Nicht nur THC, nicht nur CBD, sondern möglichst alles, was in der Blüte steckt: Das ist die Idee hinter Vollspektrum-Cannabis-Extrakten. Was dahintersteckt und was die Forschung bisher weiß.

Ein paar Tropfen Öl, ein kleines braunes Fläschchen. Unscheinbar. Und doch steckt darin eine spannende Frage: Unterscheiden sich Extrakte aus der ganzen Pflanze von Präparaten mit einem einzelnen Wirkstoff? So viel vorweg: Diese Frage ist wissenschaftlich noch offen.
Cannabis ist viel mehr als THC. In der Pflanze stecken über 400 aktive Stoffe [1]. Ein Vollspektrum-Cannabis-Extrakt soll möglichst viele davon bewahren. Ob das einen Vorteil bringt, ist wissenschaftlich nicht geklärt [2].
Dieser Artikel erklärt, was hinter dem Begriff Vollspektrum-Extrakt steckt. Vorwissen braucht es dafür nicht.
Ein Vollspektrum-Extrakt wird aus der ganzen Pflanze gewonnen. Das Gegenteil sind Präparate, bei denen man einzelne Wirkstoffe gezielt herausholt und reinigt [1].
Ein Bild aus dem Alltag: Vollspektrum ist wie frisch gepresster Orangensaft. Ein Einzelwirkstoff ist wie eine Vitamin-C-Tablette. Beide liefern Vitamin C. Aber nur der Saft bringt den Rest der Frucht mit.
Im Extrakt landen deshalb nicht nur die bekannten Wirkstoffe THC und CBD. Auch seltenere Cannabinoide wie CBG bleiben erhalten, dazu Terpene, also die Duftstoffe der Pflanze [3].
Bei einem Isolat bleibt am Ende ein einziger, reiner Stoff übrig, zum Beispiel reines CBD [3]. Im Gegensatz dazu geht ein Vollspektrum-Konzentrat den umgekehrten Weg: Es soll das Cannabinoidprofil der Blüte möglichst vollständig abbilden, samt aller wichtigen Pflanzenbestandteile [3].
Wichtig zu wissen: „Vollspektrum“ beschreibt, wie ein Extrakt gemacht wird. Es sagt nichts darüber, wie viel THC oder CBD drin ist. Ein Vollspektrum-Extrakt kann fast nur CBD enthalten [3]. Ein anderer ist gezielt auf THC eingestellt [2]. Und es gibt Mischungen aus beidem, zum Beispiel 1:1-Extrakte mit gleich viel THC und CBD. Alle heißen Vollspektrum, sind aber unterschiedlich zusammengesetzt.
Deshalb lassen sich Erfahrungen mit einem Extrakt auch nicht einfach auf einen anderen übertragen. Jede Pflanze ist ein bisschen anders, und auch das Herstellungsverfahren verändert das Ergebnis [2].
Auf den ersten Blick klingen die drei Begriffe ähnlich. Und tatsächlich haben sie etwas gemeinsam: Alle sind Extrakte aus der Cannabispflanze, und alle sollen möglichst viel von dem bewahren, was in der Blüte steckt, vor allem die Terpene. Der Unterschied liegt in der Herstellung und in der Stärke. In Kanada, wo Cannabis legal ist, gibt es Rosin und Live Resin ganz regulär im staatlichen Handel zu kaufen, etwa als Kartuschen für den Vape Pen.
Kurz gesagt: Rosin und Resin sind hochkonzentrierte Formen, ein Vollspektrum-Extrakt in Öl ist in der Regel deutlich niedriger konzentriert. Für eine Therapie zählt deshalb nicht nur, wie ein Extrakt hergestellt wurde, sondern vor allem, dass Gehalt und Qualität geprüft und gleichbleibend sind.
Neu ist die Idee eines Cannabis-Vollspektrum-Extrakts übrigens nicht. Schon im 18. und 19. Jahrhundert wurden Tinkturen, Extrakte und Öle aus der Cannabispflanze gegen Schmerzen, Epilepsie und Krämpfe eingesetzt [1]. Im 20. Jahrhundert kam die Forschung durch Verbote dann weitgehend zum Erliegen [1].
Ab etwa 1980 wurden die ersten künstlich hergestellten Cannabinoide als Medikamente zugelassen. Die erhoffte Wirkung brachten sie aber oft nicht [1]. Auch deshalb rücken Präparate aus der ganzen Pflanze heute wieder in den Fokus [1].
Am Anfang stehen die Cannabisblüten. Damit THC und CBD wirken können, werden die Blüten meist zuerst erhitzt. Erst dadurch werden die Wirkstoffe in der Pflanze „aktiviert“ [1]. Für die eigentliche Extraktion gibt es zwei gängige Wege:
Bei diesem Verfahren dient Alkohol als Lösungsmittel. Die Blüten werden in Alkohol eingelegt, der die Wirkstoffe aus der Pflanze löst. Anschließend wird die Flüssigkeit gefiltert und der Alkohol verdampft. Übrig bleibt ein Harz, das dann in einem Öl gelöst wird, zum Beispiel in Olivenöl [1].
