torstenrammrath
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Juni 11
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5 min

Cannabis & Abnehmen: Kann THC beim Gewichtsverlust helfen?

THC macht hungrig. Trotzdem sind regelmäßige Cannabis-Konsumierende im Durchschnitt oft schlanker als Nichtkonsumierende. Klingt widersprüchlich? Genau dieses „BMI-Paradox“ beschäftigt aktuell auch die Forschung. Was Cannabis wirklich mit Appetit, Stoffwechsel und Fettverbrennung macht und warum CBD und THCV dabei eine wichtige Rolle spielen könnten, zeigt ein Blick in die aktuelle Studienlage.


  • THC kann Heißhunger auslösen: Vor allem kurzfristig steigert THC Appetit, Hunger und das Verlangen nach fettigem oder süßem Essen.
  • Cannabis-Konsumierende sind oft trotzdem schlanker: Viele Studien zeigen, dass regelmäßige Konsumierende im Durchschnitt häufig einen niedrigeren BMI haben als Nichtkonsumierende.
  • Ein echter Abnehm-Effekt ist nicht bewiesen: Die Forschung sieht zwar Zusammenhänge, konnte bisher aber nicht eindeutig zeigen, dass Cannabis direkt beim Abnehmen hilft.
  • CBD wirkt anders als THC: CBD scheint eher appetithemmend und stoffwechselrelevant zu wirken – also eher gegenteilig zu THC.
  • THCV gilt als besonders spannend: Das Cannabinoid THCV könnte künftig für Stoffwechsel- und Adipositasforschung interessant werden, steckt wissenschaftlich aber noch in den Anfängen.

Cannabis gilt für viele noch immer als Appetit-Booster. Das Bild vom klassischen „Munchies“-Effekt – Heißhunger auf Chips, Süßigkeiten und Fast Food – ist tief in der Popkultur verankert. Gleichzeitig zeigen moderne Studien seit einigen Jahren ein überraschend anderes Bild: Menschen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, haben im Durchschnitt oft einen niedrigeren BMI (Body Mass Index) als Nichtkonsumierende.

Wie passt das zusammen? Macht Cannabis nun dick oder kann es sogar beim Abnehmen helfen?

Die Forschung zeigt inzwischen: So einfach ist die Antwort nicht. Entscheidend sind unter anderem Cannabinoid-Profil, Konsumhäufigkeit, Dosis, Stoffwechsel, Konsumform und die Frage, ob THC, CBD oder andere Cannabinoide im Vordergrund stehen.

Warum THC zunächst den Appetit steigern kann

Der psychoaktive Wirkstoff THC aktiviert sogenannte CB1-Rezeptoren im körpereigenen Endocannabinoid-System. Diese Rezeptoren beeinflussen unter anderem Hunger, Belohnung, Geruch, Geschmack und Energiehaushalt.

THC kann dadurch:

  • Hunger verstärken
  • Essen attraktiver erscheinen lassen
  • das Verlangen nach kalorienreichen Lebensmitteln erhöhen
  • über das natürliche Sättigungsgefühl hinaus essen lassen [1]

Studien zeigen außerdem, dass THC besonders die Belohnungsreaktion auf fett- und zuckerreiche Lebensmittel verstärkt. Teilnehmende empfanden hochkalorische Speisen unter THC als attraktiver und konsumierten teilweise mehr davon.[1]

Vor allem Edibles scheinen diesen Effekt stärker auszulösen als inhalierter Cannabis-Konsum. Eine Studie zeigte, dass oral aufgenommenes THC den Spiegel des Hungerhormons Ghrelin stärker ansteigen ließ als gerauchtes oder verdampftes Cannabis.[1]

Warum Cannabis-Konsumenten trotzdem oft schlanker sind

Trotz dieser appetitanregenden Wirkung zeigen viele Beobachtungsstudien etwas Überraschendes: Regelmäßige Cannabis-Konsumierende weisen häufig einen niedrigeren BMI und geringere Adipositas-Raten auf als Nichtkonsumierende.[2]

Auch große Langzeitstudien fanden zwar eine Gewichtszunahme über die Jahre in allen Gruppen, allerdings fiel sie bei Cannabis-Konsumierenden geringer aus als bei Menschen ohne Cannabis-Erfahrung.[1]

Forschende vermuten mehrere mögliche Erklärungen:

1. Gewöhnungseffekt des Endocannabinoid-Systems

Chronischer THC-Konsum scheint die CB1-Rezeptoren langfristig herunterzuregulieren. Dadurch reagiert das System mit der Zeit weniger stark auf THC.[1]

Das könnte erklären, warum langjährige Konsumierende oft weniger starke „Munchies“ erleben als Gelegenheitskonsumierende.

