptome eingesetzt [8]. Zum 30. Juli 2026 hat sich für gesetzlich Versicherte jedoch Wesentliches geändert (GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz): Cannabisblüten sind nicht mehr Teil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung und damit nicht mehr auf Kassenrezept verordnungsfähig – auch nicht bei bereits bestehender Genehmigung [11]. Erstattet werden künftig ausschließlich Dronabinol, Nabilon sowie standardisierte Extrakte – jeweils gebunden an eine schwerwiegende Erkrankung und die weiteren Vorgaben des § 31 Abs. 6 SGB V. [11].
Neu ist auch die Therapiereihenfolge: Eine Cannabistherapie zulasten der Kasse muss mit einem zugelassenen Fertigarzneimittel in einem sechsmonatigen Therapieversuch beginnen [11]. Für Menschen mit MS ist das relevant, weil mit Sativex ein solches zugelassenes Fertigarzneimittel zur Verfügung steht. Wer bisher Cannabisblüten auf Kassenrezept bezogen hat, sollte die weitere Behandlung deshalb frühzeitig ärztlich besprechen. Grundsätzlich gilt, dass Nutzen und Risiken von Cannabis auf Rezept im Einzelfall gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgewogen werden sollten [8].
Wie jedes Medikament hat auch Cannabis Nebenwirkungen. Am häufigsten berichten Anwender:innen von Schwindel, einem trockenen Mund und Müdigkeit [1]. Schwere seelische Nebenwirkungen sind selten: Das amerikanische Expertengremium beziffert dieses Risiko auf knapp ein Prozent [5].
Besonders wichtig ist ein anderer Punkt. In einer Untersuchung mit 847 MS-Patient:innen schnitten diejenigen, die Cannabis nutzten, bei Denktempo und Merkfähigkeit schlechter ab [9]. Eine kanadische Studie mit Hirn-Aufnahmen (MRT) fand zusätzlich Hinweise darauf, dass Cannabiskonsum bei MS mit stärkeren Denkproblemen einhergeht, die auch mit sichtbaren Veränderungen im Gehirn zusammenhängen [10]. Dem möglichen Nutzen bei Spastik und Schmerzen stehen also auch Risiken gegenüber, die man persönlich abwägen muss.
Am ehesten kann Cannabis bei MS gegen zwei Beschwerden helfen: Spastik und Schmerzen. Bei der Spastik kann Cannabis-Extrakt Linderung bringen, Sativex und THC gelten als wahrscheinlich wirksam [5] – gestützt durch die MUSEC-Studie und die große Sativex-Studie [3][4]. Bei anderen Symptomen ist die Beweislage schwächer oder uneinheitlich [1]. Zugleich sind Nebenwirkungen und mögliche Auswirkungen auf die Denkleistung zu bedenken [5][9]. In Deutschland ist der Weg zum Rezept seit April 2024 einfacher geworden [8]; für gesetzlich Versicherte gelten seit dem 30. Juli 2026 allerdings neue Einschränkungen, etwa bei Cannabisblüten [11]. Ob Cannabis die eigene MS-Therapie sinnvoll ergänzt, entscheidet man am besten gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt [8]
Reines CBD ist bei MS kaum in großen Studien untersucht – die dokumentierte Wirkung stammt aus Kombipräparaten mit THC, nicht aus CBD allein [1]. CBD gilt als gut verträglich und wird als entzündungshemmend beschrieben [6], ein gesicherter Nutzen von reinem CBD gegen MS-Symptome lässt sich daraus aber nicht ableiten [1].
Am häufigsten wird Cannabis bei Spastik erwogen, wo die Studienlage am ehesten auf einen möglichen Nutzen hindeutet [3][4][5], sowie bei Schmerzen [5]. Da MS nicht heilbar ist und die Therapie auf die Symptome zielt, ziehen manche Betroffene Cannabis ergänzend in Betracht, wenn andere Mittel nicht ausreichen [2][8]
[1] Haddad, F., Dokmak, G., & Karaman, R. (2022). The efficacy of cannabis on multiple sclerosis-related symptoms. Life, 12(5), 682.
[2] Filippini, G., Lasserson, T. J., Dwan, K., D'Amico, R., Borrelli, F., Izzo, A. A., & Minozzi, S. (2019). Cannabis and cannabinoids for people with multiple sclerosis. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2019(10), Art. No. CD013444.
[3] Zajicek, J. P., Hobart, J. C., Slade, A., Barnes, D., & Mattison, P. G. (2012). Multiple Sclerosis and Extract of Cannabis: Results of the MUSEC trial. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry, 83(11), 1125–1132.
[4] Novotna, A., Mares, J., Ratcliffe, S., Novakova, I., Vachova, M., Zapletalova, O.,(2011). A randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, enriched-design study of nabiximols (Sativex), as add-on therapy, in subjects with refractory spasticity caused by multiple sclerosis. European Journal of Neurology, 18(9), 1122–1131.
[5] Koppel, B. S., Brust, J. C. M., Fife, T., Bronstein, J., Youssof, S., Gronseth, G., & Gloss, D. (2014).Systematic review: Efficacy and safety of medical marijuana in selected neurologic disorders. Report of the Guideline Development Subcommittee of the American Academy of Neurology. Neurology, 82(17), 1556–1563.
[6] Rudroff, T., & Sosnoff, J. (2018). Cannabidiol to improve mobility in people with multiple sclerosis. Frontiers in Neurology, 9, 183.
[7] Nouh, R. A., Kamal, A., Oyewole, O., Abbas, W. A., Abib, B., Omar, A., Mansour, S. T., & Abdelnaser, A. (2024). Unveiling the potential of cannabinoids in multiple sclerosis and the dawn of nano-cannabinoid medicine. Pharmaceutics, 16(2), 241.
[8] Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. (2024). Cannabishaltige Medikamente in der Therapie der Multiplen Sklerose: Eine aktuelle Auswertung des MS-Registers der DMSG. DMSG-Bundesverband e.V.
[9] Kever, A., Meza, C., & Feinstein, A. (2025). Cannabis and cognitive function in multiple sclerosis: Findings from a large consecutive clinical sample. European Journal of Neurology, 32(4), e70142.
[10] Romero, K., Pavisian, B., Staines, W. R., & Feinstein, A. (2015). Multiple sclerosis, cannabis, and cognition: A structural MRI study. NeuroImage: Clinical, 8, 140–147.
[11] Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz. (2026, 29. Juli). GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz: Direkte Auswirkungen auf den Arzneimittelsektor. https://www.kv-rlp.de/nachricht/gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz-direkte-auswirkungen-auf-den-arzneimittelsektor