Beim zweiten Verfahren wirkt Kohlendioxid unter hohem Druck wie ein Lösungsmittel. Es holt die Inhaltsstoffe aus der Pflanze. Dabei bleiben auch die Terpene gut erhalten [3].
Für die Qualität medizinischer Cannabisextrakte reicht es nicht, einfach eine Blüte auszulösen. Jede Charge wird im Labor geprüft, etwa auf den Wirkstoffgehalt, auf Schwermetalle und auf Keime [1]. Für Patient:innen ist das entscheidend. Nur so ist der Wirkstoffgehalt von Charge zu Charge gleich. Eine Extraktion gehört übrigens ins Labor, nicht in die eigene Küche.
Die Hauptwirkstoffe THC und CBD wirken über das Endocannabinoid-System des Körpers [1]. Man kann es sich wie ein Netz aus Schlössern vorstellen. Die Cannabinoide aus der Pflanze passen wie Schlüssel hinein.

Wie viel Wirkstoff ein Extrakt enthält, steht in den Angaben auf dem Etikett. Bei Ölen wird die Konzentration meist in Milligramm pro Milliliter (mg/ml) angegeben. Die Unterschiede sind groß. Mehr THC heißt dabei aber nicht automatisch mehr Nutzen. In einer Studie aus Brasilien hing der Erfolg der Behandlung weder von der Dosis noch vom THC-CBD-Verhältnis ab. Wichtiger waren individuelle Faktoren der einzelnen Patient:innen [6].
Der Entourage-Effekt ist das wichtigste Argument für Vollspektrum-Extrakte. Die Idee: Im Zusammenspiel wirken Cannabinoide und Terpene stärker als jeder Stoff allein, wie ein Orchester, das mehr kann als ein einzelnes Instrument [1].
Möglicherweise helfen die Begleitstoffe dem Körper, die Wirkstoffe besser aufzunehmen [3].
Der Haken: Zweifelsfrei bewiesen ist das nicht. In einem Tierversuch hat CBD die schmerzlindernde Wirkung von THC sogar abgeschwächt statt verstärkt [3]. Der Entourage-Effekt bleibt deshalb eine gut begründete Theorie, ist aber bisher keine Tatsache.
Am besten untersucht sind Vollspektrum-Extrakte bei chronischen Schmerzen. Kein Zufall: Schmerzen gehören zu den häufigsten Gründen, warum Cannabisextrakte überhaupt eingesetzt werden [1]. Wie sich Schlaf, Angst oder Stimmung verändern, haben die Studien meist nebenbei mit erfasst.
In einer Studie an 66 Zentren in Deutschland und Österreich erhielten 820 Erwachsene mit chronischen Rückenschmerzen zwölf Wochen lang entweder einen bestimmten THC-reichen Vollspektrum-Extrakt oder ein Placebo. Die Schmerzen gingen in beiden Gruppen zurück, in der Extrakt-Gruppe etwas stärker. Nebenwirkungen waren in der Extrakt-Gruppe deutlich häufiger, etwa jede:r Sechste brach die Behandlung deswegen ab. Die Ergebnisse gelten nur für dieses Präparat.
Einschränkungen gibt es auch hier: Die Studie wurde vom Hersteller des Extrakts bezahlt, der auch am Aufbau der Studie mitgewirkt hat. Und ein direkter Vergleich mit starken Schmerzmitteln wie Opioiden fehlte [2].
In allen drei Studien an Patient:innen wurde der Extrakt als Öl eingenommen. Mal wurde er mit einer Dosierspritze geschluckt [2], mal unter die Zunge getropft [1]. Als Grundlage dienten Olivenöl oder Sesamöl [1, 2].
Ein Vape Pen ist ein kleiner, stiftförmiger Verdampfer. Statt Blüten steckt darin eine Kartusche mit Cannabisextrakt. Der Extrakt wird erhitzt, aber nicht verbrannt, und als Dampf eingeatmet.
Wer über einen Vape Pen nachdenkt, sollte drei Dinge wissen:
Für die Dosierung gilt ein Grundsatz: niedrig beginnen, langsam steigern. So gingen alle drei Studien an Patient:innen vor [1, 2, 6]. Wie viel jemand braucht, ist sehr unterschiedlich [6]. Die passende Dosis legt deshalb immer die Ärztin oder der Arzt gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten fest.
Cannabis kann beeinflussen, wie schnell die Leber andere Medikamente abbaut. Dadurch können manche Arzneimittel, etwa bestimmte Antidepressiva, stärker wirken [6]. Wer weitere Medikamente nimmt, sollte das vor dem Therapiebeginn ansprechen.
Nebenwirkungen sind keine Seltenheit. In der großen Rückenschmerz-Studie bemerkten die meisten Teilnehmenden mit Extrakt welche, allerdings auch viele in der Placebogruppe [2]. Am häufigsten waren:
Die Beschwerden waren überwiegend leicht bis mittelschwer und traten vor allem zu Beginn auf. Etwa jede:r Sechste brach die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. Patient:innen mit Suchterkrankungen in der Vorgeschichte waren von der Studie ausgeschlossen. [2].