2. Einfluss auf Stoffwechsel und Energieverbrauch

Einige Arbeiten diskutieren, dass Cannabis den Energieverbrauch erhöhen und die Fettspeicherung beeinflussen könnte.[2]

Tierstudien zeigten unter chronischem THC-Konsum:

  • geringere Gewichtszunahme
  • reduzierte Fettmasse
  • höhere Stoffwechselaktivität
  • Veränderungen der Darmflora [2]

Besonders interessant: In einigen Modellen stieg unter THC die Menge des Darmbakteriums Akkermansia muciniphila, das mit besserer Stoffwechselgesundheit assoziiert wird.[2]

3. Cannabis ist vermutlich keine direkte „Abnehmhilfe“

Trotzdem warnen Forschende davor, aus diesen Daten vorschnell Schlüsse zu ziehen.

Mehrere Studien betonen ausdrücklich, dass die Verbindung zwischen Cannabis und niedrigerem BMI wahrscheinlich nicht kausal ist. Viele Einflussfaktoren lassen sich in Beobachtungsstudien nicht vollständig kontrollieren, wie etwa Ernährung, Bewegung, Tabakkonsum oder sozioökonomische Faktoren.[1]

Eine Mendelian-Randomization-Studie – also eine Forschungsmethode, die genetische Unterschiede nutzt, um mögliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen besser zu untersuchen – fand zudem keine eindeutigen Hinweise darauf, dass Cannabis direkt zu geringerem Körpergewicht führt.[3]

Forschende formulieren insgesamt vorsichtig: Cannabis sei weder eine offensichtliche Ursache für Gewichtszunahme noch eine wissenschaftlich belegte Lösung gegen Adipositas.[1]

Infografik mit dem Titel „Cannabis und Gewicht“. Die Grafik zeigt eine Gegenüberstellung von möglichen Vorteilen und Nachteilen von Cannabis im Zusammenhang mit Körpergewicht und Stoffwechsel. Auf der linken Seite („Pros“) stehen: geringerer BMI, reduzierte Adipositas, geringere Gewichtszunahme, erhöhte Stoffwechselaktivität und verbesserte Darmflora. Auf der rechten Seite („Cons“) stehen: nicht kausal, unkontrollierte Faktoren, keine eindeutigen Hinweise und keine offizielle Abnehmhilfe. Die Darstellung ist minimalistisch in Schwarz, Weiß und Grün gestaltet.

CBD: Der große Unterschied zu THC

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen THC und CBD.

Während THC appetitanregend wirkt, zeigt CBD in vielen Studien eher den gegenteiligen Effekt. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 analysierte elf klinische Studien zu CBD und Körpergewicht. Die Mehrheit der Arbeiten berichtete über:

  • verminderten Appetit
  • stärkeres Sättigungsgefühl
  • teilweise geringere Gewichtszunahme [4]

In mehreren Studien trat der appetithemmende Effekt dosisabhängig auf: Höhere CBD-Dosen führten häufiger zu vermindertem Hunger.[4]

Forscher vermuten, dass CBD anders auf das Endocannabinoid-System wirkt als THC. CBD blockiert bestimmte CB1-Effekte teilweise und könnte zusätzlich entzündungshemmende sowie stoffwechselrelevante Prozesse beeinflussen.[2]

THCV: Der spannendste Kandidat für Gewichtsmanagement?

Noch interessanter als CBD könnte künftig THCV werden – ein weniger bekanntes Cannabinoid aus der Cannabispflanze.

THCV wirkt im niedrigen Dosisbereich als CB1-Antagonist und könnte dadurch Hunger reduzieren statt steigern.[2]

Tierstudien zeigten unter THCV:

  • weniger Nahrungsaufnahme
  • bessere Insulinsensitivität
  • verbesserte Glukosewerte
  • geringere Fettansammlung [2]

Auch erste Humanstudien liefern vorsichtig positive Hinweise auf Verbesserungen des Stoffwechsels bei Menschen mit Typ-2-Diabetes.[2]

Allerdings steckt die Forschung hierzu noch in einem frühen Stadium.

Cannabis und Essverhalten: Nicht nur das Gewicht zählt

Mehrere Arbeiten weisen darauf hin, dass Gewicht allein möglicherweise der falsche Fokus ist.

Denn selbst wenn Cannabis nicht automatisch zu Übergewicht führt, kann THC durchaus ungesunde Verhaltensmuster fördern:

  • mehr Fast Food
  • höhere Kalorienzufuhr
  • mehr salzige Snacks
  • geringere körperliche Aktivität [1]

Besonders relevant wird das bei problematischem Konsum. Menschen mit Cannabis Use Disorder (CUD) – also einer Cannabisabhängigkeit – zeigen häufiger Kontrollverlust beim Essen und Überschneidungen mit Essstörungen.[1]

Cannabis & Gewichtsabnahme: Was die Forschung aktuell wirklich sagt

Die aktuelle Studienlage lässt sich am besten so zusammenfassen:

  • THC steigert kurzfristig Appetit und Belohnungsessen.
  • CBD scheint eher appetithemmend zu wirken.
  • THCV könnte künftig therapeutisch interessant werden.
  • Regelmäßiger Cannabis-Konsum ist in vielen Studien mit niedrigerem BMI assoziiert.
  • Ein direkter kausaler Abnehm-Effekt ist bislang aber nicht bewiesen.

