Jennifer Meyer
|
April 14
|
4 min

Zwei Jahre Cannabisgesetz: Was die neuen Daten wirklich zeigen

Zwei Jahre nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes wird die Debatte um die Teillegalisierung nicht leiser – aber präziser. Mit dem zweiten Zwischenbericht zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN) liegen erstmals Daten vor, die nicht nur Meinungen bestätigen oder widerlegen, sondern vor allem eines ermöglichen: eine sachlichere Einordnung.


  • Mehr Daten, weniger Meinung: Die EKOCAN-Ergebnisse schaffen erstmals eine belastbare Grundlage für eine sachliche Bewertung der Teillegalisierung.
  • Kein Konsumanstieg: Weder bei Erwachsenen noch bei Jugendlichen zeigt sich ein sprunghafter Anstieg.
  • Schwarzmarkt teilweise zurückgedrängt: Ein Teil der Nachfrage verlagert sich in grundsätzlich legale Strukturen.
  • Legale Zugänge noch zu begrenzt: Anbauvereinigungen decken bisher nur einen kleinen Teil des Bedarfs.
  • Märkte hängen zusammen: Medizinischer und nicht-medizinischer Markt beeinflussen sich gegenseitig. Regulierung muss beides zusammendenken.

Für avaay Medical und die Sanity Group ist das ein entscheidender Moment. Denn wo lange spekuliert wurde, lassen sich Entwicklungen jetzt differenzierter einordnen. „Das Cannabisgesetz war ein wichtiger und überfälliger Paradigmenwechsel“, erklärt Finn Age Hänsel, Gründer und Geschäftsführer der Sanity Group zu der auch avaay Medical gehört. „Zwei Jahre später zeigt sich umso deutlicher, wie wichtig es ist, Regulierung nicht ideologisch, sondern auf Basis von Daten weiterzuentwickeln.“

Weniger Schwarzmarkt, kein Konsumboom

Eine der zentralen Fragen lautete von Beginn an: Führt Legalisierung automatisch zu mehr Cannabis-Konsum?

Die aktuellen Daten geben darauf eine überraschend klare Antwort. Der Konsum unter Erwachsenen bleibt weitgehend stabil. Bei Jugendlichen zeigt sich keine Zunahme – teilweise sogar ein Rückgang. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass sich die Nachfrage schrittweise aus dem illegalen in legale Strukturen verlagert.

Auch der Schwarzmarkt wurde zumindest teilweise zurückgedrängt. Das ist keine vollständige Verdrängung, aber ein messbarer Effekt – und damit ein wichtiger Hinweis darauf, dass Regulierung wirkt.

Infografik mit dem Titel „Effekte der Cannabis-Teillegalisierung“. Dargestellt sind drei zentrale Entwicklungen: Konsumstabilität (Konsum bei Erwachsenen und Jugendlichen bleibt stabil), Schwarzmarktreduktion (illegaler Markt wird teilweise zurückgedrängt) und legale Strukturen (Nachfrage verlagert sich zunehmend in legale Angebote).

Ein Markt, der zusammenhängt

Besonders spannend ist ein anderer Aspekt, der oft übersehen wird: Der Cannabismarkt funktioniert nicht in getrennten Bereichen. Medizinische Versorgung und Konsummarkt beeinflussen sich gegenseitig – stärker, als lange angenommen wurde.

Genau das zeigt auch der aktuelle Bericht. Der medizinische Markt trägt nicht nur zur Versorgung von Patient:innen bei, sondern spielt gleichzeitig eine Rolle bei der Reduktion illegaler Bezugsquellen. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn legale Zugänge begrenzt sind, entstehen Lücken – und diese werden weiterhin vom Schwarzmarkt gefüllt.

