Menschen, die Cannabis und Tabak zusammen konsumieren, entwickeln offenbar häufiger eine Psychose – vor allem dann, wenn sie ohnehin schon ein erhöhtes Risiko dafür haben. Das zeigt eine große Studie, die im Mai 2026 im Fachjournal Nature Mental Health erschienen ist.
Ein Forschungsteam um Dr. Heather Ward vom Vanderbilt University Medical Center (USA) hat die Daten von mehr als 1.000 Menschen ausgewertet. Im Zentrum stand eine bislang erstaunlich wenig untersuchte Frage: Was passiert, wenn Menschen Cannabis und Tabak nicht getrennt, sondern gemeinsam konsumieren? Fachleute nennen das „Co-Use", also den kombinierten Konsum – etwa bei einem “Joint” mit Cannabis und Tabak, oder zeitversetzt über den Tag verteilt. [1]
„Die Verbreitung des kombinierten Cannabis- und Tabakkonsums – bekannt als ‚Co-Use' – hat in der Allgemeinbevölkerung über die vergangenen Jahrzehnte zugenommen, während der ausschließliche Tabakkonsum zurückgegangen und der ausschließliche Cannabiskonsum gestiegen ist. Über den kombinierten Konsum bei Jugendlichen mit Psychose-Risiko ist jedoch wenig bekannt." – Dr. Heather Ward, Studienleiterin [2]
Das Team nutzte Daten der „North American Prodrome Longitudinal Study", einer Langzeituntersuchung an acht Standorten in den USA und Kanada. Über zwei Jahre wurden 734 Menschen mit „klinisch hohem Risiko" für eine Psychose sowie 278 gesunde Vergleichspersonen beobachtet. „Klinisch hohes Risiko" heißt: Diese – meist jungen – Menschen zeigen bereits leichte oder beginnende Anzeichen, haben aber noch keine voll ausgeprägte Erkrankung wie eine Schizophrenie. Eingeteilt wurde nach Konsum: nur Tabak, nur Cannabis, beides kombiniert, andere Substanzen oder nichts. [1]
„Tabak- und Cannabiskonsum haben schon jeweils für sich verheerende Folgen für Menschen mit Psychose. Deshalb wollten wir wissen, ob Menschen, die beides kombinieren, stärkere psychische Symptome haben – und ob bei ihnen das Risiko erhöht ist, überhaupt erst eine Psychose zu entwickeln." – Dr. Heather Ward [2]
Erstens: Je häufiger jemand konsumierte, desto stärker waren die psychischen Symptome – sowohl bei Cannabis als auch bei Tabak. Dazu zählten Psychose-nahe Anzeichen, aber auch Angst und depressive Verstimmungen.
Zweitens, überraschend: Bei den kurzfristigen Symptomen war die Kombination nicht schlimmer als der Konsum nur einer Substanz. Wer Cannabis und Tabak zusammen nutzte, hatte im Schnitt keine schwereren Beschwerden als Menschen, die nur eines von beidem konsumierten.
Drittens – und das ist der entscheidende Befund: Beim Risiko, über die Zeit tatsächlich eine voll ausgeprägte Psychose zu entwickeln, machte der kombinierte Konsum sehr wohl einen Unterschied. Besonders auffällig war die Konstellation aus starkem Cannabiskonsum und gleichzeitig leichtem Tabakkonsum. [1]
„Wir haben festgestellt, dass der kombinierte Konsum von Cannabis und Tabak bei Menschen, die ohnehin schon ein Risiko hatten, mit einem fast dreifach erhöhten Risiko verbunden war, eine Psychose zu entwickeln. Es gibt Hinweise darauf, dass der gemeinsame Konsum von Tabak und Cannabis synergistische Effekte im Gehirn haben könnte." – Dr. Heather Ward [2]

Eine mögliche Erklärung ist ein biologisches Zusammenspiel beider Substanzen. Die Forschenden betonen aber zugleich, dass die Studie keine eindeutige Ursache-Wirkung beweisen kann.