Die Forschung steht außerdem vor einem großen Problem: Viele Studien unterscheiden nicht sauber zwischen THC, CBD, Mischprodukten, Dosierung, Konsumdauer oder Einnahmeform. Genau diese Unterschiede scheinen aber entscheidend zu sein.

Fazit: Kann THC beim Abnehmen helfen?

Die kurze Antwort lautet: Wahrscheinlich nicht direkt.

THC kann kurzfristig Hunger und Kalorienaufnahme erhöhen, besonders bei gelegentlichem Konsum. Gleichzeitig zeigen viele epidemiologische Studien, dass regelmäßige Konsumierende oft schlanker sind als Nichtkonsumierende.

Ob dahinter echte Stoffwechsel-Effekte, Veränderungen des Endocannabinoid-Systems oder schlicht statistische Verzerrungen stehen, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Spannender als THC erscheinen derzeit andere Cannabinoide wie CBD oder THCV, die möglicherweise Einfluss auf Appetit, Entzündung, Insulinsensitivität und Fettstoffwechsel haben könnten.

Für eine medizinische Empfehlung reicht die aktuelle Datenlage allerdings noch nicht aus.


FAQ

Cannabis beeinflusst den Stoffwechsel über das sogenannte Endocannabinoid-System, das unter anderem Hunger, Energieverbrauch und Fettspeicherung reguliert. THC kann kurzfristig Appetit und Kalorienaufnahme erhöhen, während langfristiger Konsum möglicherweise mit Veränderungen des Energiehaushalts und der Fettverarbeitung verbunden ist.[1] Einige Studien zeigen zudem Zusammenhänge zwischen Cannabis-Konsum und niedrigerem BMI sowie besseren Stoffwechselwerten, etwa bei Insulinsensitivität oder Blutzuckerregulation – ein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Beweis fehlt bislang jedoch.[2]
Nicht unbedingt. THC kann kurzfristig den Appetit steigern und Heißhunger auslösen („Munchies“).[1] Zwar zeigen einige Studien, dass regelmäßige Cannabis-Konsumierende im Durchschnitt oft einen niedrigeren BMI haben, ein direkter Abnehm-Effekt ist wissenschaftlich aber bislang nicht bewiesen.[3] Andere Cannabinoide wie CBD könnten dagegen eher appetithemmend wirken.[4]
Dazu gibt es bislang keine verlässlichen wissenschaftlichen Zahlen. Einige Studien vermuten zwar, dass Cannabis bestimmte Stoffwechselprozesse beeinflussen und den Energieverbrauch verändern könnte, ein konkreter zusätzlicher Kalorienverbrauch durch „Kiffen“ wurde aber nicht eindeutig nachgewiesen.[2] Cannabis sollte deshalb nicht als Methode verstanden werden, um aktiv Kalorien zu verbrennen oder Gewicht zu verlieren.
Das ist bislang nicht vollständig geklärt. Studien zeigen, dass regelmäßige Cannabis-Konsumierende im Durchschnitt häufig einen niedrigeren BMI haben als Nichtkonsumierende, obwohl THC den Appetit steigern kann.[1] Forschende vermuten, dass langfristiger Konsum das Endocannabinoid-System verändert und dadurch Stoffwechsel, Energieverbrauch und Fettspeicherung beeinflussen könnte.[2] Gleichzeitig betonen Studien, dass auch andere Faktoren wie Lebensstil, Ernährung oder Tabakkonsum eine Rolle spielen könnten.
Derzeit wird medizinisches Cannabis in Deutschland nicht offiziell zur Behandlung von Übergewicht oder Adipositas verschrieben. Die aktuelle Studienlage reicht dafür bislang nicht aus. Zwar untersuchen Forschende mögliche Effekte bestimmter Cannabinoide wie CBD oder THCV auf Stoffwechsel, Entzündungen und Appetit, wissenschaftlich anerkannte Cannabis-Therapien gegen Adipositas sind daraus bisher aber nicht entstanden.[2] THC-haltiges Cannabis kann den Appetit zudem sogar steigern.

Quellen

[1] Goodpaster, K. P. S. (2025). Cannabis, weight, and weight-related behaviors. Current Obesity Reports, 14, 40.

[2] Cavalheiro, E. K. F. F., Costa, A. B., Salla, D. H., Silva, M. R. D., Mendes, T. F., Silva, L. E. D., Turatti, C. D. R., Bitencourt, R. M., & Rezin, G. T. (2022). Cannabis sativa as a treatment for obesity: From anti-inflammatory indirect support to a promising metabolic re-establishment target. Cannabis and Cannabinoid Research, 7(2), 135–151.

[3] Avalos, B., Olmos, M., Wood, C. P., Alvarez, C., Read, H. M., Udompholkul, P., Garland, T., Jr., & DiPatrizio, N. V. (2026). Δ9 tetrahydrocannabinol and cannabis extracts differentially improve adipoinsular dysfunction in diet-induced obesity. The Journal of Physiology. Advance online publication.

[4] Pinto, J., & Martel, F. (2022). Effects of cannabidiol on appetite and body weight: A systematic review. Clinical Drug Investigation, 42, 909–919.

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