Die kleineren Studien zeigen ein ähnliches Bild. In Argentinien verschwanden die Nebenwirkungen, sobald die Dosis gesenkt wurde. Euphorie bzw. ein „High“-Gefühl beschrieb dort niemand [1]. Methodisch bedingt ist die Aussagekraft dieser Studie jedoch begrenzt, abschließende Rückschlüsse lassen sich daraus nicht ziehen. In Brasilien war ein trockener Mund am häufigsten [6]. Auch hier gilt: Aufgrund der methodischen Einschränkungen genügt die Evidenz nicht für ein abschließendes Urteil.
Ja, Vollspektrum-Extrakte gibt es in Deutschland auf Rezept. Sie zählen zu den medizinischen Cannabisextrakten, und für diese gilt: In Deutschland bekommt man sie nur in der Apotheke und nur mit ärztlichem Rezept. Seit dem Medizinal-Cannabisgesetz vom April 2024 ist dafür kein BtM-Rezept mehr nötig, ein normales Rezept genügt.
Ob es ein Vollspektrum-Extrakt sein soll und ob eher THC-reich oder CBD-reich, entscheidet die Ärztin oder der Arzt. Denn Extrakt ist nicht gleich Extrakt. Es gibt Vollspektrum-Extrakte als zugelassene Fertigarzneimittel mit fester Zusammensetzung und als Rezepturen aus der Apotheke. Die große Rückenschmerz-Studie hat ein bestimmtes Präparat untersucht, ihre Ergebnisse lassen sich nicht auf andere Extrakte oder Rezepturen übertragen [2].
Vollspektrum-Extrakte enthalten neben THC und CBD weitere Pflanzenstoffe. Ob und wie diese zur Wirkung beitragen, ist nicht geklärt. Für einzelne Präparate liegen Studien vor, ihre Ergebnisse lassen sich aber nicht auf andere Extrakte übertragen. Nebenwirkungen und ein Abhängigkeitsrisiko sind wie bei allen cannabisbasierten Arzneimitteln zu beachten. Ob eine Behandlung mit Cannabis sinnvoll ist, klärt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Ein „stärkstes“ Extrakt gibt es nicht. Wie stark ein Produkt ist, steht auf dem Etikett. Vollspektrum ist dabei kein Synonym für besonders stark. Für die Therapie zählt nicht die höchste, sondern die passende Menge.
Das lässt sich so nicht vergleichen. Blüten und Extrakte sind unterschiedliche Darreichungsformen: Blüten werden meist verdampft und eingeatmet, Extrakte in der Regel als Öl eingenommen. Der Körper nimmt die Wirkstoffe dabei auf unterschiedlichen Wegen auf [1]. Extrakte haben zwar einen praktischen Vorteil, denn sie enthalten immer gleich viel Wirkstoff [1]. Welche Form im Einzelfall passt, legt aber die Ärztin oder der Arzt fest.
Ja, medizinische Cannabisextrakte können süchtig machen. Das Risiko einer Abhängigkeit ist bei einer kontrollierten ärztlichen Therapie zwar geringer als beim Freizeitkonsum, aber dennoch vorhanden.
[1] Aragon F, Lozada M, Bigatti G, González-José R, Kochen S, McCarthy I (2025): Effectiveness of Full Spectrum Cannabis Extracts in the Treatment of Chronic Pain: An Open Label Study. Journal of Pain & Palliative Care Pharmacotherapy. https://doi.org/10.1080/15360288.2025.2517778
[2] Karst M, Meissner W, Sator S, Keßler J, Schoder V, Häuser W (2025): Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic low back pain: a phase 3 randomized placebo-controlled trial. Nature Medicine 31: 4189–4196. https://doi.org/10.1038/s41591-025-03977-0
[3] Escobar-Espinal D, Fernandes TAA, Ponciano R et al. (2026): Cannabigerol and standardized full-spectrum cannabis extract effects in acute and chronic inflammatory pain models. Psychopharmacology. https://doi.org/10.1007/s00213-026-07156-y
[4] Whiting, P. F. et al. Cannabinoids for medical use: A systematic review and meta-analysis. JAMA - J. Am. Med. Assoc. 313, 2456–2473 (2015).
[5] Abrams, D. I. The therapeutic effects of Cannabis and cannabinoids: An update from the National Academies of Sciences, Engineering and Medicine report. Eur. J. Intern. Med. 49, 7–11 (2018).
[6] Soares Silva PM, Medeiros W, Nogueira Borges C et al. (2025): Full-spectrum cannabis extracts for women with chronic pain syndromes: a real-life retrospective report of multi-symptomatic benefits after treatment with individually tailored dosage schemes. Frontiers in Pharmacology 16: 1538518. https://doi.org/10.3389/fphar.2025.1538518