„Wenn man Tabak und Cannabis zusammen raucht, erhöht das die Aufnahme von THC, dem psychoaktiven Bestandteil von Cannabis. Möglicherweise trägt der kombinierte Konsum selbst zur Entstehung einer Psychose bei. Es ist aber ebenso möglich, dass Menschen, die ohnehin eine Psychose entwickeln, eine zugrunde liegende Veranlagung haben, sowohl Cannabis als auch Tabak zu konsumieren." – Dr. Heather Ward [2]
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Wichtig zur Einordnung: Die Studie betrifft den Freizeitkonsum bei jungen Menschen mit erhöhtem Psychose-Risiko. Sie lässt sich nicht einfach auf den medizinisch begleiteten Einsatz von Cannabis übertragen, der unter ärztlicher Aufsicht, mit klarer Dosierung und Indikation erfolgt.
Dennoch ist die Botschaft ernst zu nehmen: Gerade für junge Menschen mit familiärer Vorbelastung oder ersten Auffälligkeiten kann die Kombination ein zusätzliches Risiko sein. Laut Ward ist es für Cannabis-Patient:innen wie Behandelnde wichtig zu wissen, dass der kombinierte Konsum ein Risikofaktor ist – und ein Konsumstopp die psychischen Symptome bessern könnte. [2]
Ein zentraler Punkt der Studie ist, dass vor allem die Kombination mit Tabak das Risiko mit antreibt. In der medizinischen Anwendung spielt Tabak ohnehin keine Rolle, da stets empfohlen wird, Cannabisblüten zu verdampfen und nicht zu rauchen. Beim Vaporisieren mit einem Vaporizer werden die Wirkstoffe bei kontrollierter Temperatur – meist zwischen 160 und 210 °C – freigesetzt, ohne dass etwas verbrennt. Das gilt als schonender für die Atemwege als Rauchen, erlaubt eine genauere Dosierung und kommt vollständig ohne Tabak aus. Wichtig bleibt: Auch das Verdampfen ist nicht völlig frei von Belastung, und welche Cannabis-Darreichungsform am besten passt, sollte immer ärztlich abgestimmt werden. [3]
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Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie; ein dritter Faktor wie genetische Veranlagung oder Kindheitsbelastungen könnte sowohl Konsum als auch Psychose begünstigen. Zudem stammen die Daten aus den Jahren 2009 bis 2013 – vor der Cannabis-Legalisierung in vielen US-Bundesstaaten, vor der Verbreitung von Vapes und vor dem deutlichen Anstieg des THC-Gehalts. Die Konsumangaben beruhten auf Selbstauskunft. [1]
Erstmals wird gezielt der kombinierte Konsum von Cannabis und Tabak bei Menschen mit erhöhtem Psychose-Risiko betrachtet. Vor allem häufiger Cannabiskonsum in Kombination mit Tabak ging mit einem rund dreifach erhöhten Risiko einher. Als nächsten Schritt will das Team prüfen, ob ein Konsumstopp dieses Risiko senken kann.
[1] Bello, D., Blyth, S. H., Rabin, R. A., Ward, H. B., Connolly, J. G., Bai, Y., ... & Mathalon, D. H. (2026). Cannabis and tobacco co-use predicts psychosis in clinical high risk cohorts. Nature Mental Health, 4, 941–950.
[2] Vanderbilt University Medical Center. (2026, May 12). Cannabis and tobacco co-use increases psychosis chances in high-risk cohorts: Study. Abgerufen am 01. Juli 2026, von https://news.vumc.org/2026/05/12/cannabis-and-tobacco-co-use-increases-psychosis-chances-in-high-risk-cohorts-study/
[3] Rojas, D.E., McCartney, M.M., Borras, E. et al. Impacts of vaping and marijuana use on airway health as determined by exhaled breath condensate (EBC). Respir Res 26, 63 (2025).