„Die Daten machen deutlich: Der Markt funktioniert nicht in voneinander getrennten Teilbereichen, sondern in wechselseitiger Abhängigkeit“, erklärt Finn Age Hänsel. „Wenn legale Zugänge eingeschränkt werden, verschwindet die Nachfrage nicht. Sie verlagert sich zurück in den illegalen Markt mit negativen Folgen für Gesundheitsschutz, Produktqualität und die Eindämmung illegaler Strukturen.“

Cannabis: Legale Zugänge bleiben begrenzt

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, warum diese Dynamik entsteht. Die legalen Zugangswege im Konsumbereich sind bislang noch klein.

Im Jahr 2025 konnten nur maximal 3,5 Prozent der Konsumierenden Cannabis über Anbauvereinigungen beziehen. Bundesweit wurden lediglich 366 dieser Vereinigungen genehmigt. Gleichzeitig wächst der Eigenanbau deutlich – von 5,4 Prozent im Jahr 2024 auf 21,4 Prozent im Jahr 2025.

Und dennoch bleibt der wichtigste Faktor bestehen: Der größte Teil des Konsums erfolgt weiterhin über informelle Wege. Der sogenannte „social supply“, also der Bezug über Freunde oder Bekannte, liegt bei 35,2 Prozent.

Das zeigt: Der legale Markt ist vorhanden, aber noch nicht stark genug, um die Nachfrage wirklich zu tragen.

Was jetzt wichtig wird

Für avaay Medical ergibt sich daraus eine klare Richtung. Es geht weniger darum, bestehende Regelungen reflexartig zu verschärfen, sondern sie sinnvoll weiterzuentwickeln.

Im Mittelpunkt steht dabei ein Ansatz, der beide Bereiche zusammendenkt: eine stabile, patientenorientierte Versorgung im medizinischen Bereich – und gleichzeitig ausreichend funktionierende legale Strukturen im Konsummarkt.

Ein möglicher nächster Schritt könnten wissenschaftlich begleitete Pilotprojekte sein. Ziel wäre eine kontrollierte Abgabe über spezialisierte Fachgeschäfte, die nicht nur den Zugang verbessern, sondern auch Qualität und Sicherheit gewährleisten. Entsprechende Anträge wurden bereits gestellt.

Warum Geduld entscheidend ist

Die aktuellen Ergebnisse sind Teil eines größeren Prozesses. Die Evaluation läuft weiter, weitere Studien, Auswertungen und eine Gesamtsynthese sind geplant. Der finale Abschlussbericht wird erst 2028 erwartet.

Gerade deshalb ist aus Sicht der Sanity Group Zurückhaltung gefragt, wenn es um neue politische Entscheidungen geht. „Zwei Jahre nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes ist klar: Die Reform verdient eine ernsthafte, wissenschaftlich fundierte Bewertung und keine vorschnelle politische Neujustierung“, so Hänsel. „Die Evaluation sollte, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, vollständig abgewartet werden, bevor weitreichende Schlussfolgerungen gezogen oder neue Einschränkungen beschlossen werden.“

Zwischenbilanz statt Urteil

Zwei Jahre nach der Reform zeigt sich vor allem eines: Das Cannabisgesetz ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein Prozess. Die ersten Effekte sind sichtbar, aber noch nicht abschließend zu bewerten.

Für avaay Medical bedeutet das auch: Die Zukunft der Cannabisregulierung wird nicht allein politisch entschieden, sondern zunehmend datenbasiert. Und genau darin liegt eine Chance – für eine Regulierung, die nicht auf Annahmen basiert, sondern auf dem, was tatsächlich funktioniert. Oder, anders gesagt: Der eigentliche Test beginnt jetzt.

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Quellen

Pressemitteilung zum 2. Zwischenbericht der Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN). https://www.uke.de/landingpage/ekocan/ver%C3%B6ffentlichungen/index.html

Manthey, J., Kalke, J., Kraus, L., Radas, S., Schranz, A., Verthein, U., Kotz, D., Fedler, C., Klosterhalfen, S., Steinhoff, P., Kinzig, J., Iberl, B., Rebmann, F., & Schreier, S. (2026, April). Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN): 2. Zwischenbericht.

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